Was nicht mechanistisch erklärbar ist – Vom unsichtbaren Autismus…

Bevor ich hier jetzt von meinen Erfahrungen berichte, möchte ich zunächst mit einer kurzen Stoffsammlung von Äußerungen neurotypischer Menschen beginnen, die der ein oder andere mit einer Autismus Diagnose womöglich so, oder in ähnlicher Form, ebenfalls kennen wird.

„Dann hast du also den Autismus, den man gar nicht sieht.“
„Das kann bei dir niemals Autismus sein. Das kommt alles von deiner verkorksten Kindheit.“
„Ich sehe dich nicht als Autistin.“
„Wenn du wirklich Autismus hättest, dann wäre das doch schon längst als Kind entdeckt worden.“
„Das du Asperger haben sollst, merkt man aber nicht.“
„Autismus wird doch heute genauso vorschnell diagnostiziert wie ADHS. Das würde ich an deiner Stelle noch mal überprüfen lassen. Du wirkst doch ganz normal.“
„Wieso kannst du wegen deinem Autismus nicht mehr arbeiten? Bei deiner schriftsprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Das kann doch gar nicht sein. Du bist doch intelligent.“

Wenn ich solche Aussagen höre, dann frage ich mich ernsthaft, ob man denn einer Person erst sichtlich anmerken muss, um was es geht, damit die Glaubwürdigkeit nicht angezweifelt wird?
Auf der einen Seite ist es natürlich hoch erfreulich, wenn die individuelle Beeinträchtigung nicht auf den ersten Blick von der Umwelt realisiert wird. Wenn man sich also weitgehend unauffällig im täglichen Leben bewegen kann, ohne sogleich in den negativen Focus irgendwelcher Menschen zu geraten.

Man spricht ja beim Asperger Syndrom bekanntlich auch von einer leichten Form des Autismus. Doch genau hier liegt meines Erachtens eine Ambivalenz vor, weil man seine Defizite nämlich sehr genau wahrnimmt. Es kann mitunter sogar unvorteilhaft sein, sich stets um unauffälliges und möglichst angepasstes Verhalten zu bemühen, weil wir dadurch zwangsläufig an den Anforderungen des vermeintlich Normalen gemessen werden.

Folglich kompensiert man dann automatisch, permanent von einer Situation zur nächsten, unermüdlich weiter. Man ist also zwanghaft hoch konzentriert und befindet sich stets unter körperlicher und geistiger Anspannung, sobald ein soziales Miteinander entsteht. Unabhängig davon, ob gerade eine Konversation statt findet, oder nicht. Jedenfalls geht es mir so, ohne das jetzt näher erläutern zu können.

Jedenfalls war ich kürzlich mal in der Lage gewesen, einer Freundin davon zu berichten. Worauf diese dann erwiderte, ich müsste ja jeden Abend mit einem randvollen Kopf völlig fertig sein. Dem konnte ich jedoch nur entgegen setzen, dass die Gesamtkulisse einer Autobahn diesem Zustand bildlich am nächsten kommen würde. Worauf dann die Frage folgte, wie man denn überhaupt so leben könnte, dass müsste ja entsetzlich anstrengend sein. Das habe ich an dieser Stelle natürlich auch zugegeben und hierbei wurde mir plötzlich bewusst, dass ich es ja gar nicht anders kenne und es im Prinzip ja immer schon so war, von Kindheit an. Oh selig, oh selig, sich ein ganzes Leben durch die Normalität zu kämpfen…

Wenn es da nicht einen besonderen Ort geben würde und zwar eine Freizeitgruppe in einem Autismus-Zentrum. Auf die Frage hin, warum ich denn ein solches Angebot überhaupt in Anspruch nehmen würde, obwohl ich doch wesentlich selbständiger leben könnte und ja auch verheiratet sei, wusste ich lange Zeit keine plausible Antwort. Außer der, dass ich die lieben Menschen dort sehr schätze und mich in der besagten Umgebung überaus wohl fühle. Nur abgesehen von der zeitweiligen Empfindung, doch irgendwie in der Mitte zu stehen…

Doch erst nach mehreren Jahren wurde mir bewusst, wie schön es ist, einfach mal für ein paar Stunden sozusagen in eine andere Welt abtauchen zu können, eine Auszeit aus dem normalen Leben genießen zu dürfen. Mal einfach nur sinnfrei schönen und Autismus spezifischen Beschäftigungen nachzugehen, die im wirklichen Leben nicht realisierbar sind und dabei in dieser Zeit auch noch wohlwollend begleitet zu werden.

