Elementare Strukturen und Routinen im Arbeits- und Privatleben

Wohl fast jeder autistische Mensch kennt die Schwierigkeiten, wenn plötzlich auftretende Ereignisse die gewohnten Strukturen durcheinander bringen und zu welch gravierenden Problemen das mitunter führen kann. Doch es gibt auch viele Möglichkeiten, diesbezüglich für sich selbst zu sorgen, um den Lebensalltag bestmöglich bestehen zu können. So zum Beispiel auch am Arbeitsplatz und im häuslichen Umfeld. Doch im privaten Bereich lässt sich das natürlich wesentlich einfacher realisieren, als in der Arbeitswelt. Aber gerade dort ist es elementar, um seinen beruflichen Alltag bestmöglich bewerkstelligen zu können und sich eine gewohnt strukturierte Umgebung zu schaffen, so weit das außerhalb des eigenen Zuhauses überhaupt möglich ist.

Da ich beides erlebt habe, also zum einen, eine erfüllende, berufliche Tätigkeit mit zum Teil selbst errichteten Strukturen, sowie zum anderen, das genau gegensätzliche erfahren musste, weiß ich, welch hohe Priorität dahinter steckt. Unter anderem hatten die plötzlich fehlenden gewohnten Abläufe sogar zur Beendigung meiner Arbeitsfähigkeit geführt. Im Weiteren ist mir in diesem Zusammenhang ebenfalls bewusst geworden, wie viel von der Toleranz und dem Entgegenkommen der Kollegen tatsächlich abhängt, ob ein Arbeitsverhältnis mit Menschen wie uns gut funktioniert.

Eine hervorragende Chance kann sich diesbezüglich ergeben, wenn plötzlich im Kollegenkreis festgestellt wird, dass wir unter Einhaltung gewisser Rahmenbedingungen tatsächlich die erwartete Leistung erbringen können. Das kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen, obwohl zu dieser Zeit meine Autismus-Diagnose noch lange nicht bekannt war.
Bei einer späteren Reflektion mit meinem damaligen Chef, der heute pensioniert ist, kann ich mich noch genau an seine folgende Worte erinnern: „Wenn ich bestimmte Dinge, wie Telefongespräche und Kundenkontakte von dir fern hielt, konntest du gut und konzentriert arbeiten. Das hatte ich irgendwann raus. Ich habe von Anfang an gemerkt, dass du irgendwie anders warst, aber ich wusste intuitiv damit umzugehen, auch wenn es in manchen Situationen erst eine Weile gedauert hat, bis ich dahinter kam, was du brauchtest.“ Weiterlesen

Sich für Autismus schämen

Ich bin derzeit auf Wohnungssuche. Eine Bekannte hat für mich einen Termin mit einer Maklerin für eine Wohnungsbesichtigung ausgemacht. Allerdings hatte sie der Maklerin erzählt, dass ich Autistin wäre, „allerdings nicht so wie Rainman“. Mir rutschte das Herz in die Hose (RW). Und als ich meiner Mutter davon erzählte, regte sie sich wahnsinnig auf. Unmöglich fand sie das, das ginge die Maklerin gar nichts an.
Nachdem ich mich von meinem Schrecken erholt hatte, kam ich zum Nachdenken. Was genau war eigentlich das Problem? Ich fürchtete ernsthaft, die Wohnung aufgrund meiner Diagnose nicht zu bekommen. Uff… Das war schon echt hart. Damit unterstellte ich der Maklerin, dass sie mich wegen meiner Behinderung diskriminiert.
All das machte mir klar, wie sehr ich mich oftmals leider noch für meine Diagnose schäme. Nicht, weil ich Autismus als etwas Schlechtes oder Mindwertiges empfinde. Sondern eher, weil ich vor dem Bild, das Menschen aus Unwissenheit über Autismus haben, Angst habe.
Natürlich ist es Schwachsinn, seine Diagnose überall um jeden Preis bekannt zu geben. Aber in Hinblick auf die Wohnungssuche würde ich es aber schon als hilfreich empfinden, da auch aufgrund meiner Wahrnehmung andere Dinge für mich wichtig sind als wohl bei den meisten Nicht-Autisten. Eine große Glasschiebetür mit Balkon im Wohnzimmer ist für mich beispielsweise ein Alptraum. Da komme ich mir eher vor wie in einem Aquarium, in das alle hineinschauen können. Auch trotz der Gardinen, die bieten mir keinen „Schutz“. Manchmal träume ich von Gardinen so dick wie Handtücher. Ich glaube, vor einigen Jahrzehnten war so etwas tatsächlich mal „in“.

Bei meinen Überlegen dazu kam ich langsam zu dem Schluss, dass meine Diagnose einen Großteil meines Tages für mich wie ein Tabu-Thema wirkt, obwohl ich offen damit umgehe. Weiterlesen

Guten Morgen!

In meiner Ausbildung habe ich das erste Lehrjahr fast um. Viel ist passiert, viel hat sich geändert. Es gibt so vieles, worüber ich eigentlich gerne geschrieben hätte. Aber selten habe ich die Zeit und Ruhe dazu.

Aber jetzt habe ich es endlich geschafft, etwas zu schreiben. Es handelt sich um einen kurzen, typischen Ausschnitt meines Arbeitsalltages. Aber lest selbst😉

 

Ich gehe durch den Flur zur Tür unserer Firma, drücke auf die Klingel und warte.

