Elternsein mit Autismus – Teil II

Link zu Teil I

Besonders im Zusammenleben mit Kindern ist es relevant, sich in verschiedenen Bereichen des Alltages, im Rahmen der individuell gegebenen Möglichkeiten, ein Stück weit umzustellen. Denn das eigene Leben ist ja halt sehr auf gleichbleibende Strukturen ausgerichtet und unvorhergesehene Ereignisse führen bekanntlich situationsbedingt zu einer hochgradigen Überforderung.

Doch mit Kindern werden solche Inhalte plötzlich zum Familienalltag. Bei einem autistischen Kind besteht natürlich der Vorteil, dass es ebenfalls auf mehr oder weniger stark strukturierte Tagesabläufe und Routinen angewiesen ist und eine möglichst geradlinige Übereinstimmung kommt hier natürlich beiden Seiten überaus entgegen. Zwischen autistischen Eltern und Kindern besteht oft eine innige Bindung der besonderen Art, weil einfach beide recht ähnliche Eigenschaften aufweisen und mit zunehmendem Alter des Kindes eine gegenseitige Wahrnehmung für die jeweiligen Bedürfnisse des anderen vorhanden ist.

Bei nicht-autistischen Kindern sind jedoch gewisse Probleme bereits von Anfang an vorprogrammiert. Zum Beispiel ist es für ein normal entwickeltes kleineres Kind oftmals schwer verständlich, warum es vom autistischen Elternteil eine nur unzureichende körperliche Zuwendung erhält. Doch sofern eine gut funktionierende Partnerschaft vorhanden sein sollte, wird dieser Bereich dann zumeist vom anderen Elternteil intuitiv mit abgedeckt.
Falls beide Elternteile von Autismus betroffen sein sollten, was jedoch wesentlich seltener vorkommt, wird sich auch in diesem Fall gewiss eine Lösung finden lassen, denn besonders autistische Menschen verfügen über ein hohes Maß an individueller Kreativität.

Zum anderen sind Kinder oft wahre Seismografen, was ihre Eltern betrifft. Sie wachsen in einer unglaublichen Selbstverständlichkeit mit den vorhandenen Gesamtgegebenheiten auf, wenn sie spüren, dass sie trotz allem um ihrer selbst geliebt werden. Man sieht dieses beispielsweise ja auch bei Kindern mit einem körperbehinderten Elternteil. Die Kinder betätigen sich unter anderem häufig schon recht frühzeitig und selbständig an der Haushaltsarbeit ihrer Eltern, weil sie mit deren körperlicher Einschränkung aufwachsen. Vorausgesetzt ist hier natürlich ebenfalls, dass eine relativ gute Eltern-Kindbindung vorhanden ist.

Wichtig wäre an dieser Stelle jedoch wie folgt: Eine körperliche Behinderung ist deutlich ersichtlich, eine psychische Beeinträchtigung, welcher Art auch immer, nun mal zumeist nicht. Das kann mit Beginn der Pubertät eines nicht autistischen Kindes zu mehr oder weniger, tiefgreifenden Konflikten führen. Denn hier folgt nicht nur der Loslösungsprozess von den Eltern, ob mit oder ohne Autismus, sondern auch eine genaue Hinterfragung der eigenen familiären Situation.

Der Jugendliche schämt sich plötzlich seines „komischen“ Elternteils mit Autismus und stellt mitunter sogar fest, dass er ihn in Teilbereichen der Entwicklung, inzwischen womöglich noch eingeholt hat. Denn autistische Menschen sind nicht immer in allen Entwicklungsstadien altersentsprechend erwachsen geworden. Sie haben zum Beispiel mit ihrem Kind über lange Jahre gleiche oder artverwandte Interessen geteilt, bis das inzwischen älter gewordene Kind eines Tages plötzlich aus diesen heraus gewachsen zu sein scheint.

Es mag sein, dass Situationen dieser Art, mit einem autistischen Kind eventuell anders verlaufen würden, aber das lässt sich nicht verallgemeinern. Denn auch autistische Menschen entwickeln sich eigenständig. Dem zur Folge gilt hier natürlich ebenfalls, die herangewachsenen Kinder eines Tages loslassen zu können, wenn der rechte Zeitpunkt im Erwachsenenalter dafür gekommen ist und die Voraussetzungen für ein weitgehend selbständiges Leben gewährleistet sind. Sofern sich hier eine externe, fachliche Unterstützung als notwendig erachten sollte, gibt es dafür unter anderem das Angebot der ambulant betreuten Wohnform.

Ein Kind zu erziehen ist für Menschen wie uns jedenfalls eine ganz besondere Herausforderung, was jedoch nicht heißen soll, dass es unmöglich ist. Leider wird diese Tatsache im Volksmund vehement vertreten und von daher ist es umso wichtiger, dafür zu sprechen, dass wir auch auf diesem Gebiet unsere individuellen Stärken haben können, trotz diverser Einschränkungen und unseren routinierten Verhaltensweisen.

Gerade in der gegenwärtigen Zeit gibt es vielfältige Möglichkeiten, sich auch in diesem Bereich frühzeitig genug um fachkompetente Begleitung zu bemühen. Um dem Kind durch unsere Autismus bedingten Defizite eine möglicherweise nicht unerhebliche Disharmonie zu ersparen, falls sich wider erwarten, gravierend signifikante Probleme im erzieherischen Alltag, oder bei der Entwicklung des Kindes, abzeichnen sollten. Auch in diesem Zusammenhang wäre beispielsweise das Ambulant Betreute Wohnen für Menschen mit Autismus der richtige Ansprechpartner.

Denn auch hier kann durch Prävention viel erreicht werden, wenn man bereit ist, an sich zu arbeiten und sich seiner Verantwortung dem Kind gegenüber bewusst ist. Denn für Hilfe und Unterstützung zu sorgen ist kein Zeichen von Schwäche, was leider oftmals als solche interpretiert wird, sondern im Gegenteil. Es ist ein Zeichen von Persönlichkeitsstärke, weil man dadurch eindeutig seine positive Bereitschaft, etwas verändern zu wollen signalisiert, wovon beide Seiten, also Eltern und Kind, definitiv nur profitieren können!

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