Es hat einfach irgendwie etwas erholsames, mal nicht in der Welt der Starken und funktionierenden, normalen Leute zu bestehen, wie ich das gewohnt bin. So wie es andere von mir erwarten und wie ich es auch von mir selbst im täglichen Leben voraussetze. Überdies wurde mir im laufe der Zeit ebenfalls klar, dass ich diesen sogenannten Platz in der Mitte, also zwischen Mitgliedern und Gruppenleitern überhaupt nicht ausfüllen muss, sondern einfach nur ich selbst sein kann.

Doch neben all diesen wertvollen Erfahrungen zeigt mir dieser wunderbare Ort jedoch auch, wie kostbar es ist, dass mir selbst die Fähigkeit zuteil wurde, einen sogenannten weitgehend unsichtbaren Autismus leben zu können. So schwer es mir oft fällt und so sehr mich die Eingangs genannten Äußerungen anderer Menschen oft irritieren und mitunter auch verärgern.

Jedenfalls bin ich nach sämtlichen überstandenen Herausforderungen schlussendlich doch immer wiederkehrend dafür dankbar, dass ich zu den autistischen Menschen mit der Stärke gehöre, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Und mit diesem Gedanken gestärkt verlasse ich nach jedem Freizeit-pädagogischen Termin das ATZ. Auch wenn die schöne und unbeschwerte Zeit mal wieder viel zu schnell vergangen ist.

Davon abgesehen hat man ja auch noch den sicheren Ort des eigenen Zuhauses, wo man nicht funktionieren muss, oder den Zwang hat, funktionieren zu müssen. Zum anderen bin ich gerade auch dabei zu lernen, mich gegen die Erwartungen anderer abzugrenzen, den Mut zu finden, mein Anderssein im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten zu leben und mich nicht bedingungslos anzupassen.

Denn ich habe festgestellt, dass man auch hieraus ebenfalls wieder Kraft tanken kann für die Herausforderungen, die einen täglich umgeben. Und seit dem mir das bewusst ist, nehme ich mir auch zu Hause die Freiheit, einfach mal sinnfreien Tätigkeiten nachzugehen und habe zum Beispiel eine Korbschaukel angeschafft, ähnlich wie die aus dem ATZ.

Mein Mann hat sie im letzten Sommer unter dem Balkon aufgehängt. Denn es ist ja schließlich unser Garten und daher auch unsere Angelegenheit, was wir dort anbringen, egal wie alt man ist. Die Reaktionen aus unserem sozialen Umfeld waren jedenfalls beeindruckend und so unterschiedlich, wie die Menschen selbst. Überrascht, erstaunt, entsetzt, amüsiert, positiv zustimmend, es war alles dabei. An solchen Situationen merkt man definitiv, wie tolerant und offen die Menschen für Situationen sind, die ein wenig von der üblichen Norm abweichen.

Man sagt über uns autistische Menschen, dass sie sich nicht in andere hineinversetzen können, aber ich glaube zu wissen, dass es an dieser Empathie oft umgekehrt mindestens genauso fehlt. Neurotypische Menschen meinen doch permanent uns überlegen zu sein und beurteilen zu können, was in uns vorgeht, was wir brauchen und woran man uns hindern sollte. Doch ich denke, die Wahrheit ist eine völlig andere und man sollte uns die Freiheit lassen, es selbst herausfinden zu können!

