Therapieantrag – ein vorläufiger Erfahrungsbericht (Teil 2)

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Immer noch im Frühjahr 2014. Post von der Stadt: Ich muss beim Gesundheitsamt vorsprechen wegen der Therapiebewilligung.

Na da fehlt ja nur noch ein Yes-Törtchen („Und das an meinem Geburtstag“ – Werbung aus den 90ern). Gut, ich hatte jetzt an meinem Geburtstag morgens um acht auch noch nichts vor. Also bringen wir es hinter uns. Ich bin allerdings hochgradig irritiert davon, dass ich ärztliche Unterlagen mitbringen soll. Ernsthaft?! Diagnose etc. pp. haben die bereits vorliegen, und alles andere ist irrelevant und geht sie in dem Kontext doch nichts an. Meine BeWo-Frau sagt: „Das ist nur so formell… die wollen da nur kurz mit Dir reden und dich mal sehen.“ Na denn.

Tag X. Mit meiner BeWo-Frau schlage ich pünktlich beim Gesundheitsamt auf. Medizinische Unterlagen habe ich nicht dabei. Man reicht mir mehrere Bögen, die ich ausfüllen soll, während ich auf den Termin bei der Ärztin warte.
Auf gefühlten 80 Seiten soll ich mein komplettes Leben darlegen. Hatte ich jemals Geschlechtskrankheiten? War ich im Krankenhaus? Wie oft in meinem Leben und warum? Wann wurde ich wie geröntgt? Knochenbrüche in der Kindheit? Schädel-Hirn-Traumata? Rauche ich, saufe ich, nehme ich Drogen? Welche? Wie oft? Habe ich jemals ein Medikament nicht vertragen? Welches und warum nicht? Warzen? Abszesse? Undsoweiter…undsofort.
Sie haben wirklich NICHTS ausgelassen. Ich bin derart perplex, dass mir spontan einfach mal alles zuviel wird und ich kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehe (ja, das geht zuweilen schnell bei mir). Ich weigere mich, diese undurchdringliche Würgeschlange aneinandergereihter Eingriffe in meine Privatsphäre auszufüllen. Ich will doch bloß eine autismusspezifische Therapie!
Schließlich werde ich zur Ärztin gerufen. Doch doch, ich MUSS das alles ausfüllen, sonst können sie meinen Antrag nicht bearbeiten. Ich versuche nachzufragen, zu verstehen… ich bringe wenig sinnvolles raus, das Gespräch dreht sich im Kreis, Ergebnis: Ich muss eben. Schließlich geht die Ärztin mit mir den Bogen durch und ich schreibe stumpf hin, was man mir sagt was ich schreiben soll. Vieles an dem Bogen verstehe ich nicht, ist zu schwammig formuliert. Mein Wille hat sich verabschiedet. Bis auf eine Sache: Ich will hier nur noch raus. Gnädigerweise sieht sie dann davon ab, mich auch noch körperlich zu untersuchen. Währenddessen biete ich das Bild eines völlig zerstörten Menschen, ich weine möglichst leise nonstop vor mich hin und mein IQ ist durch den innerlich stattfindenden, aber äußerlich mit aller Kraft aufgehaltenen Komplettnervenzusammenbruch knapp unterhalb die Außentemperatur gefallen.
Als ich endlich draußen bin zittere ich wie verrückt, heule wie ein Schoßhund und kann immer noch keinen klaren Gedanken fassen. Meine BeWo Frau fährt mich zum Glück nach Hause und betüdelt mich danach soweit, dass ich wieder einigermaßen klar denken kann. Erwähnte ich, dass ich es HASSE, bei Kleinigkeiten so abzugehen? Es ist demütigend. So demütigend. Und der Besuch beim Gesundheitsamt wird für mich Sinnbild meiner verlorenen Würde als Bittstellerin bei den Ämtern. Ich prostituiere mich, mein Leben, meine Seele, für ein wenig Unterstützung im Alltag. Nichts darf ihnen verborgen bleiben, ich muss alles offenbaren. Man könnte nein sagen, man könnte es einfach lassen. Ich habe es nicht gelassen. Meine Entscheidung. Tja.

Immerhin, dieser Termin ist nun auch überstanden, und jetzt wird alles seinen Gang gehen.

