Mit Autismus älter werden – Teil II

Link zu Teil I

Berührungen und Handhabungen durch fremde Leute sind für Menschen wie uns ohnehin schon eine unerträgliche Belastung. Das habe ich anhand sämtlicher Operationen noch hautnah in Erinnerung, nach denen ich wochenlang, in Gipsschalen liegend, unfähig war, für meine Körperhygiene selbst sorgen zu können. Jedenfalls wurde es für das Pflegepersonal des öfteren zur Geduldsprobe, mich pflegerisch und auch medizinisch versorgen zu müssen, was sich erst im Laufe des jungen Erwachsenenalters von meiner Seite her langsam besserte, da ich inzwischen gelernt hatte, mein diesbezügliches Unbehagen einigermaßen verbergen zu können.

Daher wäre es für mich ein Horrorszenario, wenn ich später mal wieder auf eine derartige Unterstützung angewiesen sein müsste. Doch da ich körperbehindert bin, ist diese Tatsache leider nicht so ganz von der Hand zu weisen. Daher könnte ich mir vorstellen, dass es diesbezüglich im Alter zu ähnlich gravierenden Problemen kommen wird, wie einst in meiner Jugend und ich kann auch mit diesem Hintergrund nur hoffen, dass mir das noch sehr lange Zeit erspart bleiben möge.

Als plastisches Beispiel sei hier übrigens meine Großmutter aufgeführt, von der man heute wohl sagen würde, sie muss autistisch gewesen sein. Nebst der dafür signifikanten Merkmale, die sich während ihres Alterungsprozesses wieder auffällig vermehrt gezeigt hatten, wehrte sie sich vehement gegen jegliche pflegerische Versorgung, als diese durch ein externes Fachpersonal verrichtet werden musste. Doch vor allem an einen Satz ihrer letzten Lebensjahre, der meine eigene Person betraf, kann ich mich noch sehr genau erinnern: „Das Mädchen ist anders und sie wird es immer bleiben. Da hilft auch kein strenges Heim.“ Wie recht die Großmutter mit dieser Aussage vor 35 Jahren doch damals gehabt hat.

Doch wer bereits schon während seiner Kindheit, so wie ich, den Folgen einer kollektiven und äußerst unmenschlichen Heimunterbringung selbst jahrelang ausgeliefert war, wird diese zusätzliche, prägnante Erfahrung wohl nie vergessen. Sofern sich also eine solche Wohnform im späteren Alter wiederum als notwendig erachten sollte, werden diese Erinnerungen unausweichlich in ihrer gesamten Dimension zurückkehren. Man wird das Pflegepersonal dem zur Folge möglicherweise genauso fürchten und verweigern, wie einst in der Vergangenheit die furchtbaren Heimerzieher.

Auch längst überwundene Autismus-typische, rituelle Verhaltensweisen könnten sich in solchen Fällen erneut entfalten, sowie eventuell der völlige Rückzug in sich selbst. Mit anderen Worten, die Probleme wären definitiv vorprogrammiert und ich kann daher nur hoffen, dass ich niemals wieder irgendwelchen Menschen, auch wenn sie einem später tatsächlich wohl gesonnen sein sollten, in irgendeiner Form, hilflos ausgeliefert bin.

Link zu Teil III

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