Irritierende Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln

Eigentlich könnte man unter dieser Überschrift eine nette kleine Serie starten, denn irritierende Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln sind eine häufig gesehene Spezies.

Als ich heute mit der Straßenbahn fuhr, saß ich in der zunächst wenig gefüllten Bahn in einer Zweiersitzreihe, ich auf dem Platz am Fenster, mein Rucksack auf dem Platz daneben.

Mit zunehmender Fahrt erhöhte sich die Zahl der Passagiere. Plötzlich kam ein ca. 16 jähriges Mädchen, und platzierte kommentarlos seinen zarten Hintern auf den Platz, auf dem mein Rucksack lag, aber nur so ganz auf den Rand, ohne den Rucksack mit ihrem Körper zu belästigen, so dass sie völlig unbequem auf nur wenigen Zentimetern eine winzige Abstützmöglichkeit für ihren Hintern hatte.

So fuhr sie dann, bis sich an einer stärker frequentierten Haltestelle die Bahn wieder leerte, dann wechselte sie in die freie Zweierreihe nebenan.

Bis sie das tat, war ich echt hochgradig irritiert. Keinerlei Kommunikationsversuch von ihr zu mir, die ganze Zeit nicht. Möchte man so sitzen, wenn man es anders haben könnte? Und wenn ja, warum?

Mir fielen dazu nur vier mögliche Gründe ein:

1. Sozialphobie: Sie hätte sich dann jedoch gar nicht getraut, sich überhaupt hinzusetzen.

2. Stumm: Sie hätte mit Gesten kommunizieren können, außerdem sprach sie mit einem anderen Mädchen in der Bahn und schien ein weitestgehend „normaler“ Teenager zu sein, sofern man das überhaupt beurteilen kann wenn man einen Menschen nur kurz sieht.

3. Es ist ihr egal: Echt jetzt? Es sah unbequem aus und sie hätte es ohne besonderen Aufwand bequem haben können.

4. Wahrnehmungsverzerrungen im Sinne von zum Beispiel der Annahme, bei meinem Rucksack handele es sich um etwas fest mit dem Sitz Verwachsenes und damit um einen unabänderlichen Zustand: Extrem unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen. Viele Hirnschädigungen sind auf den ersten Blick nicht ersichtlich und Betroffene erscheinen im Alltag zunächst sehr funktional. Aber: Keinerlei weitere Anzeichen einer Hirnschädigung oder psychischen Auffälligkeit. Zu Wahrnehmungsverzerrung würde theoretisch ebenfalls eine besondere Sehschwäche führen  können, dass diese allein jedoch zu einer völligen Verkennung des Rucksackes auf kognitiv-interpretierender Ebene führen würde, kann aber getrost ausgeschlossen werden, denke ich. Zudem: Keinerlei Anzeichen einer derartigen Sehschwäche im Bewegungs- und Orientierungsverhalten.

Das ist die Ausbeute an Hypothesen, die ich dazu habe, und die ich bis auf die dritte ausschließen (bzw. nahezu ausschließen im Falle von Hypothese 4) konnte. Dementsprechend muss ich als wahrscheinlichste Erklärung Hypothese 3 vorläufig annehmen. Und ich bin wirklich irritiert und erstaunt! Im Vergleich zu allem Leid der Welt ist es vermutlich wirklich herzlich egal, wie man seinen Hintern nun bettet. Ist dies vielleicht sogar die Botschaft, die sie der Welt mit ihrem Verhalten demonstriert? Sorgt euch nicht um Bequemlichkeit, denn sehet, es gibt Schlimmeres und Komfort wird überbewertet, stellt euch mal nicht so an, Leute! Ist sie vielleicht eine Art weise Meisterin, die die Menschen durch ihr ungewöhnliches Verhalten zum Nachdenken anregen will? Falls ja, hat sie es geschafft 🙂

(Und damit ist mir tatsächlich grad noch offiziell Hypothese 3.2 eingefallen, also eine sinnvolle Erweiterung der Hypothese 3. Gefällt mir ausgesprochen gut!)

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2 Gedanken zu „Irritierende Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln

  1. Paul Niemann

    Du erlebst Sachen, die selbst ich noch nicht erlebt habe. Allerdings nutze ich dank Wohnort direkt in der City auch kaum stadtinterne Verkehrsmittel wie S- Bahn, Stadtbahn oder Stadtbus, sondern eher RE und Fernverkehrszüge/ Busse, da ist die Fahrgastzusammensetzung natürlich anders, z. B. deutlich weniger Jugendliche. Wer noch im Elternhaus wohnt, nicht zur Arbeit in andere Städte pendelt und sich selten mit Freunden in weiter Entfernung trifft, was ja bei Jugendlichen meist so ist, braucht die stadtübergreifenden Verkehrsmittel deutlich weniger, zudem zahlen Jugendliche im stadtinternen Verkehr auch erheblich geringere Preise als z. B. 22jährige. Mir fallen aber noch weitere Erklärungsmuster ein:
    5. Je mehr Luft man unter sich hat, desto weniger Schweiß. Allerdings passt dazu nicht, dass sie sich später auf den freigewordenen Platz setzte. Könnte aber trotzdem passen, denn dann wäre es ja noch peinlicher gewesen, wenn sie trotzdem sitzen geblieben wäre.
    6. Unterschiede beim Bequemlichkeitsempfinden. Es gibt so gut wie nichts, was wirklich jeder unbequem findet. Bei so gut wie allem, wo man meint, das wird doch wirklich jeder unbequem finden, findet man irgendwann jemanden, bei dem es nicht so ist. Es gibt auch Leute, die es nicht unbequem finden, barfuß über Kieselsteine kilometerweit zu laufen.

    Antwort
    1. π-rat Autor

      Hallo Paul,

      ja, 5. würde ich aus dem Grund ausschließen, den du auch genannt hast.
      6. wäre allerdings noch eine Alternative (aber hätte sie dann nicht auch dort sitzenbleiben können?)
      Wir werden es nie erfahren 😉

      Antwort

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