Einige Zeit später erreicht mich ein weiteres Schreiben der Stadt:

Moment mal: Ich soll NOCHMAL zum „Vorsprechen“?! Davon hat mir niemand was gesagt, und WAS zur Hölle wollen die da noch von mir? Wenn ich mich nicht melde, hat sich meine „Notlage“ erledigt und ich kann meinen Lebensunterhalt anderweitig bestreiten? Hallo? Ich kann meinen Lebensunterhalt bereits jetzt bestreiten, und ich habe nie um Hilfe dabei gebeten! Ich bezweifle allerdings, dass sich meine Therapiebedürftigkeit innerhalb des nächsten Monats erübrigt, mein Autismus geheilt ist, und ich eines Morgens plötzlich aufwache und mein Leben perfekt im Griff habe, wenn ich mich bis zum Fristende nicht bei denen melde.
Anbei ein seitenlanger, verwirrender Komplettantrag für Sozialhilfe (wer ihn kennt, weiß, dass man dort erneut zur Komplettprostitution sämtlicher Lebensumstände aufgefordert wird, einschließlich der von Verwandten). Ich will doch bloß eine kleine, niedliche Therapie! Ist es wirklich notwendig, dass sie wissen was meine Eltern von Beruf sind, wo sie wohnen, und überhaupt: Wieviel Quadratmeter hat meine Wohnung? Dachschrägen? Ist Warmwasser in den Nebenkosten enthalten?

Derart bestürzt frage ich meine BeWo Frau um Rat: Sie kann sich auch nicht erklären, warum ich nochmal dort hin soll, und ob ich den Antrag ausfüllen muss, ist vielleicht auch nicht sicher, da die Stadt die Sache vermutlich ja sowieso an den Landschaftsverband abgeben wird. Sie bietet an, sich bei der Stadt zu erkundigen, was ich dankbar annehme.
Bei der Stadt teilt man ihr mit, dass ich nicht nochmal dort aufkreuzen muss, das würden sie einfach immer so schreiben standardmäßig. Argh. Wer jetzt nun wie für meinen Antrag zuständig ist, weiß im Amt offensichtlich niemand, anscheinend generell „niemand“ oder auch „irgendwer anders“. Der Mensch, den sie an der Strippe hatte, kümmert sich jedenfalls darum das zu klären, und bis dahin warte ich mit dem Ausfüllen erstmal.
Ich beschließe: Wenn das ein größeres Theater wird, lasse ich es. Scheiß auf Therapie, ich habe ganz nebenbei einen Abschluss zu machen und bin damit schon nahe an der Überforderungsgrenze angelangt, zumal dort auch einiges an Papierkram und Ämtersachen zu organisieren ist. Ich bin einfach zu fertig, um die Kraft für weiteres Zusammenstellen von tonnenweisen Nachweisen und Unterlagen und das Ausfüllen dieses Antrages aus der Hölle aufzubringen. Die Therapie könnte ich momentan mehr denn je gebrauchen, aber der Weg dorthin scheint wirklich ein Problem zu werden. Egal, ich ignoriere das weg so gut es geht und kümmere mich also darum, mein alltägliches Leben irgendwie auf die Reihe zu bekommen.

Einige Zeit später sorgt ein weiteres Telefonat meiner BeWo Frau mit dem Amt für großen Spaß: Tja, es wäre wohl der Landschaftsverband zuständig gewesen (ach nee?!), ABER da man meinen Antrag nun so lange auf dem Amt verschlampt liegen hätte, wäre die Frist dafür nun abgelaufen und das Amt müsste ihn jetzt zwangsläufig übernehmen. Das bedeutet selbstverständlich, dass ich nun für meine kleine Therapie einen kompletten Sozialhilfeantrag mit allen Schikanen ausfüllen muss und mich so ganz nebenbei um zahlreiche Nachweise von… ALLEM kümmern soll.
Damit ist die Reise hier für mich zuende, ich bin raus aus der Nummer. Alle können mich mal, ich muss um meine Alltagsfunktionalität kämpfen, keine Kapazitäten übrig für Nebenschauplätze. Mein Kopf fühlt sich ständig an als wäre er kurz vor dem Platzen, weil alles, was ich noch erledigen muss in wilder Fahrt ständig in ihm kreist und mich eh schon verrückt macht. Womöglich platzt er wirklich, wenn ich diese Aufgabe dem lustigen Karussell hinzufügen muss.
Allerdings…meine BeWo Frau bietet an, sich darum zu kümmern. Alles zusammenzutragen was sie kann, den Antrag mit mir auszufüllen. Und eigentlich brauche ich ja die Therapie. Dringend. Ich lenke ein. Wenn sie sich drum kümmert… soll sie. Ich betrachte das Thema für mich als erledigt, ich werde nur noch Gedanken daran verschwenden, wenn sie da ist und konkret etwas dazu getan hat.

Teil 3

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