Elternsein mit Autismus – Teil I

Es gibt nur wenige Themen, die in der breiten Öffentlichkeit so vielschichtig diskutiert werden, wie die perfekte Erziehung von Kindern auszusehen hat. Und da ich, insbesondere mit dem Hintergrund meiner damaligen institutionellen Unterbringung, zweifelsohne belegen kann, welche Folgen jegliche Erziehungsfehler bis weit ins Erwachsenenalter nach sich ziehen, halte auch ich es für unumgänglich, eine grundsätzlich gewaltfreie, verständnisvolle und wertschätzende Pädagogik zu vertreten.

In diesem Zusammenhang frage ich mich allerdings, warum gerade Menschen mit der Diagnose Autismus immer wiederkehrend die Fähigkeit abgesprochen wird, ein Kind erziehen zu können. Insbesondere, wenn es sich hierbei um ein ebenfalls autistisches Kind handeln sollte, was ja rein genetisch betrachtet, nicht unwahrscheinlich ist, sind meines Erachtens besonders günstige Voraussetzungen dafür gegeben.

Denn als selbst vom Autismus betroffener Elternteil, wird man sich möglicherweise sogar noch besser in die Erlebenswelt eines autistisches Kindes hinein versetzen können, da man sich mit den signifikanten Bedürfnissen des Kindes viel intensiver identifizieren kann. Zum anderen haben Menschen mit Autismus die Fähigkeit, sich besonders detailliert an ihre eigene Vergangenheit zu erinnern. Denn an dieser Stelle gewinnt man bei verschiedenen neurotypischen Eltern leider gelegentlich den Eindruck, dass jegliche selbst erlebte Erfahrungen aus der Kindheit, beim Umsetzen der Erziehung des eigenen Nachwuchses, scheinbar gänzlich vergessen wurden. Denn sonst würde in verschiedenen Situationen des Alltages definitiv eine andere Reaktion auf das vermeintlich oppositionelle Verhalten des Kindes erfolgen.

Handelt es sich hierbei um positive eigene Kindheitserinnerungen, vor allem im Zusammenhang mit den für Autismus typischen Schwierigkeiten, so werden diese im täglichen Familienleben dabei helfen, das Kind besser zu verstehen und zu unterstützen. Hatte man in der eigenen Kindheit beispielsweise selbst gravierende Probleme mit synthetischen Stoffen, oder kratzenden Etiketten der Bekleidung und wurde das vom Erziehungsberechtigten auch berücksichtigt, so wird man beim eigenen Kind mit einer wesentlich größeren Selbstverständlichkeit auf reine Baumwollmaterialien achten. Auch das Entfernen der störenden Etiketten aus dem Kragen oder Ausschnitt der Kleidung würde hierbei automatisch mit einbezogen.

Doch auch negative Erinnerungen können an dieser Stelle ebenfalls von Bedeutung sein. Wenn man in der eigenen Kindheit zu unerträglichem gezwungen wurde, bleiben diese Erinnerungen ebenfalls mit der gleichen Intensität haften und man wird das selbe seinem eigenen Kind später garantiert nicht wieder antun oder abverlangen.

Bei autistischen Menschen verhält es sich im Übrigen so: Die guten und die tragischen Erinnerungen bleiben in genau der gleichen Konstellation im Gedächtnis zurück. Das kommt besonders den autistischen Menschen zugute, deren negative Kindheitserinnerungen, von der Maße her gesehen, überwiegen. Denn ein paar positive Ereignisse hatte es zwischendurch bei mir selbst doch auch mal gegeben und ich kann meinem Autismus nur dafür dankbar sein, dass ich mich an diese Sachverhalte, mit der gleichen Detailgenauigkeit ebenfalls erinnern kann.

Obwohl eigene, negative Erinnerungen aus der Vergangenheit durchaus hilfreich sein können, ist an dieser Stelle, je nach Situation, unbedingt aber auch Vorsicht geboten. Denn mitunter könnten hierbei auch erhebliche Schwierigkeiten entstehen. Wenn man beispielsweise damals selbst in unerträglich disziplinarisch und kollektiv geführten Einrichtungen mit drakonischen Strafen, kontinuierlich ganze Nachmittage am Lerntisch still zu sitzen hatte, würde man sein eigenes Kind am liebsten gar nicht erst zur Schule schicken. Doch da sich das unausweichliche nun mal nicht vermeiden lässt, bliebe hierbei im weiteren noch der unwiderstehliche Wunsch zurück, seinem Kind, die selbst als unerträglich erlebten Hausaufgaben, zumindest teilweise, irgendwie zu ersparen.

Jedenfalls musste ich an dieser Stelle die Erfahrung machen was diesbezügliche, durch eigene Trigger hervorgerufene Äußerungen, nach sich ziehen können, als es um die Hausaufgabenproblematik eines Kindes von einer Bekannten gegangen war. Denn ich hatte ziemlich emotional geladen den Vorschlag gemacht, dem Kind in Absprache mit dem Grundschullehrer doch einfach einen Teil der Aufgaben zu erlassen. Nach einem klärenden Gespräch mit der Bekannten hatte ich allerdings doch recht schnell verstanden, dass eine derartige Lösungsstrategie absolut nicht einer pädagogisch effektiven Fördermaßnahme entspricht und für das betreffende Kind, vor allem langfristig betrachtet, nur eine unzureichende Wirksamkeit darstellen würde.

Überdies ist auch diese Angelegenheit einmal mehr ein Indiz dafür, wie sehr der Mensch, ob mit oder ohne Autismus, durch seine Biografie geprägt wird, mitunter ein Leben lang!

Link zu Teil II

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