Tarnungsversuche

Für den erfolgreichen Abschluss des Studiums benötigte ich noch ein Praktikum. Es erwies sich schon als schwierig, überhaupt einen Praktikumsplatz zu erhalten, doch schließlich hatte ich Erfolg und bekam eine Zusage. Zu meiner großen Verblüffung und Erleichterung bekam ich die Zusage lediglich aufgrund meiner Bewerbungsunterlagen, ohne ein Vorstellungsgespräch absolvieren zu müssen. Vorstellungsgespräche waren schon immer meine größte Hürde, da ich mich nicht gut „verkaufen“ kann, und zuvor hatte ich nach zwei Vorstellungsgesprächen jeweils eine Absage bekommen.

Nun musste also alles klappen, und der Eindruck, den man am ersten Arbeitstag von mir haben würde, würde entscheidend sein. Würde man mich nämlich rausschmeißen, wäre mein Abschluss in Gefahr, da der zeitliche Rahmen, in dem ich dieses Praktikum noch ableisten konnte, sehr begrenzt war. Zudem war die Praktikumsstelle schließlich eine potenzielle spätere Arbeitsstelle, und wenn ich mich gut anstellte, hatte ich dort vielleicht schon einen Fuß in der Tür und konnte ein wenig erfolgsversprechendes Vorstellungsgespräch umgehen.

Wochen vorher begann ich also, mich auf dieses Praktikum vorzubereiten: Ich setzte mich mit den Stereotypen des erforderlichen Erscheinungsbildes auseinander, und stellte im Kopf verschiedene Outfits zusammen, die dem Bild eines kompetenten Menschen in diesem Beruf entsprachen, mich jedoch nicht so sehr verkleiden würden, dass es allzu künstlich wirkte.

Dann erwarb ich einige neue Kleidung, sowie eine neue, moderne Brille, die mich seriöser und älter wirken ließ. Vor dem Spiegel stolzierte ich in der neuen Kleidung umher und probte ein kompetentes Auftreten, häufig erforderliche Reaktionen, die Modulierung der Stimme, Gestik, Mimik. Ich durchdachte zahlreiche Situationen, die vielleicht auf mich zukommen könnten, und was in diesen wohl das angemessene Verhalten eines Praktikanten wäre.

Äußerlich war ich nun einigermaßen vorbereitet, und ich hoffte sehr, dass es nicht allzu viele unerwartete Situationen geben würde und man mich langsam einarbeiten würde, damit ich genug Zeit hatte, mich an die von mir erwarteten Aufgaben zu gewöhnen. Dass es in der Regel nicht so ideal läuft, war mir bewusst, aber ich hoffte, durch kompetentes Auftreten andere Schwächen einigermaßen kompensieren zu können.

So erschien ich schließlich am ersten Arbeitstag in perfekter Tarnung an meinem neuen Praktikumsplatz und bemühte mich sehr, meine Rolle gut zu spielen. Nicht zu übertrieben, auf der Grenze zwischen Schauspiel und Authentizität balancierend, natürlich, freundlich, aufgeschlossen, nicht anbiedernd, aber auch nicht ablehnend, motiviert, gut gelaunt, freundlich gestimmt. Meine Körpersprache durfte nicht verraten, dass ich „anders“ war, ihnen würde vielleicht schon früh genug auffallen, dass ich auf einige Situationen „komisch“ reagierte oder manche Dinge nicht auf Anhieb verstand. Das sollte aber durch mein Auftreten und Erscheinungsbild ausgeglichen werden. Wenn der erste Eindruck positiv ist, verzeiht man später einfacher den ein oder anderen Faux-Pas.

Es schien soweit gut zu gehen, ich wähnte mich nach dem zweiten Arbeitstag sicher. Das Praktikum selber sollte allerdings für mich dermaßen anstrengend werden, dass ich in der Folge die erste Woche jeden Tag mit rasenden Kopfschmerzen und am Rande der völligen Erschöpfung nach Hause kam und mich umgehend ins Bett begab, um am nächsten Morgen wieder so viel Kraft zu haben, den Tag zu überstehen.

Am dritten Arbeitstag wurde ich einem anderen Kollegen zugeteilt als die ersten beiden Tage. Nach nur kurzer Zeit gab es eine ruhigere Minute in seinem Büro, in der er mich in ein kleines, persönliches Gespräch verwickelte. Plötzlich, aus heiterem Himmel sah ich mich mit folgender Frage konfrontiert: „Sag mal, hast du dich schon mal auf Asperger testen lassen?“ Was zur Hölle…?! Wie viel Mühe hatte ich doch in mein Auftreten investiert! Wie viel Sorgfalt hatte ich in die Kleiderwahl gesteckt! Wie sehr hatte ich geübt! Wie sehr wähnte ich mich doch in Sicherheit! Ich machte meine Sache doch so gut! Ich verwendete so viel Kraft darauf, nicht komisch aufzufallen, und ich hatte mir meiner Meinung nach noch gar keinen Faux-pas erlaubt?! Völlig überrumpelt verließen die Worte schneller meinem Mund, als ich nachdenken konnte: „Äh… ja, ich hab die Diagnose“ Mist! Mein erster Fehler! Warum kann ich nur den Mund nicht halten, wenn ich so überrumpelt werde? Hätte ich bloß erst mal eine Gegenfrage gestellt. Nachdem mir diese Antwort also rausgerutscht war, besann ich mich auf die Gegenfrage: „Wie kommst du darauf?!“ Ein Blick mit hochgezogener Augenbraue traf mich: „Also bitte! Das merkt man doch!“

Panik. Was würde jetzt passieren? Habe ich damit den guten Eindruck, den ich dachte, zu machen verwirkt? Nun wissen sie, dass ich Autist bin, nun läuft in den Köpfen ein komischer Film ab, was ich alles bin und kann und was nicht, sie werden meine Kompetenz anzweifeln… es gibt gleich vermutlich den väterlichen Rat „Überleg Dir doch nochmal, ob der Beruf überhaupt etwas für dich ist…“ …und woran zur Hölle hat er mich erkannt? Woran bloß?! Da die Zeit knapp war, konnte ich diese Frage nicht mehr stellen.

