Autismus und Lerntherapie nach ABA – Teil I

Nichts zählt in unserer Gesellschaft so sehr wie angepasstes Verhalten und vor allem Leistungsfähigkeit. Mit äußerstem Missbehagen verfolge ich daher schon seit geraumer Zeit, dass von frühester Kindheit an, in sämtlichen Problembereichen therapiert und diverse Fördereinrichtungen immer mehr zu Wirtschaftszweigen mutieren. Doch es stellt sich wohl kaum die Frage, wer hierbei tatsächlich gewinnt und verliert und zwar seine glückliche Kindheit.

Ein Beispiel sei an dieser Stelle die „Fast Trac Kids“ (Kinder auf der Überholspur), eine sogenannte Kleinkindschule, ab dem zweiten Lebensjahr. Eines der Kinder, dass seine ganze Kleinkinderzeit dort verbringen musste, gab auf die Frage hin, was es sich für später wünschen würde, folgende Antwort: „Ein Bett zum Schlafen und genug Zeit zum Spielen, Basteln und Malen! Sonst nichts! Nur das!“ Daraufhin die Lehrerin: „Pippi Langstrumpf und Bullerbü war gestern!“ – Ich denke, das spricht Bände!

Doch auch im Autismusbereich verfolge ich diese Thematik mit Argwohn. Denn ein aus Amerika stammendes Therapiekonzept hat sich mittlerweile hierzulande ebenfalls fest etabliert. ABA (Applied Behavior Analysis). Hierbei handelt es sich um eine evidenzbasierte Lehrmethode, ein verhaltensanalytisches Therapiekonzept, dass mehrmals täglich, vor allem auch durch die Eltern, Anwendung findet. Es wird mit verstärkender Belohnung, sowie auch dem sofortigen Entzug von Annehmlichkeiten gearbeitet. Dadurch soll die Lernbereitschaft des Kindes erheblich gesteigert und sein autistisches Fehlverhalten gänzlich beseitigt, oder zumindest unsichtbar gemacht werden.

Genauer gesagt, dem Kind sollen spezielle Bedürfnisse, besonders gern gegessene Nahrungsmittel und das Lieblingsspielzeug gezielt entzogen werden, um es ihm nach erfüllter Anforderung, sowie der eingeforderten Verhaltensänderung, als Verstärkung und Belohnung, eingeschränkt wieder zu gewähren. Also beispielsweise seine Lieblingsbeschäftigung, wie die Schaukel, oder das Trampolin, kontrolliert zu gestatten. Denn diese Gegenstände sollen ja weiterhin als Verstärkung dienen, das heißt, ihren Reiz für das Kind nicht verlieren, damit auch ein möglicher Entzug dieser Tätigkeiten und/oder Spielzeuge, wiederum sofort seine gewünschte Wirkung zeigt. Das alles übrigens bei einer Anzahl von 30 – 40 Therapiestunden pro Woche, von denen die Eltern den größten Teil zu leisten haben und wobei im weiteren, die für Autismus signifikanten Bedürfnisse, völlig außer Acht gelassen werden. Das arme Kind, kann ich dazu nur sagen !!!

Diese ABA Methode erinnert mich jedenfalls an die Dressur von Tieren. Wenn sie parieren, erhalten sie einen Leckerbissen, oder Streicheleinheiten zur Belohnung. Was in Deutschland bereits seit mehr als einem Jahr mit steigender Tendenz praktiziert wird, kursiert in Amerika bereits seit zehn Jahren. Das heißt, die ersten dortigen „Opfer“ sind jetzt im jungen Erwachsenenalter und berichten von einer ständigen Irritation, absoluten Überforderung, Erschöpfung, unaufhörlichen Rücksichtslosigkeit in Bezug auf ihre Bedürfnisse und einer daraus resultierenden Traumatisierung, mit einhergehender Leistungsunfähigkeit als Erwachsene.

Es mag sein, dass ich Therapieansätze solcher Art natürlich besonders fokussiert wahrnehme, aber ich habe selbst aus erster Hand erlebt, welche Folgen es nach sich ziehen kann, wenn man von früher Kindheit an, einem kontinuierlichen Erwartungsdruck durch andere Menschen hilflos ausgeliefert ist und die eigenen Bedürfnisse grundsätzlich unterdrückt werden. Allein schon von daher halte ich das ABA Konzept für höchst bedenklich und fürchte, es birgt eine daraus resultierende, psychische Erkrankung: Burnout im Kindesalter oder zumindest eine drastische Zunahme der autistischen Stereotypen.

Diese bei autistischen Menschen signifikante und für sie äußerst hilfreiche Verhaltensweise ist im weiteren oft der einzige Ausweg des Stressabbaus und/oder auch eine unbewusste, verzweifelte Signalisierung an die Mitmenschen für eine nicht zu ertragende Situation. Dieses zumeist einzige Ventil soll jedoch durch ABA ebenfalls gänzlich mit ausgelöscht werden. Ich denke, gerade hier entsteht ein Teufelskreis mit ungeahnten Folgen!

Ein gesundes Maß an Autismus-Therapie ist natürlich durchweg sinnvoll. Das heißt, ein dosiertes Maß an spielerischer Verhaltenstherapie, sowie einer motorischen Entwicklungsförderung mit Stärkung der individuellen Ressourcen. Das alles jedoch grundsätzlich unter steter Berücksichtigung der jeweiligen Bedürfnisse, sowie der körperlichen, geistigen und psychischen Belastbarkeit des autistischen Menschen.

Link zu Teil II
Link zu Teil III

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2 Gedanken zu „Autismus und Lerntherapie nach ABA – Teil I

  1. Pingback: Froschs Blog: » Im Netz aufgefischt #174

  2. Manuela

    Ich finde solche Therapien einfach nur schrecklich. Habe eine Sendung gesehen über ein Kind mit Autismus. Das wichtigste war für die Eltern, dass dieses Kind normal wird, d.h. dass es genau so wie andere Kinder lebt. Wobei von leben kann keine Rede sein, eher funktionieren kann wie ein Roboter. Wie soll so ein Kind sich jemals selbst kennenlernen, was ihm Freude bereitet, wenn es jeden Tag mehrere Stunden therapiert wird um der Normalität zu entsprechen? Dieses Kind sah alles andere als glücklich aus, die ganze Kindheit wird ihm geraubt. Meiner Meinung nach, ist das wichtigste, dass das Kind zufrieden ist. Natürlich ist es wichtig, dass es die „normalen“ Menschen besser verstehen kann und da kann eine Therapie sinnvoll sein, aber nur zum verstehen. Das Kind muss selbst spüren, an welche Regeln es sich halten will oder kann, d.h. wo es sich nicht zu stark verbiegen muss und trotzdem noch sich Selbst sein kann. Diesen Eltern war es sehr wichtig, dass dieses Kind wenn es gross ist alleine leben kann, einen Beruf ausüben usw. Nur ist die Frage, wird das Kind dabei glücklich werden?

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