Von Gedanken, Eindrücken und Fremdbestimmung – Autismus, Depressionen und Selbsthilfe

Theorien wodurch Depressionen entstehen können, gibt es viele, medizinische und psychologische. Doch ich bin mir sicher, dass dieses Thema im autistischen Spektrum eine explizite Besonderheit darstellt. Alleine schon durch unsere veränderte Gehirnstruktur. Man neigt beispielsweise eher dazu, sich über gewisse Gegebenheiten Gedanken zu machen, die nicht so verlaufen sind, wie man das vorausberechnet hat, sich also völlig anders zugetragen haben. Uns fehlt eben oft die Flexibilität, um uns dann einfach auf die veränderte Situation spontan umzustellen und schon folgt ein Gedankenkarussell mit Fragen wie: Warum, weshalb, wieso, was ist hier los?

Nach meinem Empfinden scheint unser Gehirn, im Gegensatz zum neurotypischen Menschen, ohnehin in permanentem Aktivitäts- und hab Acht Modus zu sein, sobald man aus der eigenen geschützten Umgebung heraustritt. Durch all unsere Gedanken verbinden sich allerdings auch die Synapsen im Gehirn, so dass langfristig sozusagen dickere Kabelstränge entstehen, um das jetzt mal bildlich auszudrücken.

Und wenn uns immer wieder irgendetwas belastet, uns durcheinander bringt, unsere negativen, oder ängstlichen Gedankengänge forciert, könnten diese Verbindungen immer mehr Raum im Gehirn einnehmen. Folglich werden die übrig gebliebenen Kapazitäten, um unter anderem die schönen Eindrücke aufnehmen zu können, auf Dauer möglicherweise zunehmend kleiner.
Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass durch ständig belastende Gedanken, Eindrücke und Erlebnisse die Fähigkeit der Wahrnehmung von positiven Elementen tatsächlich schleichend zu schwinden scheint. Hieraus resultierend könnte womöglich der Weg in eine Depression entstehen.

So viel zu dieser Theorie. Ich kann aus eigener Erfahrung jedoch sagen, wie bedeutsam sie wahrlich ist, aber das man auch an diversen Veränderungen seiner Gedankengänge produktiv arbeiten kann.
So haben viele autistische Menschen beispielsweise oft Schwierigkeiten im sozialen Kontext. Auch mir machen viele soziale Situationen, oder womöglich drohende zwischenmenschliche Konflikte erhebliche Angst und die Gedanken fangen im Nachhinein an zu rotieren. In diesen Phasen fällt es mir jedenfalls wesentlich schwerer, die gut funktionierenden Anteile in meinem Leben wahr zu nehmen. Zuzüglich werden wichtige Lebensinhalte vernachlässigt und geraten mitunter auch in Vergessenheit.

Ich bin jedenfalls dabei, wann immer ich in offensichtlich oder scheinbar für mich belastende, soziale Situationen gerate, mir bewusst zu machen, dass ich ja im zwischenmenschlichen Bereich nicht nur problematisch sein kann. Denn sonst hätte ich ja womöglich kein Sozialleben im gegebenen Umfang. Im Weiteren ist es auch kein Verschulden meinerseits ist, dass ich auf Grund des Autismus ein verändertes Verhalten, bzw. eine etwas andere Art der Kommunikation und Emotionalität lebe. Überdies fehlt mir leider auch des öfteren die Wahrnehmung für die Belange meiner Mitmenschen, woran ich allerdings auch versuche zu arbeiten.

Überhaupt ist Wahrnehmung ein Stichwort. Denn es ist auch schon oft vorgekommen, dass ich glaubte, mit irgendwem im Konflikt zu stehen und dem war überhaupt nicht so. Diese Erkenntnis hatte mein Mann glücklicherweise schon mehrfach im Vorfeld gehabt und es hat sich dann auch tatsächlich so bewahrheitet, wie ich beim nächsten Kontakt mit der betreffenden Person dann selbst feststellen konnte.

Doch neben der Erleichterung ist mir dann auch bewusst geworden, dass ich mir diesbezüglich nur selbst helfen kann, indem ich die Gedanken, wie ich auf andere Menschen wirken könnte, auf ein erträgliches Maß reduziere, um depressiven Denkprozessen entgegen steuern zu können.

Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ein funktionierendes und übersichtliches soziales Umfeld erheblich dazu beitragen kann, einer Depression bei autistischen Menschen vorzubeugen. Dazu kann es leider auch gehören, sich womöglich von sozialen Beziehungen zu trennen, die sich immer wiederkehrend kontraproduktiv auf das eigene Wohlbefinden auswirken. Zum Beispiel weil von ihrer Seite stets der unmissverständliche Eindruck vermittelt wird, dass nur ihr eigenes Verhalten und ihre Art zu sein von Bedeutung ist und den richtigen Lebensinhalt ausmache.

Der Umgang mit solchen Menschen kostete jedenfalls eine unbeschreibliche Energie. Es war eine kontinuierliche soziale Überforderung, sich nicht von deren Sichtweise beeinflussen zu lassen, sondern seine eigene Persönlichkeit zu wahren. Es hat mich jedenfalls manche depressive Episode und auch einen übermäßig langen Zeitraum gekostet, bis ich zu der Erkenntnis kam, dass auch ich das Recht habe, über die Konstellation meines sozialen Umfeldes entscheiden zu dürfen.

Denn ich hatte ja über viele Jahre immer in dem Glauben gelebt, die Menschen mit dem sogenannten richtigen Verhalten besäßen einen höheren Stellenwert, im Gegensatz zu den angeblich minderwertig defizitären. Denn so lautete schließlich die jahrelange, alltägliche Botschaft meiner autoritären und drakonischen Heimerziehung der Kindheit, wo es darum gegangen war, uns das abnormale mit Gewalt auszutreiben. Und weil mich seinerzeit die schwarze Pädagogik so stark geprägt hatte, glaubte ich als Erwachsener noch immer über lange Zeit an diese höchst unqualifizierte und fragwürdige Praktik und meinte daher noch Jahre später, mich um jeden Preis anpassen zu müssen.

Doch eines Tages schien das endlich überstanden zu sein und ich habe mich folglich von den oben genannten problematischen, sozialen Kontakten getrennt. Die eine Person hatte unter anderem ständig beklagt, dass Freundschaften mit mir nur auf Abstand funktionieren würden und die andere hatte beispielsweise stetig bemängelt, dass man mit mir nicht durch Lokale und Kneipen ziehen könnte.

Ich hatte zunächst versucht, mich auf ihre Wünsche einzustellen, aber irgendwann dann auch mal erwähnt, dass meine autistischen Eigenschaften zu ihrem Idealbild vom Leben nicht so gut passen. Das daraufhin folgende Unverständnis mit der Aussage, dass ich ja nur um meine Krankheit kreisen würde, hatte mich eine Weile später allerdings dazu veranlasst, diese Kontakte zunächst auszudünnen und dann auch für immer zu beenden. Denn ich war und bin ja nicht psychisch krank, sondern nur nicht mehr bereit, mich um jeden Preis für andere verbiegen zu müssen.

Anpassung an das vermeintlich normale ist ohnehin ein Thema, was mich auch noch in anderen Zusammenhängen bis weit ins Erwachsenenalter verfolgt und somit beschäftigt hatte. Denn vor meiner Autismus Diagnose war ich in mehreren, auch stationären Therapien gewesen, weil ich für meine Umwelt als nicht ausreichend anpassungs- und funktionsfähig galt.

Ich sollte also durch verschiedene, länger andauernde verhaltenstherapeutische Übungseinheiten lernen, mich dem Alter entsprechend zu verhalten, sowie auf die Menschen zuzugehen, mein Äußeres als fraulich erscheinen zu lassen, leistungsfähiger zu sein, mit regelmäßigen sozialen Kontakten klar zu kommen, normalen Interessen nachzugehen, ausreichend und abwechslungsreich zu Essen, normale Konversation zu führen, verhaltensauffällige Angewohnheiten ablegen und noch einiges mehr…

Mir wurde also, ähnlich wie in alten Zeiten vermittelt, dass andere Menschen die Vorgaben machen und ich mich ihnen anzupassen habe, weil sie ja grundsätzlich im Recht sind und ich ja nun lernen müsste, mich wie ein alters entsprechender, normaler erwachsener Mensch zu benehmen.