Die weiteren Erlebnisse des Tages waren in diesem Kontext durchaus noch erwähnenswert, es würde an dieser Stelle aber definitiv zu weit führen, davon zu berichten und zudem genauere Beschreibungen erfordern, die ich nicht bereit bin, im Internet zu veröffentlichen. Der einzige Hinweis, den ich noch auf den Grund, warum mein Kollege mich erkannt hatte erhielt war, dass ich in dem persönlichen Gespräch in seinem Büro zu der Aussage verleitet wurde, dass ich schlecht und nicht gerne lüge. Mal ehrlich: Das alleine reicht wohl kaum zur Enttarnung eines Autisten?!

Der Kollege sagte mir am Ende des Arbeitstages jedenfalls, dass er sein Wissen um meine Diagnose für sich behalten würde, wofür ich ihm sehr dankbar war.

Die Lehre dieser Geschichte ist wohl, dass es offensichtlich völlig egal ist, wie gut ich mich tarne, es ist egal, wie viel Mühe ich mir gebe… es reicht einfach nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung, woran er es gemerkt hat, ich habe nicht die geringste Ahnung, was mich von einem nicht-autistischen Praktikanten unterscheidet. Null. Die viele Arbeit, die ich investiert habe, um nicht aufzufallen… vielleicht hat sie es besser gemacht, ja, aber sie hat einfach nicht gereicht. Meine Frage an potenzielle Mitleser hier ist: Woran erkennt man einen getarnten Autisten? Was fällt anderen Menschen noch auf, wenn man als Autist den Eindruck hat, seine Sache gut zu machen, wenn man den Eindruck hat, man verhalte sich wie alle anderen?! Wie? Wie geht das? Hab ich einen Sprung in der Selbstwahrnehmung oder bin ich nur an einen „Super-Menschenkenner“ geraten? Ich bin geneigt, genau dies anzunehmen. Aber ist das wirklich die Antwort? Er sagte übrigens, das er noch nicht viel mit Autisten zu tun gehabt hätte, so handelt es sich hier also anscheinend nicht um einen irgendwie gearteten „Autismus-Experten“.

Advertisements

8 Gedanken zu „Tarnungsversuche

    1. π-rat Autor

      Ich würde mich der Frage ja auch gerne anschließen…^^
      Mit dem Kollegen hatte ich nach dem Erlebnis fast keinen Kontakt mehr, er war zunächst krank und dann im Urlaub. Eine mögliche Theorie ist, dass er selber eine Tendenz in die Asperger-richtung hat. Ein „Freak“ ist er auf jeden Fall, aber ich kann nicht beurteilen, ob es das ist, was sein „Freak-sein“ ausmacht oder ob er eben… einfach nur ein „Freak“ ist.

      Antwort
  1. Christa

    Warum Tarnung? Es ist kein Makel und kein Defizit ein Autist zu sein! Punkt! Autisten sind anders als der Rest der Menschenmasse, aber nicht weniger wert 🙂

    Antwort
    1. π-rat Autor

      Klar! Das steht nicht zur Debatte 🙂
      Ich würde allerdings gerne einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt erhalten, und da ich nicht im „Informatik-Nerd-da-darf-man-seltsam-sein“-Bereich studiere, sind dazu leider gewisse Maßnahmen und Anpassungen notwendig.
      Ich wäre auch sehr dafür, dass es nicht notwendig wäre, aber deswegen ignoriere ich nicht, dass es notwendig ist. Gerade, wie verschieden Menschen auf einen reagieren, je nachdem, in welchem Outfit man sich präsentiert, ist wirklich ganz erstaunlich… man muss das nicht verstehen, aber es ist hilfreich, es zu wissen.

      Antwort
  2. Sternenreisende

    Ich glaube, das neurotypische Menschen Autisten erkennen, einfach unbewusst weil die schon eine andere „Ausstrahlung“ beseitzen. Wie soll ich das am Besten beschreiben? Halt das auftreten der autisten ist automatisch anders auch wenn sie unglaublich stark versuchen es zu kaschieren. Auch wenn ich das tue, trotzdem werde ich oft „entdeckt“. Egal wie sehr ich mich anstrenge. Und dabei kenne ich mittlerweile schon alle Regeln die man so wissen muss in der Ziwschenmenschlichen Kommunikation. ich glaube Nt’s können es einfach so, aus „dem Bauch heraus“ und wir wirken trotzdem noch viel zu ernst und nicht locker.

    Antwort
    1. π-rat Autor

      Ja. Ich versuche, das genauer zu erfassen mit der Ausstrahlung. Werde vermutlich nicht zu einem solchen Ergebnis kommen können, wie ich es gerne hätte.^^

      P.S.: Danke für deinen Blog! Bin heute total drauf hängengeblieben, ihn zu lesen. Trotz einer anderen Lebensgeschichte finde ich mich vor allem in vielen deiner Gedankengänge wieder.

      Antwort
  3. Forscher

    Leider herrscht in unserer Marktwirtschaft immer noch zu sehr die Denkweise des 19. Jahrhunderts, die von Makeln geprägt ist und die Stärken übersieht.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s