Von Marsmenschen und Menschenwürde – Teil I

Am 21. März 2015 wurde in Köln vom Landschaftsverband Rheinland die folgende Fachtagung zum Thema Autismus und Beruf ausgerichtet: „Von Marsmenschen und Menschenwürde.“
Die gesamte Fachtagung war rundherum als eine gelungene Veranstaltung zu betrachten und auch für mich selbst eine persönliche Bereicherung. Es gab mehrere hoch interessante Fachvorträge. Doch vor allem der Vortrag eines, selbst vom Asperger-Autismus betroffenen Referenten, hat mich in besonderem Maße beeindruckt. Aus persönlichen Gründen werde ich in meinem Tagungsbericht allerdings darauf verzichten, die dortigen Aussagen den jeweiligen Referenten genau zuzuordnen und diese auch nicht namentlich zu benennen.

Der zuvor besagte Vortragende ist jedenfalls in der Unternehmensberatung tätig und hat daher viel Erfahrung im Umgang mit Menschen. Die dortigen Beobachtungen bei den nicht autistischen Mitarbeitern und Führungskräften, also den sogenannten neuro-typischen Menschen, nahm er zum Anlass den „Spieß“ einmal herum zu drehen. Denn es stört ihn vehement, dass die neuro-typischen Mitmenschen immer von oben herab auf uns als hilfs- und behandlungsbedürftige herunter blicken, anstatt uns auf Augenhöhe respektvoll zu begegnen.

Es sind nämlich nicht immer wir Autisten, die auffällig sind und Defizite im Sozialbereich aufweisen, sondern aus autistischer Sicht kann das unser Gegenüber für uns ebenso sein. Doch weil das defizitäre Verhalten immer nur uns Betroffenen angelastet wird, kommen autistische Menschen zumeist nicht von selbst darauf, auch mal die Perspektive umzukehren und das Verhalten der neuro-typischen Mitbürger entsprechend zu analysieren und vor allem auch mal in Frage zu stellen. Denn vieles was diese Menschen tun, wirkt für uns in Wirklichkeit oft überaus befremdlich. Nur man hat sich diese Tatsache bis dato selbst nie eingestanden, weil uns seit je her vorgegaukelt wird, es sei ja alles so normal, was allgemein üblich ist und uns von den meisten Menschen vorgelebt wird.

Allein schon um mal das Beispiel Verhalten am Arbeitsplatz näher zu betrachten. Man geht bekanntlich dort hin um zu arbeiten und dafür erhält man sein Gehalt. Am schlimmsten sei es am Montag einer jeden Woche, laut der Beobachtungen des Referenten. Denn was haben die ganzen Privatgespräche dort zu suchen. Es geht um den Arbeitsinhalt und nicht darum, ob der Kollege das Fußballspiel am Wochenende gesehen und welche Mannschaft gewonnen hat, oder was die Kollegin beim Schoppen alles ergattern konnte. Und man muss sich auch nicht über das Wetter, die neueste Friseurmode oder den Sportverein unterhalten.

Er selbst ginge in den Betrieb und käme grundsätzlich nach dem Gruß sofort zur Sache und fände es einfach irritierend, wenn man ihn fragen würde, wie es ihm ginge, oder ihm beispielsweise sagen würde, er hätte gutes oder schlechtes Wetter mitgebracht. Seit wann kann man das Wetter irgendwo mit hin nehmen. Auch an gemeinsamen Gesprächen in den Pausen hätte er absolut kein Interesse, da er dann Ruhe brauche, um abzuschalten und um anschließend wieder aufnahmefähig zu sein. Im Gegensatz zu den neuro-typischen Kollegen, die statt dessen ihre Speicher nach sozial-emotionaler Zuwendung wieder auffüllen müssten.
Im weiteren meinte der Referent, dass auch das Thema Mobbing am Arbeitsplatz in diesen Rahmen, mehr oder weniger, einzuordnen wäre. Wenn es einer Person beispielsweise nicht gelingen würde, die gewünschte sozial-emotionale Aufmerksamkeit zu erhalten, könnte daraus eine tiefgreifende Frustration entstehen, mit dem Resultat die Schwächen eines anderen Kollegen auszuloten, um diese gegen ihn einzusetzen, oder ihn anderweitig zu schikanieren.

Doch ganz abgesehen davon, verfügen Menschen mit Autismus überhaupt über erheblich bessere Grundvoraussetzungen, um zu mehr Selbstbewusstsein und Autonomie zu gelangen, da sie sich, im Gegensatz zu den neuro-typischen Menschen, nicht am Verhalten anderer orientieren, da sie keine Notwendigkeit darin sehen, sich den Ansichten anderer anzupassen. Der Bedarf nach sozial-emotionaler Zuwendung, mit dem daraus resultierenden Drang nach ganzheitlicher Anpassung, ist bei den nicht-autistischen Menschen häufig so stark ausgeprägt, dass jegliche individuelle Bedürfnisse nicht ausgelebt werden können, um an dieser Stelle keinen Verlust ertragen zu müssen.
Hier ist ein definitiver Vorteil im Autismus zu erkennen, da man eben nicht auf ein sozial-emotionales Abhängigkeitsverhältnis zu seinen Mitmenschen angewiesen ist und folglich autonom bleiben und damit selbstbewusster leben kann.

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