Die Belohnung für meine Mitarbeit in der Klinik bestand jedenfalls darin, dass man freundlicher mit mir umgegangen war, also der scharfe Umgangston zurückgefahren und die Kontrolle über mich reduziert wurde. Also habe ich, um diese Annehmlichkeiten bekommen zu können, den nötigen Gehorsam geleistet, so gut ich konnte. Denn anderenfalls drohten höchst unangenehme Konsequenzen, wie zum Beispiel die Denunzierung und Bloßstellung vor der ganzen Gruppe.

Ich kam mir jedenfalls erneut wie ein fremdgesteuertes Wesen vor, ohne ein Recht auf ein Eigenleben und lernte mal wieder, dass offensichtlich nichts so wichtig zu sein scheint, wie den Anweisungen der sogenannten normalen Menschen Folge zu leisten und sich ihnen unter zu ordnen. Doch irgendwie habe ich trotzdem Möglichkeiten gefunden, mir mein eigenes selbst einigermaßen zu bewahren. Dazu gehörte, mein Unwohlsein heimlich durch Stereotypen auszugleichen, wenn möglich in eine Traumwelt zu flüchten, sowie der beruhigende Gedanke, dass auch diese schreckliche Zeit irgendwann vorüber sein wird und ich eines Tages frei sein werde.

Ich glaube, wenn ich zu all den Selbsterhaltungsmechanismen nicht in der Lage gewesen wäre, hätte ich unter diesen Umständen womöglich eine schwere Depression davon getragen. Denn die Machtausübung durch andere Menschen führt meines Erachtens unweigerlich in diese Richtung. Das kann ich durch mehrfache und auch langjährige Erfahrungen nur bestätigen!

Daher sehe ich auch gewisse Zweifel an diversen Autismus-Therapien wie ABA. Auch hier wird ganz klar definiert, wer das sagen hat, zuzüglich der langen Therapie Zeiten.
Wer das Konzept kennt, wird gemerkt haben, dass meine oben genannten Behandlungserfahrungen den Inhalten von ABA ziemlich ähnlich sind. Auch wenn bei ABA immer wieder betont wird, dass eine solche Therapie auch Spaß machen würde, kann ich daran nicht so wirklich glauben und fürchte, dass das Endresultat in dem einen oder anderen Fall möglicherweise in eine spätere depressive Erkrankung münden könnte.

Denn uns fehlt ja leider oft die Fähigkeit, uns über unser wahres Befinden und unsere Bedürfnisse adäquat zu äußern. Dadurch bekommt der Behandler natürlich nicht mit, was wirklich in uns vorgeht und was wir brauchen, sofern es ihm überhaupt für sein Therapieziel als relevant erscheint. Denn bei ABA steht bekanntlich der Erfolg im Vordergrund und weitaus weniger die Belange des autistischen Menschen.

Mir ist durchaus bewusst, dass ich hier gerade ziemlich kritische Worte verwendet habe und es tut mir auch unendlich leid für alle Ärzte und Therapeuten, denen nebst der Therapieziele auch die Wahrung unserer individuellen Persönlichkeit ein wichtiges Anliegen ist und entsprechende Beachtung findet.

Doch erst vor wenigen Wochen befand sich eine ganze Zeitungsseite in unserer Tagespresse zum Thema Autismus und Therapie. ABA wurde hier als die derzeit wirkungsvollste Therapieform angepriesen und die verstärkende Methode des Belohnungssystems mit der Erziehung von Hunden verglichen. Es wurde ferner beschrieben, wie aufwändig es für die gesamten Familienangehörigen ist, das täglich mehrstündige Therapieprogramm auszuarbeiten und mit zusätzlichen Assistenten durchzuführen.

Aber leider wurde in dem ganzen Artikel mit keinem einzigen Wort erwähnt, wie anstrengend es wohl für den autistischen Menschen sein muss, all das jeden Tag über mehrere Stunden durchstehen zu müssen. Denn während sich alle Beteiligten bei diesem Konzept abwechseln, lasten jegliche Anforderungen allein auf dem einzelnen Autisten. Die vorgegebenen Lernziele wird der Betreffende mitunter womöglich auch nur um der Belohnung wegen anstreben, oder auch um seine nötigen Ruhephasen und Pausen zu erhalten, die er sonst nicht, oder nur unzureichend bekommen würde. Meines Erachtens ein fragwürdiger Lerneffekt!

