Wie funktioniert Trauer?

Das Telefon klingelt, auf dem Bildschirm ist ihre Nummer. Ungewöhnlich um die Uhrzeit. Während ich zum Telefon gehe, überlege ich: Ist bei dem Update ihres Computers gestern vielleicht eine Einstellung geändert worden, an die ich nicht gedacht habe? Macht ein eMail-Anhang wieder Probleme? Will sie jetzt das erste Mal mit dem Textverarbeitungsprogramm arbeiten?
Am Telefon blinkt ein Lämpchen, sie hat also schon einmal angerufen. Dann muss es dringend sein.

„Er ist tot.“ In meinem Kopf herrscht völlige Leere. Und in meinen Gefühlen auch. Letzte Nacht gestorben, wohl unter großen Schmerzen. Sollte ich jetzt nicht eigentlich traurig sein? Oder entsetzt? Aber da ist nichts.
Ich höre ihrer Stimme an, dass es sie sehr mitnimmt. Es hat bestimmt tiefe, alte Wunden aufgerissen (RW). Was soll ich jetzt sagen? Ich suche verzweifelt nach einer Antwort. Eigentlich müsste ich jetzt doch auch versuchen, sie zu trösten, ihr Mut zuzusprechen. Aber es kommt nichts, ich finde keine Worte. Also bin ich ehrlich: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Scheiße…“
Sie versteht das zum Glück. Na ja, eher: sie regt sich nicht offen darüber auf. Ich hoffe mal, dass sie das versteht.
Nebenbei rufe ich mir immer wieder meinen Kalender ins Gedächtnis: wie mache ich es, wenn die Beerdigung an dem Tag ist oder an dem? Gerade diese Woche ist bei mir sehr voll mit Aufgaben und Terminen, immerhin steht Weihnachten vor der Tür (RW).
Sie weiß es nicht, wann die Beerdigung ist, hat sich nicht getraut zu fragen. Das kann ich gut nachvollziehen. Ich weiß auch nicht, was ich Trauernde fragen darf. Und wie. Das ist immer wie ein Minenfeld. Ich weiß nicht mal, was ich zur ihr am Telefon sagen darf, was ich sie fragen darf. Dabei habe ich so viele Dinge im Kopf, die ich sie fragen möchte. Möchte wissen, was ihr durch den Kopf geht, um besser reagieren zu können. Und was wird mit den alten Familienunterlagen, die er hatte und die ich so gut für mein Stammbaum-Projekt brauchen könnte? Und was wird damit und damit? Alles Fragen, die jetzt unangemessen sind. Das treibt mich fast in den Wahnsinn. Die völlige Leere in meinem Kopf, dazu diese ganzen Sorgen und… immer noch keine Traurigkeit. Oder Tränen.

Ich versuche mir vorzustellen, dass er weg ist. Das klappt aber nicht. Das wird einem erst bei der Beerdigung richtig bewusst werden, sagt sie.
Ich denke daran, wie vor ein paar Jahren ein Mensch, der mir sehr nahe stand und der mich viele Jahre begleitet hat, gestorben ist. Ich war auf seiner Beerdigung, habe eine kurze Rede gehalten und die Traueranzeigen gelesen. Kurz vorher habe ich ihn sogar noch im offenen Sarg gesehen, weil ihm dieses Ritual zu Lebzeiten wichtig war. Und trotzdem habe ich immer noch kein wirkliches Verständnis davon, dass er nicht mehr da ist.
Wenn ich in seiner Stadt bin, habe ich oft das Gefühl, er kommt gleich um die Ecke. Hat nur gerade noch einen Termin, ist mit Kollegen unterwegs oder er macht gerade einen Spaziergang. Er kommt eben später.
Ich höre, wie er zur Begrüßung in die Hände klatscht, freudig meinen Namen ruft und mir mit offenen Armen entgegen kommt, damit ich ihm um den Hals fallen kann. In dem Haus, in dem jetzt ganz andere Leute wohnen. Das jetzt ganz anders eingerichtet ist. Aber auch das kann ich mir nicht vorstellen.
Das alles sage ich ihr nicht. Es ist anders als ihre Wahrnehmung. Und gerade in dieser Situation möchte ich ihr das nicht kaputt machen.

Nach dem Telefonat ist immer noch nichts. Keine Traurigkeit, keine Tränen. Nur die Gedankenkarussells zu den Planungen der nächsten Tage. Aber da komme ich nicht weiter, ich weiß einfach noch zu wenig.
Wie muss ich mich gegenüber der Familie verhalten? Wie viele Lügen muss ich noch erzählen, um andere Trauende nicht zu verletzen? Wie überlebe ich das Essen nach der Beerdigung?
Und wie gehe ich überhaupt den heutigen Tag weiter an? Was ist angemessen? Meine ganze Tagesplanung liegt in Scherben. Egal, was ich mir vornehme, ich schaffe es nicht, auch nur irgendetwas anzufangen.

Eine gute Freundin schreibt mir, dass sie für mich da ist. Das bedeutet mir sehr viel. Aber ich weiß gar nicht, was ich brauche oder was mir jetzt gut tut.

Irgendwann stehe ich am offenen Fenster und lausche Kirchenglocken in der Ferne. Ich schließe die Augen und komme wenigstens etwas zur Ruhe. Muss ich jetzt die Hände falten? Irgendetwas beten? So ein Schwachsinn, er ist vor Jahren aus der Kirche ausgetreten.
Trotzdem höre ich mir die Glocken weiter an, ich mag Kirchenglocken. Damit muss er eben leben… äh, na ja…

Eigentlich bin ich froh, dass er nicht mehr leiden muss. Aber das heißt ja auch, dass er verpasst, wie es in seinen Lieblingsroman, -serien oder -filmen weitergeht. Für mich eine schreckliche Vorstellung. Und das ist wieder nicht angemessen, das darf ich anderen Trauernden nicht erzählen.
Wahrscheinlich hat er es auch nicht mehr geschafft, all die alten Familienunterlagen durchzuarbeiten. Klar, das könnte ich oder jemand anderes für ihn fortsetzen. Aber der arme Kerl ist mit dieser Aufgabe nie fertig geworden! Auch eine Vorstellung, die für mich wahnsinnig schlimm ist, die ich aber keinem erzählen kann.
Es gab noch so vieles, was ich ihn fragen wollte. Diese Fragen wird mir wohl kaum jemand beantworten können. Zumindest das ist doch etwas, was andere Trauernde ebenso empfinden, oder?

Als ich wieder am Computer sitze, möchte ich ihr eine Nachricht schreiben. Immer wieder klicke ich auf das entsprechende Programmsymbol. Nichts passiert. Ich klicke und klicke. Da merke ich, dass ich die ganze Zeit das falsche Symbol angeklickt habe. Ich muss wohl echt daneben sein.
Als ich ihr davon schreibe, meint sie, das wäre jetzt ganz natürlich. Dass ich nicht mehr intuitiv mit meinem Computer umgehen kann, ist jetzt ganz natürlich?!

Geweint habe ich immer noch nicht. In mir herrscht weiter Leere. Aber wenigstens habe ich den Tag irgendwie herum bekommen. Im Umgang mit dem Computer tue ich mich immer noch schwer, sogar bei den Tastenkürzeln muss ich ungewohnt lange überlegen. Dabei kann ich bei der Arbeit am Computer sonst immer rein nach „Bauchgefühl“ arbeiten. Deswegen ist mir mein Computer im Alltag eine wichtige Stütze.

Trauer geht schon manchmal komische Wege.

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