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Der Tod gehört zum Leben – Und plötzlich ist jemand verschwunden…

An dieser Stelle sei zuerst zu erwähnen, dass das Thema „Sterben“ und alles was damit zusammen hängt, sehr befremdlich für mich ist. Doch es ist nun mal genauso Bestandteil des Lebens, wie die Geburt eines Menschen. Die Vorstellung eines Tages versterben zu müssen, macht bekanntlich vielen Menschen Angst. Auch mir selbst ist es heutzutage äußerst suspekt, dass es irgendwann einmal vorbei sein wird. Aber es hat auch mal eine Phase gegeben, wo ich mich nicht vor dem Sterben gefürchtet habe und zwar nach einer Nahtod-Erfahrung in meiner Jugend, während einer schweren Erkrankung.

Auf Grund der zu jener Zeit unerträglichen institutionellen Lebensumstände, war ich sogar enttäuscht gewesen, als ich im Krankenhaus plötzlich wieder zu mir kam und das Bewusstsein zugegen war, dass mein Leben nach meiner Genesung dort weitergehen würde, wo es zuvor aufgehört hatte. Doch ich sah hierin zunächst auch meine Chance, es ja selbsttätig einfach irgendwann beenden zu können. Auch um ein Zeichen zu setzen, als Resultat der drakonischen Heimerziehung. Denn nach dem Freitod eines Insassen, würden die unhaltbaren Zustände möglicherweise nach außen dringen…

Aber es gab auch irgendeine undefinierbare Empfindung, die mich davon abgehalten hat, mein Leben zu beenden, obwohl es auf Grund der schönen Erinnerung an diese Leichtigkeit schon sehr verlockend war. Ich hatte keine Schmerzen mehr und die Bilder, die ich wie aus weiter Ferne sah, zogen in einer angenehmen Distanz an mir vorüber, ohne dass sie Emotionen auslösten. Ich fühlte eine unbeschreiblich angenehme Schwerelosigkeit, die von einem leichten Rauschen und gedämmten Licht begleitet wurde. Doch plötzlich hatte ich das Gefühl zu fallen. Ich sah eine grelle Beleuchtung und hörte eine Stimme sagen: „Die Krise ist überstanden, sie war zum Glück noch stark genug.“

Aus gegenwärtiger Sicht bin ich allerdings hoch erleichtert, dass ich weiterleben konnte und hoffentlich noch lange diese Möglichkeit habe. Denn wenn ich damals gestorben wäre, hätte ich ja nie die schöne Erfahrung machen können, dass sich das Leben auch verändern, vor allem zum Guten entwickeln kann und zwar definitiv ab dem Zeitpunkt, wo die Fremdbestimmung vorüber war. Ich realisierte, dass auch mein eigenes Leben den gleichen Stellenwert besitzt, wie das eines jeden anderen Menschen und das ich jetzt selbst in der Verantwortung stehe, was künftig daraus wird.

Und aus meinem Leben ist in der Tat etwas positives geworden, dass ich nicht mehr missen möchte. Vor allem habe ich seit 22 Jahren einen liebenswerten Partner, mit dem ich jetzt seit sechs Jahren verheiratet bin und schon viel schönes erlebt, aber auch schwieriges durchgestanden habe, vor allem gesundheitlich. Meine gegenwärtigen Lebensumstände sind, insgesamt betrachtet natürlich nicht immer einfach. Aber nichts ist so furchtbar, als dass man sich dafür von seinem Leben selbsttätig trennen möchte.

Seit einiger Zeit sehe ich das Thema „Tod“ allerdings noch zusätzlich aus einer ganz anderen Perspektive. Es ist nämlich so, dass ich normalerweise keine tiefgreifenden emotionalen Probleme damit habe, wenn jemand aus meiner näheren Umgebung verstirbt.
Zum Beispiel hatte ich ein gutes Verhältnis zu meiner Schwiegermutter. Doch neben ihrem Tod, war dann eher das grundsätzlich folgende Zeremoniell, das befremdliche für mich. Denn während die ganze Familie trauerte und im Trauerraum des Bestattungsinstituts von ihr Abschied nahm, fragte ich mich, ähnlich wie bei anderen Todesfällen, wie es möglich sein soll, von jemandem Abschied zu nehmen, der doch gar nicht mehr unter uns weilt.