Ich kann daher nur jedem, der irgendwann einer solchen, oder ähnlichen Therapie ausgesetzt wurde, wünschen, dass er sie möglichst unbeschadet übersteht.

Überhaupt gibt es ja auch verschiedene qualifizierte Therapieangebote mit Behandlungskonzepten, die dem autistischen Menschen eine wertschätzende Haltung entgegenbringen und seine Besonderheiten berücksichtigen. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich diese positive Erfahrung in einem ATZ machen durfte! Ich habe dort viel gelernt und eine psychische Stabilität erlangt, wodurch sich mein Lebensalltag eindeutig erleichtert!

Denn jedem autistischen Menschen sei für sein Erwachsenenleben gewünscht, dass er, wenn auch mit guter therapeutischer Begleitung, eines Tages die Möglichkeit bekommt, ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen zu können. Denn das führt definitiv und auch langfristig mit Sicherheit zur eigenen Selbstzufriedenheit und das wäre meines Erachtens gewiss eine weitere, überaus wichtige Depressionsprophylaxe!

Advertisements

Was nicht mechanistisch erklärbar ist – Vom unsichtbaren Autismus…

Bevor ich hier jetzt von meinen Erfahrungen berichte, möchte ich zunächst mit einer kurzen Stoffsammlung von Äußerungen neurotypischer Menschen beginnen, die der ein oder andere mit einer Autismus Diagnose womöglich so, oder in ähnlicher Form, ebenfalls kennen wird.

„Dann hast du also den Autismus, den man gar nicht sieht.“
„Das kann bei dir niemals Autismus sein. Das kommt alles von deiner verkorksten Kindheit.“
„Ich sehe dich nicht als Autistin.“
„Wenn du wirklich Autismus hättest, dann wäre das doch schon längst als Kind entdeckt worden.“
„Das du Asperger haben sollst, merkt man aber nicht.“
„Autismus wird doch heute genauso vorschnell diagnostiziert wie ADHS. Das würde ich an deiner Stelle noch mal überprüfen lassen. Du wirkst doch ganz normal.“
„Wieso kannst du wegen deinem Autismus nicht mehr arbeiten? Bei deiner schriftsprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Das kann doch gar nicht sein. Du bist doch intelligent.“

Wenn ich solche Aussagen höre, dann frage ich mich ernsthaft, ob man denn einer Person erst sichtlich anmerken muss, um was es geht, damit die Glaubwürdigkeit nicht angezweifelt wird?
Auf der einen Seite ist es natürlich hoch erfreulich, wenn die individuelle Beeinträchtigung nicht auf den ersten Blick von der Umwelt realisiert wird. Wenn man sich also weitgehend unauffällig im täglichen Leben bewegen kann, ohne sogleich in den negativen Focus irgendwelcher Menschen zu geraten.

Man spricht ja beim Asperger Syndrom bekanntlich auch von einer leichten Form des Autismus. Doch genau hier liegt meines Erachtens eine Ambivalenz vor, weil man seine Defizite nämlich sehr genau wahrnimmt. Es kann mitunter sogar unvorteilhaft sein, sich stets um unauffälliges und möglichst angepasstes Verhalten zu bemühen, weil wir dadurch zwangsläufig an den Anforderungen des vermeintlich Normalen gemessen werden.

Folglich kompensiert man dann automatisch, permanent von einer Situation zur nächsten, unermüdlich weiter. Man ist also zwanghaft hoch konzentriert und befindet sich stets unter körperlicher und geistiger Anspannung, sobald ein soziales Miteinander entsteht. Unabhängig davon, ob gerade eine Konversation statt findet, oder nicht. Jedenfalls geht es mir so, ohne das jetzt näher erläutern zu können.

