Autismus und Lerntherapie nach ABA – Teil II

Link zu Teil I

Die in meiner eigenen Vergangenheit einzig erfolgreiche Behandlung war jedenfalls die Sprachtherapie auf Grund meiner Autismus-typischen, monotonen Verbalisierung und es wurde mit spielerischer Didaktik an der Problematik gearbeitet. Die Logopädin hätte wahrscheinlich das Heim „zusammengefaltet“, wenn sie gewusst hätte, wie man dort mit meinen Sprachdefiziten umgegangen war, mit der Folge, dass ich mich dort kaum noch äußerte.

Jedenfalls machte ich in der Therapie gute Fortschritte, jedoch nur dort und in der Schule. Daher wurde sie nach einiger Zeit mit Erfolg abgeschlossen, was das Heim hingegen völlig anders interpretierte: „Die Therapie wurde doch nur beendet, weil dieses abartige Kind einfach für alles zu dämlich ist! Die landet doch später sowieso in der Anstalt! Das ist doch vergebliche Mühe mit der!“

Da ich im Laufe der Zeit jedoch gelernt hatte, mich ein Stück weit der Normalität angepasst zu verhalten, wurde der Schwerpunkt im nächsten Heim auf meine Leistungsfähigkeit ausgerichtet. Denn dort herrschte ohnehin das Konzept, das Maximale aus uns Kindern herauszuholen, egal wie. Doch das jetzt auszuführen, würde an dieser Stelle zu umfangreich. Es ging jedenfalls um das Prinzip: „Wer nichts bringt, ist nichts Wert und hat es auch nicht verdient, mit Anstand behandelt zu werden!“

Was ich mit diesen kurzen Episoden aus meiner desolaten Vergangenheit zum Ausdruck bringen möchte, ist folgendes: Was ich damals als Extremsituationen erlebt habe, zeichnet sich gegenwärtig subtil, aber spürbar wieder ab. Was in meinem Fall die psychische und körperliche Gewalt bewirken sollte, wird heute mit sämtlichen, anscheinend aber kontinuierlich härter werdenden, therapeutischen Methoden versucht. Doch meiner Erfahrung nach, sind Therapieerfolge bei autistischen Menschen mehr oder weniger, oft nur begrenzt erreichbar, je nach Einzelfall.

Eine Therapie ist also grundsätzlich sinnvoll, wenn sie parallel den Ansatz vermittelt, unsere Stärken zu entfalten und unser Anderssein selbst schätzen zu lernen, anstatt unsere Defizite einfach nur weg-therapieren zu wollen. Denn wo man sich gezwungen sieht, etwas aufzugeben, nur weil es gesellschaftlich als abnormal gilt, sind die Erfolgsaussichten, meiner Erfahrung nach, denkbar gering.

Doch was in der Vergangenheit geschehen ist, lässt sich nun mal nicht rückgängig machen. Aus der Biografie anderer autistischer Menschen, besonders in meiner Generation und älter, lässt sich ebenfalls ersehen, dass auch sie permanent furchtbares ertragen mussten, was offensichtlich auf einen Mangel der damaligen Kenntnisse über Autismus zurückzuführen ist. Das kann ich damit in begrenztem Maße auch entschuldigen.

Heute hingegen sind explizite Kenntnisse über das autistische Spektrum in der Fachwelt weit verbreitet und es sollte meines Erachtens darum gehen, die in den letzten Jahren bewährten, therapeutischen Methoden weiterhin aufrecht zu erhalten und zu intensivieren, so wie ich es im Erwachsenenalter im ATZ Bielefeld, glücklicherweise ebenfalls erfahren durfte. Und aus dieser Erfahrung heraus kann ich nur sagen, dass ist der prinzipiell bessere Weg! „Behaltet dieses Konzept bitte bei!“

Es wäre daher wünschenswert, dass dieses angeblich so erfolgversprechende ABA Therapie-Konzept wieder zurückgefahren wird. Wenn einem autistischen Menschen nur noch nach Anforderungserfüllung sein liebstes Beschäftigungsmaterial in Aussicht gestellt wird, oder derjenige durch den Entzug der Tätigkeiten, die sein Wohlbefinden ausmachen, verstärkt leiden muss, geschieht das eingeforderte Handeln nicht mehr aus freien Stücken, sondern es wird sich eher automatisieren. Genauer gesagt, dass Kind wird möglicherweise mit dem Hintergrund der psychischen Resignation und eigenen Schadensbegrenzung nach Wunsch funktionieren.

Das heißt, man züchtet sich ein willenloses Kind heran, dem die echte Lebensfreude künftig fehlen wird und wenn man beispielsweise seine antrainierte Konversation mit anderen Kindern genau beobachtet, kann man feststellen, wie unecht und roboterhaft es wirkt. Denn das Kind agiert nicht aus dem eigenen Bedürfnis heraus, sondern in Folge der konzeptionellen Druckausübung, was nach außen hin fälschlicherweise als freiwillige Motivation des Kindes verstanden wird. Es wäre von daher fatal, dieses erzwungene Ergebnis als Erfolg einzustufen.

Kinder mit Autismus sind ohnehin kaum in der Lage, sich gegen jegliche, aufgebürdete Zwänge zu wehren. Als Alternative bleibt ihnen daher oft nur noch der Versuch, aus der überfordernden Situation zu fliehen, mit der daraus folgenden Konsequenz, umgehend zurückgeholt oder sanktioniert zu werden. Die aus diesem System resultierenden Spätfolgen können sich im weiteren in einer lebenslangen Anforderungsaversion, sowie einer recht auffälligen Abneigung gegen nahezu alle menschlichen Erwartungen entladen.

Aus Erfahrungsberichten von inzwischen erwachsen gewordenen Autisten, die in ihrer Kindheit durch andere oder ähnliche, ebenfalls stundenlange Lernmaßnahmen gequält wurden, sind Störungen wie Burnout, Depressionen und Angsterkrankungen, bereits hervorgegangen. Auch zu meiner eigenen Vergangenheit sind hier eindeutig Parallelen vorhanden.

Link zu Teil III

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