Ich betrachtete die Arbeit des Bestatters, die bestimmt nicht einfach war, einen Leichnam kosmetisch so herzurichten, als würde eine Person einfach nur friedlich schlafen. Ich fand das alles schon sehr beeindruckend. Zum Beispiel waren wir im Vorfeld gebeten worden, die Lieblingsbekleidung der Schwiegermutter beim Bestattungsinstitut abzugeben, die sie dann im Sarg anhatte. Es sah also aus, als wäre sie bei Kerzenschein einfach nur eingeschlafen.

Nach dieser eingehenden Betrachtung habe ich dann jedoch leise den Raum verlassen, in der Hoffnung, dass keiner der Anwesenden bemerken würde, dass meine Trauer eine andere ist, als die der nicht autistischen Menschen. Denn ich hatte mich bereits schon bei der Todesnachricht mental von ihr verabschiedet. Sobald ich vom Tod eines Menschen erfahre, ist er einfach nicht mehr vorhanden, auch wenn mich der Verlust in dem einen oder anderen Fall zunächst mehr oder weniger belastet.

Und so geht es mir bei jedem Menschen, den der Tod ereilt, ob ganz plötzlich, oder nach einem langen Leidensweg. Doch eine Person stellt hier eindeutig eine Ausnahme dar und zwar mein Mann. Denn ein Leben ohne ihn zu führen, wäre für mich unvorstellbar. Doch dieses Thema ist mitunter auch schon Bestandteil unserer Beziehung gewesen, da mein Mann zum einen zwölf Jahre älter ist als ich und zum anderen ist er chronisch krank. Er ist derzeitig zwar medikamentös sehr gut eingestellt, aber eine lebenslange Garantie stellt das natürlich nicht dar.

Da Frauen statistisch gesehen ohnehin länger leben als Männer, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ich ihn überleben werde. Und damit würden sich große Probleme anbahnen, da ich in manchen Lebensbereichen Hilfestellung benötige und das müsste dann jemand anderes übernehmen. Doch bei dem Gedanken an eine professionell arbeitende, ambulante Betreuungskraft, befällt mich sogleich eine panische Angst vor einer macht-übergreifenden Fremdbestimmung. Das sind Umstände, die sich auf keinen Fall in meinem Leben jemals wiederholen sollten!

Das heißt, es müsste eine Person sein, die nur die Lebensbereiche abdeckt, wo es sich als unbedingt notwendig erweist und die mir ansonsten meine uneingeschränkte Freiheit lässt. Denn nichts ist so kostbar, wie ein selbst-bestimmtes Leben, dass kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen!

Doch was diesen Sachverhalt betrifft, ist meinem Mann und mir jedoch noch keine adäquate Lösung für die Zukunft eingefallen. Wir möchten keinesfalls Freunde oder Familienangehörige für diese Aufgabe in Anspruch nehmen. Denn dann könnte aus der Freundschaft recht schnell ein Betreuungsverhältnis werden und damit wäre eine Begegnung auf Augenhöhe womöglich nicht mehr gewährleistet.

Wir können daher nur inständig hoffen, das das Thema „Todesfall“ noch sehr lange von unserer Beziehung verschont bleibt und wir noch viele schöne Jahre miteinander verbringen können! Denn es ist ja nicht so, dass ich meinen Mann nur als Unterstützungsperson betrachte. Es geht ja schließlich in der Hauptsache um eine intensive emotionale Bindung auf beiden Seiten! Also auch um Liebe und Empathie!

Zwei Fähigkeiten, die autistischen Menschen auch heutzutage noch permanent abgesprochen werden. Nur weil wir sie anders leben und vieles erst erlernen müssen, da uns die Intuition fehlt. Aber das soll ja nicht heißen, dass uns diese Fähigkeiten für immer verborgen bleiben! Denn auch autistische Menschen sind lernfähig! Es ist also normal, verschieden zu sein!

Die kleinen Blockaden des Alltags

Immer wieder bin ich geschockt, was für Kleinigkeiten mich im Alltag komplett überfordern. Es sind Dinge, die an anderen Tagen kein Problem darstellen. An anderen Tagen bricht deswegen meine ganze Tagesplanung zusammen.

