An den Haaren herbeigezogen

Nachdem mir zu meinem letzten Artikel in einem Kommentar die Frage „Warum Tarnung?“ mit dem berechtigten Hinweis darauf, dass Autismus kein Makel oder Defizit sei, gestellt wurde, schlug ich heute die Zeitung auf, las einen Artikel und dachte mir spontan: „Darum Tarnung!“.

In einer lokalen Sonntagszeitung wurde das Buch „Was tot ist“ von Belinda Bauer vorgestellt, dessen Protagonist ein Asperger-Autist ist. Zum Buch selber kann ich nichts sagen, es hört sich allerdings sehr interessant an.
Der Artikel über das Buch wird eingeleitet mit folgendem Absatz:

„»Was tot ist« heißt der neue Thriller der britischen Autorin Belinda Bauer – ein sehr ungewöhnlicher Krimi mit einem ganz besonderen Helden. Patrick Fort ist nicht zu normalen Beziehungen fähig, weil er unter dem Asperger Syndrom leidet. Da er hochbegabt ist, darf er trotz seiner Behinderung studieren. Er belegt einen Anatomiekurs und macht verstörende Entdeckungen.“

Weiter heißt es im Artikel:

„In ihrem neuesten Buch schickt sie einen jungen Mann mit Asperger in die Pathologie. Das hört sich wie an den Haaren herbeigezogen an, ist aber immer glaubhaft und sehr spannend.“

Der ganze Artikel ist hier nachzulesen.

Nun, was sagt mir das?

1. Ein Autist ist nicht zu „normalen“ Beziehungen fähig.

Das verleitet mich zu der Frage: Wie definiert die Redakteurin eine „normale“ Beziehung? Und wie stellt sie sich im Gegensatz dazu „unnormale“ Beziehungen vor? Meiner Erfahrung und Bewertung nach habe ich die meisten „schrägen“ und krankenden Beziehungen unter nicht-Autisten erlebt. Was natürlich zum einen daran liegt, dass ich mehr Nicht-Autisten als Autisten kenne, zum anderen selbstverständlich daran, dass ich aufgrund meiner Behinderung zu keiner adäquaten Einschätzung von Beziehungen in der Lage bin *Ironie* (Oh. Moment. Ironie kann ich eigentlich nicht)

2. Autisten dürfen nicht studieren, es sei denn, sie sind amtlich beglaubigt hochbegabt.

Hm. Wenn meine Diagnose rauskommt und man mich daraufhin zwangs-intelligenz-testet und ich nicht über einen IQ von 130 komme, werde ich dann verklagt? Gibt es da ein Gesetz?

3. Dass ein Autist, und sei er auch hochbegabt, Medizin studiert und dann auch noch einen Pathologiekurs belegt, ist völlig abstrus und an den Haaren herbeigezogen, die Autorin des Buches ist aber dermaßen kompetent, dass man ihr sogar diesen Schwachsinn abnimmt.

Tja. Hm. Ich verspüre den Drang, der Buchautorin meine Glückwünsche zu dieser Leistung auszusprechen. Dass sogar die Verfasserin des Zeitungsartikels die Story geglaubt hat, ist wirklich bemerkenswert.

Ich lasse das jetzt mal so stehen, die Gedanken, die ich mir gerade noch darüber mache, ufern ziemlich aus, und sie reichen, um ebenfalls ein Buch zu schreiben.

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