Kindheitserinnerungen

Ich hatte meine Mutter überredet, mit mir zusammen in das Theaterstück „Supergute Tage“ zu gehen. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, dass wir endlich mal wieder zusammen etwas unternehmen. Meine Mutter war gerade umgezogen und wir hatten in den letzten Monaten sehr wenig Zeit miteinander. Wenn wir uns sahen, ging es meist um Organisation wegen des Umzugs, das war für uns beide sehr stressig.
Wegen des Theaterstücks machte ich mir aber auch Sorgen. Dort ging es um einen Autisten, der versuchte, einen Mordfall zu lösen (mehr möchte ich hier nicht verraten). Oft gab es Situationen, in denen er sich schreiend auf den Boden warf und um sich schlug. Hinzu kam, dass mithilfe von Soundeffekten versucht wurde, die autistische Wahrnehmung nachzuahmen, indem „unwichtige“ Geräusche wie Schritte oder Tastatur tippen unnatürlich laut über die Lautsprecher schallten. Ich fand das alles sehr gut dargestellt, aber was würde das alles für meine Mutter bedeuten?
Immer wieder warf ich im Theaterstück einen Blick auf sie. Wirklich viel konnte ich nicht aus ihr herauslesen. War sie überfordert? Ich beobachtete jede kleine Regung: Lachte sie an witzigen Stellen? Verzog sie das Gesicht? Das Problem war allerdings, dass sie sehr müde war. Das erfuhr ich aber erst in der Pause und interpretierte in ihre Haltungen und Bewegungen eher negatives in Bezug auf das Stück hinein.
In der Pause folgte dann die große Überraschung. Meine Mutter besorgte sich erst mal einen Kaffee, dann unterhielten wir uns. Sie kam mit der Darstellung gut zurecht, fand die Geschichte spannend und konnte trotz Geräuscheffekten alles gut verstehen. Ich war baff, das widersprach so ziemlich allem, was ich meinte, beobachtet zu haben.

Die ganze Zeit hatte ich mir überlegt, ob bei meiner Mutter auch frühere Erinnerungen hochkommen würden. Und das war auch tatsächlich der Fall. Sie erzählte mir eine Geschichte aus der Zeit, in der ich etwa 2-3 Jahre alt war. Ich hatte mich schreiend auf den Boden geworfen. Dabei rief ich so laut nach Hilfe, dass meine Mutter Angst hatte, dass die Nachbarn die Polizei rufen würden. Ich war sehr schockiert.
Meine Mutter hatte mir bestimmt nicht absichtlich weh getan oder mich irgendwie ernsthaft misshandelt. Aber es musste irgendetwas, für Nicht-Autisten „Unsichtbares“ passiert sein, was mich so in Panik versetzt hatte. Also fragte ich nach. Meine Mutter meinte, das wäre meine Reaktion darauf gewesen, dass ich meinen Willen nicht bekommen hatte. Ich war irritiert und schockiert zugleich. Und ich kam mir unverstanden vor. Was auch immer damals passiert war, das war bestimmt keine pure Bockigkeits- bzw. Protestaktion gewesen, sondern Überforderung und Verzweiflung. Ich hätte gerne gewusst, weswegen ich damals so ausgerastet bin, aber ich fürchte, das werde ich wohl niemals erfahren.

Als meine Mutter mich nach dem Theater zu Hause absetzte, fragte sie, was ich jetzt noch mit dem restlichen Tag anfangen würde. Mich ausruhen, entgegnete ich. Das könne sie gut verstehen, meinte sie. Immerhin wären das ja sehr viele und starke Eindrücke gewesen, die das Theaterstück mit sich brachte. Und das wäre mir sicher noch schwerer gefallen als ihr, fügte sie hinzu.
Ich war baff. Vielleicht verstand sie mich ja doch mehr, als ich nach dem Erlebnis in der Pause gedacht hatte. Und vielleicht hatte das Theaterstück doch einen Teil dazu beitragen. Davon ermutigt schnappte ich mir meinen Wäschekorb und setzte noch eine Wäsche an. Wie heißt es so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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