So war es auch heute. Ich wollte etwas in einem Online-Shop bestellen. Aber es gab kein Zusatzfeld in dem Formular, in dem die Adresse abgefragt wird.
Ich lasse mir Pakete am liebsten auf die Arbeit schicken, damit ich ihnen nicht hinterrennen muss. Außerdem ist es für mich furchtbar, wenn ich weiß, dass zu Hause theoretisch jederzeit der Paketbote klingeln könnte.
Deswegen brauche ich ein Zusatzfeld, in das ich den Namen der Firma eintragen kann.
Es gab zwar ein Zusatzfeld für Anmerkungen ganz unten. Aber wer weiß, ob das berücksichtigt wird.

Die Lösung ist ja jetzt vermeintlich einfach: Kundensupport anschreiben. Es gibt auch ein Kontaktformular.
Aber an diesem Punkt bin ich überfordert. Zum einen muss ich Kontakt zu fremden Menschen aufnehmen. Zum anderen weiß ich nie, wie ich solche Anfragen formulieren soll: umgangssprachlich, wie ein Geschäftsbrief, …? Was wird da erwartet.
Meist endet es damit, dass ich dann die Idee begrabe (rw), weil mir die Kraft dafür fehlt, mich damit auseinanderzusetzen.

Das schlägt natürlich auch auf die Stimmung – versagt. Und ich hatte mich ja eigentlich so darauf gefreut! Meist gebe ich ja nur Aufgaben auf, die für mich sind. Wenn sie für andere sind, habe ich ja meist keine Wahl. Ich bin es sowieso nicht wert, sagt dann eine Stimme in mir.
Heute hat das dazu geführt, dass ich tatsächlich in ein richtiges schwarzes Loch gefallen bin (rw). Ich bin ins Bett geflohen und habe mir wortwörtlich die Decke über den Kopf gezogen.
Ich hab nicht auf die Uhr geschaut, es waren wohl etwa ein bis zwei Stunden, die mir so verloren gingen. Ich hatte mit dem Tag schon abgeschlossen – das wird mit mir heute eh nichts mehr. Weiterlesen

Ausbildung und Berufsschule

In letzer Zeit ist es sehr still um mich geworden. Das hat vor allem mit meiner Ausbildung zu tun. Inzwischen befinde ich mich im dritten und letzten Lehrjahr. Und ich habe einiges erlebt. Auf welche Probleme ich dabei gestoßen bin, möchte ich euch jetzt gerne erzählen.

Ich mache meine Ausbildung in einer Firma, in der ich mich sehr wohlfühle. Das liegt vor allem auch daran, dass ich so liebe Kollegen habe, die Arbeitsatmosphäre ist sehr, sehr angenehm. Ohne das hätte ich nicht lange durchgehalten.

Trotzdem gab es zwischendurch immer wieder Momente, in denen ich komplett verzweifelt bin und die Ausbildung ernsthaft abbrechen wollte.

Eines meiner größten Probleme war und ist noch die Berufsschule. Ursprünglich sollte mir die erspart bleiben, aber mein Ausbilder bat mich schließlich, doch hinzugehen.

Ich kann im Moment noch nicht wirklich sagen, ob das die richtige oder die falsche Entscheidung war. Es spricht viel für beides, vielleicht kann ich diese Frage wohl nie wirklich beantworten. Aber von Anfang an. Weiterlesen

Spezialinteresse Pädagogik – Von der Entstehung bis zum Wegbegleiter im Erwachsenenalter

Das Thema Spezialinteressen hört sich vom Prinzip her so einfach an, wie fast kein anderes. Doch für mich stellt die Entstehungsgeschichte eine immense Herausforderung dar und deswegen habe ich lange überlegt, ob ich mich überhaupt zu dieser Thematik näher äußern sollte. Denn Spezialinteressen begleiten uns bekanntlich oft durch ein ganzes Leben und die Zeit, aus dem das besagte Interesse entsprungen ist, war meine zweifelhafte Unterbringung in diversen Institutionen für nicht gesellschaftskonforme Kinder und Jugendliche, an denen eine normale Erziehung zur Leistungsfähigkeit, angeblich gänzlich gescheitert war.

