Herzlichen Glückwunsch zum Ausbildungsplatz?

Es ist soweit, in den kommenden Tagen werde ich meinen Ausbildungsvertrag unterschreiben. Eigentlich ein Grund zur Freude, oder? Ich muss nicht zur Berufsschule, darf mit reduzierter Stundenanzahl arbeiten und habe nette, verständnisvolle Kollegen. Aber irgendwie kann ich mich doch nicht richtig freuen. Im Gegenteil, ich habe panische Angst zu versagen.

Seit Jahren bin ich auf Arbeitssuche. Nach meinem Schulabschluss war ich erst mal total fertig. Nur mit großen Unterbrechungen habe ich Praktika machen können, in ganz verschiedenen Bereichen. Meine Eltern haben sehr darunter gelitten. Mein Vater wünschte sich, dass ich doch einfach endlich nur ein „wertschaffender Teil dieser Gesellschaft“ sollte. Meiner Mutter ging es bestimmt ähnlich. Und meiner Verwandtschaft ging alles nicht schnell genug: Ich war zu faul, nicht engagiert genug, müsste doch dieses und jenes probieren.

Für mich war es aber auch nicht leicht. In jedem Praktikum musste ich feststellen, dass etwas nicht stimmte. Irgendwie passte das alles nicht, funktionierte nicht. Und mir war klar, wenn ich das noch länger machen würde, würde ich das nicht lange durchhalten.
Und jedes Mal, wenn ich ein Praktikum beendete, hatte ich das Gefühl, versagt zu haben. Das war jedes Mal ein harter Schlag für mein sowieso schon geringes Selbstwertgefühl.
Und so stand ich bei jedem neuen Praktikum unter großen Druck. Dieses Mal musste es einfach klappen, ich wollte die Erwartungen meiner Eltern nicht wieder enttäuschen.
Aber innerlich hatte ich eigentlich die Hoffnung bereits aufgeben, mich einmal selbst finanzieren zu können. Nicht einmal ein Studium oder eine 40-Stunden-Woche schaffte ich. Beides hatte ich vergeblich versucht und war beide Male psychisch zusammengebrochen. Und das trotz Begleitung und Hilfsangeboten.

Einmal hatte ich einen Betrieb gefunden, in dem bereits ein Autist arbeitete. Also schöpfte ich wieder Hoffnung und beschloss, eine Ausbildung zu wagen. Aber ich kam in eine andere Abteilung und hatte große Schwierigkeiten mit meinem Ausbilder dort. Ich versuchte, alles so gut wie nur möglich zu machen, aber es reichte nie. Ich wurde aus seinen Aufgabenstellungen nicht schlau und er regte sich jedes Mal sehr über das auf, was ich ablieferte. Egal, wie sehr ich mich anstrengte.
Es gab ein paar Vermittlungsversuche von außen, anfangs wurde alles auf mich geschoben: Kommunikationsprobleme wegen Autismus. Später stellte sich jedoch heraus, dass bereits mehrere „normale“ Kollegen seinetwegen gekündigt hatten.
Ein Abteilungswechsel war leider nicht möglich. Mir blieb nichts anderes übrig, als auch zu kündigen. Ich hatte wieder versagt.

Inzwischen war ich soweit, mir Werkstätten für Menschen mit Behinderung anzusehen. Hauptsache, irgendwas arbeiten. Aber dort wies man mich jedes Mal ab: das wäre nichts für mich.

Nach langer Suche fand ich einen Bürojob bei einer sozialen Einrichtung. Das hielt ich aber auch nicht lange durch, weil ich dort teils schwierige Klienten in Empfang nehmen musste.

Schließlich landete ich in der Firma, in der ich jetzt meine Ausbildung beginnen werde. Man ist dort sehr offen und die Kollegen sind wirklich nett. Die Aufgaben machen mir Spaß, ich habe keinen Kontakt zu Kunden und firmenintern wird über ein Chatprogramm kommuniziert.
Eigentlich ist jetzt alles gut. Wenn ich nicht die ganze Zeit mit mir selbst kämpfen würde. Es fängt schon damit an, wenn ich einen Kollegen etwas fragen muss. Und das muss man ja als Praktikant/Auszubildender recht häufig.
Panisch versuche ich zunächst, irgendwie das Problem alleine zu lösen. Bloß keinen belästigen! Geht das nicht irgendwie auch ohne Hilfe?!
Meistens muss ich dann irgendwann aufgeben und um Hilfe bitten. Und dann sitze ich da, lege mir gefühlt tausend Mal die Worte zurecht und suche verzweifelt nach dem „perfekten“ Augenblick, um einen Kollegen bei der Arbeit zu unterbrechen. Dann bin ich völlig fertig und manchmal sogar kaum noch aufnahmefähig.
Meine Kollegen kriegen davon (hoffentlich) nichts mit, sie bezeichnen mich eher als „schüchtern“. Und sie würden sich gehörig wundern, warum ich so große Angst davor habe, Kontakt aufzunehmen und Fragen zu stellen.
Aber sie wissen auch nicht, was ich in der Schule, in früheren Praktika und im Studium durchgemacht habe. Das alles sitzt immer noch tief, obwohl es eigentlich vorbei ist.
Dabei sind meine Kollegen ganz anders: Als mir vor Überforderung einmal wieder die Stimme abhanden gekommen war, habe ich meinen Kollegen am Schreibtisch gegenüber per Chat angesprochen. Das war für ihn kein Problem. Er hat freundlich „offline“ geantwortet und mir so geholfen, meine Stimme wiederzufinden.