Jedenfalls war ich kürzlich mal in der Lage gewesen, einer Freundin davon zu berichten. Worauf diese dann erwiderte, ich müsste ja jeden Abend mit einem randvollen Kopf völlig fertig sein. Dem konnte ich jedoch nur entgegen setzen, dass die Gesamtkulisse einer Autobahn diesem Zustand bildlich am nächsten kommen würde. Worauf dann die Frage folgte, wie man denn überhaupt so leben könnte, dass müsste ja entsetzlich anstrengend sein. Das habe ich an dieser Stelle natürlich auch zugegeben und hierbei wurde mir plötzlich bewusst, dass ich es ja gar nicht anders kenne und es im Prinzip ja immer schon so war, von Kindheit an. Oh selig, oh selig, sich ein ganzes Leben durch die Normalität zu kämpfen…

Wenn es da nicht einen besonderen Ort geben würde und zwar eine Freizeitgruppe in einem Autismus-Zentrum. Auf die Frage hin, warum ich denn ein solches Angebot überhaupt in Anspruch nehmen würde, obwohl ich doch wesentlich selbständiger leben könnte und ja auch verheiratet sei, wusste ich lange Zeit keine plausible Antwort. Außer der, dass ich die lieben Menschen dort sehr schätze und mich in der besagten Umgebung überaus wohl fühle. Nur abgesehen von der zeitweiligen Empfindung, doch irgendwie in der Mitte zu stehen…

Doch erst nach mehreren Jahren wurde mir bewusst, wie schön es ist, einfach mal für ein paar Stunden sozusagen in eine andere Welt abtauchen zu können, eine Auszeit aus dem normalen Leben genießen zu dürfen. Mal einfach nur sinnfrei schönen und Autismus spezifischen Beschäftigungen nachzugehen, die im wirklichen Leben nicht realisierbar sind und dabei in dieser Zeit auch noch wohlwollend begleitet zu werden.

Es hat einfach irgendwie etwas erholsames, mal nicht in der Welt der Starken und funktionierenden, normalen Leute zu bestehen, wie ich das gewohnt bin. So wie es andere von mir erwarten und wie ich es auch von mir selbst im täglichen Leben voraussetze. Überdies wurde mir im laufe der Zeit ebenfalls klar, dass ich diesen sogenannten Platz in der Mitte, also zwischen Mitgliedern und Gruppenleitern überhaupt nicht ausfüllen muss, sondern einfach nur ich selbst sein kann.

Doch neben all diesen wertvollen Erfahrungen zeigt mir dieser wunderbare Ort jedoch auch, wie kostbar es ist, dass mir selbst die Fähigkeit zuteil wurde, einen sogenannten weitgehend unsichtbaren Autismus leben zu können. So schwer es mir oft fällt und so sehr mich die Eingangs genannten Äußerungen anderer Menschen oft irritieren und mitunter auch verärgern.

Jedenfalls bin ich nach sämtlichen überstandenen Herausforderungen schlussendlich doch immer wiederkehrend dafür dankbar, dass ich zu den autistischen Menschen mit der Stärke gehöre, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Und mit diesem Gedanken gestärkt verlasse ich nach jedem Freizeit-pädagogischen Termin das ATZ. Auch wenn die schöne und unbeschwerte Zeit mal wieder viel zu schnell vergangen ist.

Davon abgesehen hat man ja auch noch den sicheren Ort des eigenen Zuhauses, wo man nicht funktionieren muss, oder den Zwang hat, funktionieren zu müssen. Zum anderen bin ich gerade auch dabei zu lernen, mich gegen die Erwartungen anderer abzugrenzen, den Mut zu finden, mein Anderssein im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten zu leben und mich nicht bedingungslos anzupassen.

Denn ich habe festgestellt, dass man auch hieraus ebenfalls wieder Kraft tanken kann für die Herausforderungen, die einen täglich umgeben. Und seit dem mir das bewusst ist, nehme ich mir auch zu Hause die Freiheit, einfach mal sinnfreien Tätigkeiten nachzugehen und habe zum Beispiel eine Korbschaukel angeschafft, ähnlich wie die aus dem ATZ.

Mein Mann hat sie im letzten Sommer unter dem Balkon aufgehängt. Denn es ist ja schließlich unser Garten und daher auch unsere Angelegenheit, was wir dort anbringen, egal wie alt man ist. Die Reaktionen aus unserem sozialen Umfeld waren jedenfalls beeindruckend und so unterschiedlich, wie die Menschen selbst. Überrascht, erstaunt, entsetzt, amüsiert, positiv zustimmend, es war alles dabei. An solchen Situationen merkt man definitiv, wie tolerant und offen die Menschen für Situationen sind, die ein wenig von der üblichen Norm abweichen.

