Laternensingekinder

Es ist wieder soweit: Kinder ziehen mit Laternen um die Häuser! Die letzten beiden Jahre musste ich mich nicht damit auseinandersetzen, denn ich war am kritischen Abend zufällig nicht zu Hause.

Und ja, es ist ein kritischer Abend. Ich schrecke bei jedem Klingeln zusammen, denn ich erwarte ja keinen Besuch, und es lässt sich auch kein Muster erkennen, das Klingeln erfolgt in zufälligen Abständen. Ich erwarte jede Sekunde ein Klingeln, was mich ziemlich nervös macht, und werde trotz angespannter Erwartungshaltung jedes Mal erneut erschreckt.

Wenn ich keinen Besuch oder kein Paket erwarte, mache ich die Tür eigentlich grundsätzlich nicht auf. Meine Wohnung ist mein Rückzugsort, und hier möchte ich völlig ungestört sein, hier soll die komplette Außenwelt dort bleiben, wo sie hingehört: Draußen!

Nun aber die Laternensingekinder. Sie dringen vielleicht nicht physisch in meine Wohnung ein, aber sie dringen in meine Ruhezone ein, sie stören die Abgeschiedenheit und Unantastbarkeit meines Rückzugsortes. Das möchte ich nicht. Das Klingeln kann ich wohl nicht vermeiden, also muss ich damit so oder so leben, aber ich kann längere Störung abwenden, indem ich nicht die Tür öffne. Und so mache ich es auch. Damit habe ich rational den für mich besten Umgang mit der Situation gefunden.

Und jetzt kommt das große „Aber“: Man sieht von außen, dass Licht in meiner Wohnung brennt, selbst wenn die Rolläden unten sind. Das führt natürlich dazu, dass die Zwerge überhaupt bei mir klingeln, weil sie messerscharf folgern, wo Licht brennt, ist meistens jemand zu Hause. Das führt dazu, dass sie lange und ausdauernd klingeln, und das führt dazu, dass sie schon vor einer potenziellen Türöffnung treuherzig ein Liedchen anstimmen. Sobald bei mir geklingelt wird, schrecke ich 1. zusammen, und 2. ist es für mich schwer auszuhalten, nicht an die Tür zu gehen, OBWOHL es mir wirklich von Herzen so lieber ist. Es ist etwas hellhörig hier, und das erwartungsvolle Geplapper vor der Tür, das präventive Anstimmen eines Liedes und schließlich die enttäuschte Erwartung tun mir leid.

So sitze ich jedes Mal hier und fühle mich schlecht, und vor allem überdenke ich jedes Mal erneut meine Entscheidung, nicht an die Tür zu gehen, komme aber jedes Mal wieder zu dem Schluss, dass ich es nicht tun werde. An so einem Abend komme ich fast zu nichts anderem mehr, weil ich ständig die Gedankenschleifen, die zu meiner Entscheidung führten, erneut überdenke, weil ich mir unsozial und herzlos vorkomme, sobald ich erwartungsvolles Geplapper vor meiner Haustüre höre, und schließlich den enttäuschten Abzug erleichtert zur Kenntnis nehme.

Am besten wäre es wirklich, ich würde an so einem Abend einfach nicht zu Hause sein, oder den Abend ohne Lichtquellen verbringen, damit die Kinder einfach denken, niemand sei zu Hause. Andererseits bin ich nicht dazu bereit, mich hier einzuschränken, nur damit andere… ach man, es ist einfach ein total unangenehmes Gefühl, was zusammen mit der Schocktherapie durch das Klingeln für einen unentspannten Abend sorgt. Sobald ich mein schlechtes Gefühl durch Wiederholung meiner Gedankengänge und Bestätigung meiner Entscheidung abgemildert habe, klingelt die nächste Rotte erwartungsvoller Kinder und der Kreislauf geht von vorne los.

Ich frage mich darum gerade, wie wohl andere Autisten zu Laternensingekindern stehen?!

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3 Gedanken zu „Laternensingekinder

  1. Daniel

    Auch Nicht-Autisten mögen das nicht immer, wenn jemand an der Tür klingelt, mit dem man eigentlich gar nichts zu tun hat. Es wäre schöner, wenn die Welt sich vorher ankündigen würde.

    Antwort
  2. rhoio

    Eine Idee: Schreib doch nächstes Jahr den Laternensingekindern einen kurzen Brief mit einer Kinderverständlichen Erklärung, dass du zwar zuHause bist, aber nicht die Tür aufmachen magst. Und leg den zusammen mit ein paar Süßigkeiten bei dir vor die Tür.

    Antwort
    1. π-rat Autor

      Das ist ja eine gute Idee! danke! Ich weiß noch nicht, ob ich sie nächstes Jahr umsetzen werde, aber, ja, die Idee ist gut 🙂 Ich könnte einfach ein Schild machen und an die Tür hängen, mit verweis auf ein Körbchen, dass ich hinstellen würde oder so. Wenn vor der Tür ein Brief und Zeug liegt, glaub ich nicht, dass Laternensinger da unbedingt rangehen.
      Aber vielleicht werde ich nächstes Jahr auch einfach wieder nur hoffen, dass keiner kommt und dass ich mich um nix kümmern muss. Wer weiß schon, was nächstes Jahr ist, und in welchem Geisteszustand ich mich dann befinde oO

      Antwort

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