Manchmal wünschte ich, ich könnte endlich loslassen und in der Gegenwart leben. Denn jetzt habe ich eigentlich eine Traumfirma gefunden. Aber leider klappt das irgendwie nicht.
Ich klammere mich an der Hoffnung fest, dass ich mit der Zeit lockerer werde. Dass ich das alles irgendwie durchhalte. Und dass ich so doch noch irgendwann die Chance bekomme, mir meinen Lebensunterhalt selbst zu finanzieren.

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6 Gedanken zu „Herzlichen Glückwunsch zum Ausbildungsplatz?

  1. Paul

    Viel Glück für die Ausbildung! Ich würde das alles nicht so negativ sehen. Ich bin z. B. trotz maximalem Einsatz an den Hürden Voll- Abitur und Fachhochschulstudium gescheitert, in der damaligen Zeit war das jeweils katastrophal für mein Selbstbewusstsein, das insbesondere in der Zeit, als ich am Abi scheiterte, nahezu komplett auf schulischen Leistungen aufbaute. Und heute zeigt sich, es kann trotzdem gehen.
    Die Kommentare der Verwandten taten ihr Übriges. Heute habe ich gelernt, dass fast jeder diese Art Kritik abbekommt, weil die meisten in Sachen Beruf in Patentrezepten denken, und deren Umsetzung ist ihnen auch dann wichtig, wenn das gar nicht möglich ist.
    Also z. B. Abi- Uni- hochbezahlter Beruf. Wer von dieser Art Patentrezept abweicht, bekommt automatisch Kritik ab, unabhängig davon, ob das Patentrezept überhaupt möglich ist. Dementsprechend sollte man diese auch bewerten: Man bekommt Kritik ab, weil man etwas, was nicht möglich ist, nicht tut. Da sollten eher die, die diese Kritik äußern, noch mal in die Nachhilfe.

    Antwort
    1. Sternensucher Autor

      Vielen Dank! Keine Sorge, ich bin ja trotz allem hoffnungsvoll, sonst würde ich es erst gar nicht versuchen.
      Ich hoffe auch, dass ich mit den Jahren auch besser mit diesen Rückschlägen zurechtkomme. Und dass die Verwandtschaft irgendwann verstummt. Natürlich tue ich mein bestes, deren Kommentare und Blicke auszublenden, das hilft aber leider kaum.
      Patentrezepte passen leider auf die wenigsten von uns. Schade, dass die Gesellschaft da anders denkt.

      Antwort
  2. Blacky

    Zunächst einmal, trotz aller vorhandenen und eventuell noch kommender Schwierigkeiten: Gratulation! Ich drücke dir ganz doll die Daumen und Zehen, dass das alles funktionieren wird. Du packst das schon, Kopf hoch!

    Ganz ehrlich? Es ging mir zeitweise ähnlich und das ist es bis heute teils immer noch der Fall. Ich habe neben dem Studium einen netten Nebenjob in einem Maklerpool, der einen echt großen Namen in Hamburg hat. Jedes Mal wenn eine der Telefonistinnen jemanden an der Strippe hat, der sich wgeen was beschwert, was eine AUSHILFE getan hat, zucke ich unweigerlich zusammen. Besonders dann., wenn es heißt „Nein, DIE ist eine studentische Aushilfe bei uns und kommt daher nicht ans Telefon.“ Ich krieg innerlich jedes Mal die Krise dabei.
    Auch kann ich nicht sofort von alleine wissen, wie man mit welchen Dokumenten in der internen Database umgeht. Das nervt mich etwas. Es ist zwar schön, wenn eine meiner Kolleginnen mir das alles sofort zeigt, aber ich komme mir trotzdem ziemlich dämlich vor in so einem Augenblick. Besonders dann, wenn ich später doch noch etwas nachfragen muss, weil ich das Dokument nicht verstehe und es mir schwer einzuordnen fällt.
    In den Mittagspausen bin ich sogar froh, wenn die anderen nicht zur selben Zeit Pause machen wie ich…
    Generell habe ich im Moment auch immer wieder sehr krasse Zweifel daran, dass ich jemals alleine einen eigenen Haushalt schmeißen können werde, da ich es ja anscheinend nicht einmal hinbekomme, hier bei meinem Dad und seiner Lebenspartnerin alles im Haushalt richtig zu machen. Das geht beim Aufhängen meiner Wäsche schon los, gefolgt vom Bügeln und allgemeinem „Registrieren“, dass dies oder das gemacht/geputzt/eingekauft/whatever werden muss. Es gibt leider Tage und Abende, an denen zerberste ich förmlich an diesen Zweifeln..

    Antwort
    1. Sternensucher Autor

      Vielen Dank!

      Wir dürfen eben nicht vergessen, dass wir nur Aushilfen/Praktikanten sind, die eben Fehler machen. Außerdem hat mir mal jemand gesagt: Wer viel arbeitet, macht auch viele Fehler 😉

      Für mich ist es auch sehr schwer, dass ich immer noch nicht alle Abläufe und Systeme bei uns kenne. Es macht mich wahnsinnig, anderen Mitarbeitern die Zeit zu stehlen mit solchen Fragen.
      Das mit der Mittagspause kann ich gut verstehen. Ich mache gar keine ^^“

      Es ist schade, dass dich auch so große Zweifel quälen. Das wünsche ich echt keinem :-/ Diese Zweifel fressen einen echt auf. Bei mir haben jetzt auch wieder ein paar Kleinigkeiten dazu geführt, dass ich das Gefühl habe, nicht einmal die Probezeit zu schaffen, ohne zusammenzubrechen.

      Beim Haushalt hilft mir zumindest ein fester, genauer Plan, der möglichst wenig Spielraum lässt. Ich glaube, anders würde ich meinen Haushalt gar nicht schaffen. Keine Ahnung, ob dir das auch hilft. Aber vielleicht ist es einen Versuch wert?

      Antwort

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