So jung wie ich derzeitig auch gewesen bin, hatte ich jedenfalls sehr schnell begriffen, dass ein Mensch unter derartig dubiosen Lebensbedingungen, nicht zu einem psychisch gesunden Erwachsenen heran reifen konnte. Und um das, zunächst erst Mal für mich selbst beweisen zu können, machte ich mich nach entsprechenden Indizien auf die Suche und wurde auch relativ schnell fündig. Im Keller der Einrichtung fand ich eines Tages tatsächlich einen ganzen Stapel pädagogischer Bücher und so verstaubt, wie diese Schriftstücke aussahen, waren sie offensichtlich auch niemals gelesen worden.

Jedenfalls hatte ich erst Mal eine hoch interessante, lehrreiche und vor allem heimliche Lektüre, die mir deutliche Einblicke darin verschaffte, wie Erziehung normalerweise auszusehen hat. Es war zum Beispiel davon die Rede, dass man verständnisvoll mit Verhaltensauffälligkeiten und Lernproblemen umgehen sollte, anstatt mit Erniedrigungen und rigiden Strafmaßnahmen im Kollektiv zu agieren. Ich begriff jedenfalls umgehend, dass der Umgang mit uns absolut der sogenannten schwarzen Pädagogik entsprach und rein gar nichts mit qualifizierter Erziehung zu tun hatte. Und als ich dann noch mitbekam, dass ein Heimerzieher als Voraussetzung, um dort tätig sein zu können, beim Militär gewesen sein musste, lag der Fall für mich klar auf der Hand. So konnte das mit uns nichts werden! Wie soll man denn bei dieser Art von Erziehung zu einem sozial-emotional stabilen Erwachsenen werden.

Und somit wurde das Thema „Pädagogik“ bereits in der Kindheit zu meinem Spezialinteresse. Das heißt, neben der heimlichen Lektüre, begann ich alles um mich herum genau zu registrieren und unbemerkt schriftlich festzuhalten. Ich beobachtete genau, wie sich die Verhaltensstörungen, oder die Renitenz der anderen Kinder entwickelten. Doch vor allem, wie permanent darauf reagiert wurde, mit dem nun erworbenen Wissen, dass die drakonische Sanktionierung zu nichts führen wird, eher im Gegenteil und genauso war es stets verlaufen.

Doch ich analysierte an dieser Stelle nicht nur das Verhalten der anderen Kinder, sondern hinterfragte auch mein eigenes und damit wurde mir im Weiteren bewusst, dass ich selbst wohl nicht normal sein konnte. Aber diese Feststellung behielt ich allerdings wohlweislich für mich.
(Meine Autismus-Diagnose erfolgte erst mit 38 Jahren.)

Doch als ich wieder einmal wegen Gegenständen am Mund, vor der ganzen Gruppe auf das übelste denunziert wurde, konnte ich den Erzieher sogar eines besseren belehren, als er dabei die Begriffe „Oralphase“ mit „Analphase“ verwechselte:
„Das heißt Oralphase und um entwicklungsverzögerte Kinder soll man sich kümmern, anstatt sie zu beschimpfen! Sie sind doch ein Erzieher, warum wissen Sie das nicht?“
Als ich anschließend zur Strafe in einer vorgeschriebenen Zwangshaltung absolut bewegungslos auf einem Stuhl sitzen musste, wurde mir jedenfalls klar, dass man so etwas ja auch nicht wissen kann, wenn das Militär womöglich die einzige Bildung war.

Jedenfalls versuchte ich, die psychischen Folgen dieser Erziehung für meine eigene Person möglichst gering zu halten, so weit das überhaupt zu realisieren war. Zum Beispiel war es eine Form der Verarbeitung, die schrecklichen Szenen heimlich zu notieren und den grundverkehrten Erziehungsstil nicht in mein Bewusstsein eindringen zu lassen. Mit anderen Worten, ich zog mich bei jeder Gelegenheit mental in mich selbst zurück, jedoch ohne meinen sogenannten Beobachtungsposten aufzugeben. Diese waren zwar oft sehr belastend, aber je mehr ich dokumentieren würde, desto mehr könnte ich nach meiner Heimentlassung beweisen, dass derartig über-griffige Erziehungsmethoden keinerlei Hilfe darstellen und unbedingt abgeschafft werden müssen!