Man sagt über uns autistische Menschen, dass sie sich nicht in andere hineinversetzen können, aber ich glaube zu wissen, dass es an dieser Empathie oft umgekehrt mindestens genauso fehlt. Neurotypische Menschen meinen doch permanent uns überlegen zu sein und beurteilen zu können, was in uns vorgeht, was wir brauchen und woran man uns hindern sollte. Doch ich denke, die Wahrheit ist eine völlig andere und man sollte uns die Freiheit lassen, es selbst herausfinden zu können!

Der Tod gehört zum Leben – Und plötzlich ist jemand verschwunden…

An dieser Stelle sei zuerst zu erwähnen, dass das Thema „Sterben“ und alles was damit zusammen hängt, sehr befremdlich für mich ist. Doch es ist nun mal genauso Bestandteil des Lebens, wie die Geburt eines Menschen. Die Vorstellung eines Tages versterben zu müssen, macht bekanntlich vielen Menschen Angst. Auch mir selbst ist es heutzutage äußerst suspekt, dass es irgendwann einmal vorbei sein wird. Aber es hat auch mal eine Phase gegeben, wo ich mich nicht vor dem Sterben gefürchtet habe und zwar nach einer Nahtod-Erfahrung in meiner Jugend, während einer schweren Erkrankung.

Auf Grund der zu jener Zeit unerträglichen institutionellen Lebensumstände, war ich sogar enttäuscht gewesen, als ich im Krankenhaus plötzlich wieder zu mir kam und das Bewusstsein zugegen war, dass mein Leben nach meiner Genesung dort weitergehen würde, wo es zuvor aufgehört hatte. Doch ich sah hierin zunächst auch meine Chance, es ja selbsttätig einfach irgendwann beenden zu können. Auch um ein Zeichen zu setzen, als Resultat der drakonischen Heimerziehung. Denn nach dem Freitod eines Insassen, würden die unhaltbaren Zustände möglicherweise nach außen dringen…

Aber es gab auch irgendeine undefinierbare Empfindung, die mich davon abgehalten hat, mein Leben zu beenden, obwohl es auf Grund der schönen Erinnerung an diese Leichtigkeit schon sehr verlockend war. Ich hatte keine Schmerzen mehr und die Bilder, die ich wie aus weiter Ferne sah, zogen in einer angenehmen Distanz an mir vorüber, ohne dass sie Emotionen auslösten. Ich fühlte eine unbeschreiblich angenehme Schwerelosigkeit, die von einem leichten Rauschen und gedämmten Licht begleitet wurde. Doch plötzlich hatte ich das Gefühl zu fallen. Ich sah eine grelle Beleuchtung und hörte eine Stimme sagen: „Die Krise ist überstanden, sie war zum Glück noch stark genug.“

Aus gegenwärtiger Sicht bin ich allerdings hoch erleichtert, dass ich weiterleben konnte und hoffentlich noch lange diese Möglichkeit habe. Denn wenn ich damals gestorben wäre, hätte ich ja nie die schöne Erfahrung machen können, dass sich das Leben auch verändern, vor allem zum Guten entwickeln kann und zwar definitiv ab dem Zeitpunkt, wo die Fremdbestimmung vorüber war. Ich realisierte, dass auch mein eigenes Leben den gleichen Stellenwert besitzt, wie das eines jeden anderen Menschen und das ich jetzt selbst in der Verantwortung stehe, was künftig daraus wird.

Und aus meinem Leben ist in der Tat etwas positives geworden, dass ich nicht mehr missen möchte. Vor allem habe ich seit 22 Jahren einen liebenswerten Partner, mit dem ich jetzt seit sechs Jahren verheiratet bin und schon viel schönes erlebt, aber auch schwieriges durchgestanden habe, vor allem gesundheitlich. Meine gegenwärtigen Lebensumstände sind, insgesamt betrachtet natürlich nicht immer einfach. Aber nichts ist so furchtbar, als dass man sich dafür von seinem Leben selbsttätig trennen möchte.