Ob mich demnächst wieder irgendjemand sieht, wie ich in den Fahrstuhl steige oder herauskomme? Was soll ich dann sagen? Immerhin sind unsere Büroräume ja nur im zweiten Stock, da sollte man ja eigentlich die Treppe nehmen. Ich brauche eigentlich diese kurze Pause im Fahrstuhl nach der Fahrt mit der Stadtbahn und den ganzen Leuten um mich herum. Aber wie soll ich das erklären?

Der Türsummer ertönt, ich stemme mich gegen die schwere Tür und quetsche mich durch. Beim Zufallen halte ich die Tür hinter mir fest, damit sie nicht zu laut ins Schloss fällt.

Hat das jetzt albern ausgesehen? Guckt gerade überhaupt jemand?

Ich entdecke einen Kollegen, der in meine Richtung schaut.

Hm, schaut der nur wer gekommen ist oder hat der mich beobachtet? Ohje…

Ich mache mich auf den Weg zum ersten Büro und rufe ein „Guten Morgen“ hinein.

Hm, jetzt habe ich gar nicht gelächelt. Sah das jetzt grimmig aus?

Nächstes Büro und wieder „Guten Morgen“.

War das jetzt zu viel gegrinst? Hm, vielleicht haben die ja auch gerade nicht so hingesehen. Hoffentlich…

Ein „Guten Morgen“ und ein geschlossenes Büro (kein „Guten Morgen“) später betrete ich das Büro, in dem ich mit drei weiteren Kollegen zusammen sitze. Einer ist gerade nicht da, die beiden anderen in ein Gespräch vertieft. So vertieft, dass ich auf mein „Guten Morgen“ keine Antwort bekomme. Aber ich weiß, dass das bei den beiden nichts zu bedeuten hat. Ich gehe zu meinem Computer und starte ihn.

Worum geht es in dem Gespräch? Ist es arbeitsbezogen? Geht es um etwas, was mich auch betrifft?

Mein Computer meldet, dass das Passwort falsch ist.

Ah, nicht zu hektisch tippen. Ruhe bewahren. Sonst kann ich das Passwort nicht richtig schreiben.

Da ist das Gespräch auch schon vorbei. Kollege B wünscht mir einen guten Morgen, Kollege A schließt sich an. Ich wiederhole mein „Guten Morgen“.

Hm, war das jetzt überflüssig? Haben die das erste „Guten Morgen“ überhaupt gehört? Oder nicht? Wenn nicht, dann haben sie vielleicht nicht gemerkt, dass ich jetzt zwei Mal „Guten Morgen“ gesagt habe.

Inzwischen habe ich das Passwort endlich richtig eingegeben. Ich stehe auf, um mir aus der Küche ein Glas zu holen. Auf dem Weg dorthin liegen noch mal gut ein halbes dutzend Büros. Na dann: Guten Morgen!

Die autistische Welt der Beziehungen und Freundschaften

Die zweifellose Erkennung von zwischenmenschlicher Sympathie steht für Menschen wie uns außer Frage permanent unter hoch erschwerten Bedingungen, im Gegensatz zu nicht autistischen Menschen. Denn uns fehlt hier ja bekanntlich zum einen die Intuition, Mimik und Gestik entsprechend zu erfassen, und zum anderen ist es immer wiederkehrend eine schwierige Herausforderung, verbale Äußerungen der richtigen Interpretation zuzuordnen. Das heißt, selbst jegliche Signale der Sympathie vom Gegenüber werden von uns oft sehr spät, oder mitunter auch überhaupt gar nicht erst wahrgenommen.

Ein gutes Beispiel sei hier die Episode, wie mein Mann und ich uns im Jahre 1995 kennen gelernt haben. Eine von ihm und mir befreundete Familie, die der Ansicht war, dass wir sehr gut für eine gemeinsame Beziehung geeignet seien, hatten uns beide über mehrere Wochen unter dem Vorwand eines Kartenabends in ihr Zuhause eingeladen. Karten gespielt haben wir dort tatsächlich, obwohl sich meine Begeisterung dafür doch arg in Grenzen hielt. Aber es war eben auch eine Zusammenkunft, die ich genießen konnte, weil man mich in diesem Freundeskreis vorbehaltlos so akzeptiert hat, wie ich war, und das ist bis heute unverändert auch so geblieben.
Doch es hatte seinerzeit ganze sechs Wochen gedauert, bis ich den wahren Hintergrund dieses speziell so organisierten Treffens in vollem Umfang erfasst hatte. Es brauchte tatsächlich so lange, bis ich mir im klaren darüber war, dass es tatsächlich jemanden geben würde, der ein ernsthaftes Interesse an einer dauerhaften Partnerschaft mit mir anstrebt. Wie gut, dass unsere gemeinsamen Freunde damals so beharrlich auf die gleichzeitigen Einladungen bestanden. Sie wurden übrigens später unsere Trauzeugen.

Inzwischen leben wir jetzt seit zwanzig Jahren in einer Beziehung und sind aber erst seit 2011 verheiratet, da auch diese Entscheidung eine immense Herausforderung für mich darstellte. Doch unabhängig davon verging ebenfalls etliches an Zeit, bis ich ein einigermaßen stabiles Sicherheitsempfinden dafür entwickeln konnte, dass seine Sympathie für mich in allen Lebenslagen und Veränderungen, die das Leben nun mal mit sich bringt, Bestand haben würde. Daher gab es also immer wieder Situationen, in die ich das Ende unserer Partnerschaft interpretierte, obwohl mein Mann nicht im entferntesten an jegliche Absichten dachte. Weiterlesen