Und so ist die Pädagogik auch im Erwachsenenalter noch immer mein Spezialinteresse und wo es mir möglich erscheint, bzw. nach meinen Erfahrungen gefragt wird, stehe ich gerne mit Rat und Tat zur Seite. Meine eigene Kindheit ist der buchstäbliche Beweis dafür, wie sehr man durch Erziehungsfehler, die Seele eines Kindes beeinträchtigen und sogar krank machen kann, mitunter ein ganzes Leben lang. Daher plädiere ich grundsätzlich für eine verständnisvolle und individuelle Erziehung mit liebevoller Geduld und Förderung.

Verschiedenen Mitmenschen, die selbst, aus was für Gründen auch immer, eine furchtbare Kindheit erdulden mussten, gebe ich an dieser Stelle erfahrungsgemäß die Empfehlung, im Hier und Jetzt zu leben, so weit das möglich ist, versteht sich. Aber hier sollte natürlich die Voraussetzung bestehen, dass gegenwärtig lebenswerte Umstände vorhanden sind und auch in der Zukunft, einigermaßen gewährleistet werden können.

Ich bin jedenfalls in der glücklichen Lage, dass sich meine Lebensbedingungen grundlegend zum positiven gewandelt haben. Ich habe einen wunderbaren Mann und ein kleines, aber stabiles, soziales Umfeld, dass aus autistischen und nicht autistischen Kontakten besteht. Und wie kostbar all das ist, weiß ich überaus zu schätzen. Von einzelnen damaligen Mitinsassen, die im späteren Leben leider nicht von vergleichsweise glücklichen Umständen profitieren konnten, weiß ich, dass es unter anderem mit dem Werdegang in verschiedenen Einrichtungen weiter ging. Zum Beispiel der Psychiatrie, oder dem stationären Betreuten Wohnen. Manche von ihnen sind auch gänzlich im Leben abgestürzt, oder mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Das zuvor erwähnte im Hier und Jetzt zu leben, ist natürlich einfacher gesagt, als umgesetzt. Natürlich kommt es immer mal wieder zu einem Flashback, aber dann mache ich mir bewusst, wie positiv mein Leben heutzutage verläuft und dass es nichts weiter mehr zu befürchten gibt, außer den plötzlich präsenten Gedanken, die mich ganz sicher auch wieder los lassen werden. Vor allem, wenn ich sie bewusst gehen lasse! Doch diese Gedanken ziehen zu lassen, ist zunächst ein Lernprozess, aber ich halte ihn für sehr wichtig!

Ganz besonders bedeutsam ist jedoch, dass jeder Mensch für sich herausfindet, was gut für das eigene Selbst ist und es im Rahmen seiner Möglichkeiten, auch verwirklichen und leben kann!

Und bei mir gehört zu meinem pädagogischen Spezialinteresse ebenfalls dazu, mich auch gegen Erziehungssysteme zu wenden, die der autistischen Natur derart widersprechen, wie zum Beispiel ABA. Denn ich weiß nun mal aus eigener Erfahrung, wie sich die kontinuierliche und manipulative Steuerung durch andere Menschen anfühlt, die die jeweiligen Bedürfnisse komplett ignoriert und vor nichts zurück schreckt, um sie auszulöschen und durch „richtiges“ Verhalten ersetzen zu wollen.

Therapie sollte sich meines Erachtens hauptsächlich am Menschen orientieren und nicht am angestrebten Lernziel. Die Entscheidung der Aktion Mensch, die Fördermittel für die ABA Therapie einzustellen, scheint ein erster Schritt in die Richtung zu sein, uns autistische Menschen zu hören, zu sehen und auch ernst zu nehmen!