Seit einiger Zeit sehe ich das Thema „Tod“ allerdings noch zusätzlich aus einer ganz anderen Perspektive. Es ist nämlich so, dass ich normalerweise keine tiefgreifenden emotionalen Probleme damit habe, wenn jemand aus meiner näheren Umgebung verstirbt.
Zum Beispiel hatte ich ein gutes Verhältnis zu meiner Schwiegermutter. Doch neben ihrem Tod, war dann eher das grundsätzlich folgende Zeremoniell, das befremdliche für mich. Denn während die ganze Familie trauerte und im Trauerraum des Bestattungsinstituts von ihr Abschied nahm, fragte ich mich, ähnlich wie bei anderen Todesfällen, wie es möglich sein soll, von jemandem Abschied zu nehmen, der doch gar nicht mehr unter uns weilt.

Ich betrachtete die Arbeit des Bestatters, die bestimmt nicht einfach war, einen Leichnam kosmetisch so herzurichten, als würde eine Person einfach nur friedlich schlafen. Ich fand das alles schon sehr beeindruckend. Zum Beispiel waren wir im Vorfeld gebeten worden, die Lieblingsbekleidung der Schwiegermutter beim Bestattungsinstitut abzugeben, die sie dann im Sarg anhatte. Es sah also aus, als wäre sie bei Kerzenschein einfach nur eingeschlafen.

Nach dieser eingehenden Betrachtung habe ich dann jedoch leise den Raum verlassen, in der Hoffnung, dass keiner der Anwesenden bemerken würde, dass meine Trauer eine andere ist, als die der nicht autistischen Menschen. Denn ich hatte mich bereits schon bei der Todesnachricht mental von ihr verabschiedet. Sobald ich vom Tod eines Menschen erfahre, ist er einfach nicht mehr vorhanden, auch wenn mich der Verlust in dem einen oder anderen Fall zunächst mehr oder weniger belastet.

Und so geht es mir bei jedem Menschen, den der Tod ereilt, ob ganz plötzlich, oder nach einem langen Leidensweg. Doch eine Person stellt hier eindeutig eine Ausnahme dar und zwar mein Mann. Denn ein Leben ohne ihn zu führen, wäre für mich unvorstellbar. Doch dieses Thema ist mitunter auch schon Bestandteil unserer Beziehung gewesen, da mein Mann zum einen zwölf Jahre älter ist als ich und zum anderen ist er chronisch krank. Er ist derzeitig zwar medikamentös sehr gut eingestellt, aber eine lebenslange Garantie stellt das natürlich nicht dar.

Da Frauen statistisch gesehen ohnehin länger leben als Männer, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ich ihn überleben werde. Und damit würden sich große Probleme anbahnen, da ich in manchen Lebensbereichen Hilfestellung benötige und das müsste dann jemand anderes übernehmen. Doch bei dem Gedanken an eine professionell arbeitende, ambulante Betreuungskraft, befällt mich sogleich eine panische Angst vor einer macht-übergreifenden Fremdbestimmung. Das sind Umstände, die sich auf keinen Fall in meinem Leben jemals wiederholen sollten!

Das heißt, es müsste eine Person sein, die nur die Lebensbereiche abdeckt, wo es sich als unbedingt notwendig erweist und die mir ansonsten meine uneingeschränkte Freiheit lässt. Denn nichts ist so kostbar, wie ein selbst-bestimmtes Leben, dass kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen!

Doch was diesen Sachverhalt betrifft, ist meinem Mann und mir jedoch noch keine adäquate Lösung für die Zukunft eingefallen. Wir möchten keinesfalls Freunde oder Familienangehörige für diese Aufgabe in Anspruch nehmen. Denn dann könnte aus der Freundschaft recht schnell ein Betreuungsverhältnis werden und damit wäre eine Begegnung auf Augenhöhe womöglich nicht mehr gewährleistet.

Wir können daher nur inständig hoffen, das das Thema „Todesfall“ noch sehr lange von unserer Beziehung verschont bleibt und wir noch viele schöne Jahre miteinander verbringen können! Denn es ist ja nicht so, dass ich meinen Mann nur als Unterstützungsperson betrachte. Es geht ja schließlich in der Hauptsache um eine intensive emotionale Bindung auf beiden Seiten! Also auch um Liebe und Empathie!

