„Sprechen Sie dich dort schon mit Vornamen an?“

Eigentlich hätte man denken können, dass ich viel zu Hause schaffte. Genug Zeit hatte ich ja. Aber die Wahrheit sah meistens anders aus. Ich hatte eine lange Liste im Kopf mit Dingen, die erledigt werden mussten: Aktenablage, Abwasch, Wäsche, Putzen und der übrige Haushalt. Aufraffen konnte ich mich aber zu nichts. Nicht einmal dazu, ein Buch zu lesen. Obwohl ich genug Bücher auf meinem Lesestapel hatte, die mich auch interessierten und die ich wirklich gerne lesen wollte.
Es ist sehr frustrierend, wenn man zu nichts kommt, obwohl man deutlich mehr Zeit als genug hat. Lange Zeit habe ich überlegt, ob mir ein Ortswechsel vielleicht helfen könnte. Immer wieder hielt ich die Augen auf nach Cafés, in denen ich mich wohl fühlte und vielleicht sogar WLAN hatte. Dort könnte ich in Ruhe am Computer arbeiten, Bücher lesen und mich erholen. Na ja, zumindest theoretisch. Praktisch ist es in Cafés sehr laut und ich hätte dauernd Angst, dass ich meinen PC bzw. die Bücher dreckig mache. Ich kippe nämlich oft Gläser um und stelle mich auch sonst sehr ungeschickt an. Außerdem würde ich wohl die ganze im Hinterkopf berechnen, wie lange noch das Austrinken meines derzeitigen Kakaos (Kaffee mag ich nicht) heraus zögern könne und wann es Zeit für die nächste Bestellung ist. Wenn ich nichts zu trinken mehr habe, muss ich doch das Café verlassen. Oder etwas neues bestellen, was Interaktion mit dem Kellner bedeutet. Würde man mich rausschmeißen, wenn ich zwei Stunden an einem Kakao sitze? Und wie berechne ich ein angemessenes Trinkgeld?! Würde man mich irgendwann dort wieder erkennen und mich jedes Mal entsprechend begrüßen?! Bitte nicht!!!
All das wäre mir wohl durch den Kopf gegangen und ich wäre permanent sehr angespannt gewesen. Lange würde ich es also nicht in einem Café aushalten. Das war also keine gute Idee.

Die Lösung meines Problems war ein Ort, den ich gar nicht erst in Betracht gezogen hatte: Die Stadtbibliothek. Bisher hatte ich mit Stadtbibliotheken sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Ich kam ursprünglich „vom Land“ und dort schien die Bibliothek gefühlt nur aus der Kinderabteilung und ein paar Romanen für Erwachsene zu bestehen. Kein Ort, wo ich mich sonderlich wohl fühlte.
Inzwischen wohnte ich in einer Großstadt mit einer entsprechend großen Stadtbibliothek. Ich hatte nie sonderlich Interesse an dieser Bibliothek gehabt, aber irgendwann wollte es der Zufall, dass ich jemanden dorthin begleitete. Ich war positiv überrascht: Hier gab es sogar Bücher über Autismus sowie über meine Lieblings-Geschichtsepoche! Und ich fühlte mich auf Anhieb wohl.
Es verging einige Zeit, bis ich mich wagte, die Bibliothek noch einmal allein aufzusuchen. Eher aus einer Art Kurzschlussreaktion heraus besorgte ich mir einen Bibliotheksausweis.
Von da an fing ich an, die Bibliothek öfter aufzusuchen. Ich entdeckte immer wieder Neues! Und irgendwann nahm ich meinem Laptop mit, setzte mich an einen der Arbeitsplätze und fing an zu schreiben. Tage und Stunden brachte und bringe ich noch in der Bibliothek zu.
Selbst an meinen freien Tagen habe ich jetzt einen geregelten Tagesablauf: Ich stehe so auf, dass ich kurz nach der Öffnung der Bibliothek dort ankomme und arbeite dann so lange, bis die Bibliothek schließt. Danach fahre ich einkaufen, erledige den Haushalt oder räume auf, je nachdem was ansteht. Komischerweise klappt das richtig gut, obwohl ich theoretisch weniger Zeit als vorher habe. Aber ich bin ausgeglichener und kann durch die Struktur viel besser planen. Das führt sogar so weit, dass ich selbst an Tagen, an denen ich Termine habe, die Bibliothek aufsuche, sofern das zeitlich möglich ist.
Als durch einen Feiertag die Bibliothek zwei Tage am Stück geschlossen war, habe ich sogar einmal einen Nervenzusammenbruch bekommen, weil mir die übliche Struktur fehlte. Aber selbst damit komme ich inzwischen zurecht. Gerade ist die „Feiertagssaison“ zu Ende gegangen (Mai/Juni). Und es ist bei diesem einen Nervenzusammenbruch geblieben. Inzwischen schaffe ich es auch, Tage zu strukturieren, an denen die Bibliothek geschlossen hat.

Meine Mutter fragte mich einmal mit einem breiten Grinsen im Gesicht, ob man mich denn in der Bibliothek schon mit dem Vornamen ansprechen würde. „Zum Glück nicht“, antwortete ich, „Keiner spricht mich dort an.“ Und genau das ist einer der Punkte, der mir so gut an der Stadtbibliothek gefällt. Ich kann einfach kommen und gehen wie ich will, ohne dass jemand großartig Notiz von mir nimmt. Ein absoluter Traum!
Übrigens: Bücher leihe ich mir in der Bibliothek meistens nicht aus. Weil ich genau weiß, dass ich zu Hause nicht die Ruhe habe, sie zu lesen. Deswegen lese ich sie gleich in der Bibliothek. Und dabei lese ich hier so viel, dass ich von mir selbst überrascht bin!

Jetzt könnte man ja denken, die Stadtbibliothek wäre ein Schlaraffenland für alle (Asperger-) Autisten. Ruhe, jede Menge Bücher und Möglichkeiten zur Stillarbeit. Das ist leider nur die halbe Wahrheit. Wir Autisten sind sehr unterschiedlich. In unserem Autoren-Team bin ich beispielsweise die einzige, die sich wirklich wohl in der Stadtbibliothek führt. Für die eine gibt es dort nicht die passenden Bücher, die andere versteht nicht, wie ich dort arbeiten kann, obwohl dort Leute herumlaufen.
Na ja, was soll ich sagen? Für mich gibt es dort jede Menge interessante Bücher. Und ich arbeite meist mit Musik oder Naturgeräuschen auf den Ohren. Manchmal bin ich für ein bisschen Ablenkung durch andere Menschen sogar dankbar, weil ich besonders hier dazu tendiere, stundenlang durchzuarbeiten. Einmal bin ich nach über drei Stunden aufgestanden und merkte, wie sehr mir die Beine weh taten! Ich hatte mich die ganze Zeit kaum bewegt, weil ich so in meine Arbeit vertieft war.
Bei mir scheint es echt nur zwei Extreme zu geben: Arbeiten oder nicht arbeiten. Der Raum dazwischen ist erschreckend leer. Aber ich bin froh, dass ich durch die Stadtbibliothek erfahren habe, dass ich etwas zustande bringen kann. Daran habe ich lange gezweifelt, weil ich zu Hause nichts auf die Reihe bekam. Und derzeit arbeite ich daran, nicht zu viel zu arbeiten. Was für ein Widerspruch in sich…

P.S.: Diesen Artikel habe ich natürlich auch in der Stadtbibliothek geschrieben.

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