Zwei Fähigkeiten, die autistischen Menschen auch heutzutage noch permanent abgesprochen werden. Nur weil wir sie anders leben und vieles erst erlernen müssen, da uns die Intuition fehlt. Aber das soll ja nicht heißen, dass uns diese Fähigkeiten für immer verborgen bleiben! Denn auch autistische Menschen sind lernfähig! Es ist also normal, verschieden zu sein!

Die kleinen Blockaden des Alltags

Immer wieder bin ich geschockt, was für Kleinigkeiten mich im Alltag komplett überfordern. Es sind Dinge, die an anderen Tagen kein Problem darstellen. An anderen Tagen bricht deswegen meine ganze Tagesplanung zusammen.

So war es auch heute. Ich wollte etwas in einem Online-Shop bestellen. Aber es gab kein Zusatzfeld in dem Formular, in dem die Adresse abgefragt wird.
Ich lasse mir Pakete am liebsten auf die Arbeit schicken, damit ich ihnen nicht hinterrennen muss. Außerdem ist es für mich furchtbar, wenn ich weiß, dass zu Hause theoretisch jederzeit der Paketbote klingeln könnte.
Deswegen brauche ich ein Zusatzfeld, in das ich den Namen der Firma eintragen kann.
Es gab zwar ein Zusatzfeld für Anmerkungen ganz unten. Aber wer weiß, ob das berücksichtigt wird.

Die Lösung ist ja jetzt vermeintlich einfach: Kundensupport anschreiben. Es gibt auch ein Kontaktformular.
Aber an diesem Punkt bin ich überfordert. Zum einen muss ich Kontakt zu fremden Menschen aufnehmen. Zum anderen weiß ich nie, wie ich solche Anfragen formulieren soll: umgangssprachlich, wie ein Geschäftsbrief, …? Was wird da erwartet.
Meist endet es damit, dass ich dann die Idee begrabe (rw), weil mir die Kraft dafür fehlt, mich damit auseinanderzusetzen.

Das schlägt natürlich auch auf die Stimmung – versagt. Und ich hatte mich ja eigentlich so darauf gefreut! Meist gebe ich ja nur Aufgaben auf, die für mich sind. Wenn sie für andere sind, habe ich ja meist keine Wahl. Ich bin es sowieso nicht wert, sagt dann eine Stimme in mir.
Heute hat das dazu geführt, dass ich tatsächlich in ein richtiges schwarzes Loch gefallen bin (rw). Ich bin ins Bett geflohen und habe mir wortwörtlich die Decke über den Kopf gezogen.
Ich hab nicht auf die Uhr geschaut, es waren wohl etwa ein bis zwei Stunden, die mir so verloren gingen. Ich hatte mit dem Tag schon abgeschlossen – das wird mit mir heute eh nichts mehr. Weiterlesen

Ausbildung und Berufsschule

In letzer Zeit ist es sehr still um mich geworden. Das hat vor allem mit meiner Ausbildung zu tun. Inzwischen befinde ich mich im dritten und letzten Lehrjahr. Und ich habe einiges erlebt. Auf welche Probleme ich dabei gestoßen bin, möchte ich euch jetzt gerne erzählen.

Ich mache meine Ausbildung in einer Firma, in der ich mich sehr wohlfühle. Das liegt vor allem auch daran, dass ich so liebe Kollegen habe, die Arbeitsatmosphäre ist sehr, sehr angenehm. Ohne das hätte ich nicht lange durchgehalten.

Trotzdem gab es zwischendurch immer wieder Momente, in denen ich komplett verzweifelt bin und die Ausbildung ernsthaft abbrechen wollte.

Eines meiner größten Probleme war und ist noch die Berufsschule. Ursprünglich sollte mir die erspart bleiben, aber mein Ausbilder bat mich schließlich, doch hinzugehen.

Ich kann im Moment noch nicht wirklich sagen, ob das die richtige oder die falsche Entscheidung war. Es spricht viel für beides, vielleicht kann ich diese Frage wohl nie wirklich beantworten. Aber von Anfang an. Weiterlesen