Von Marsmenschen und Menschenwürde – Teil II

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Man kann sich wohl vorstellen, dass an dieser Stelle im Publikum, dass hauptsächlich aus Fachleuten aus dem Autismus Bereich bestand, seltsame Blicke getauscht wurden und auch manche hinter vorgehaltener Hand verlegen schmunzelten. Die Beweggründe, warum all diese Dinge für die neuro-typischen Menschen so wichtig sind, konnte indes jedoch niemand der 264 im Saal anwesenden Tagungsgäste erörtern. Doch der Referent hatte eine überraschende Antwort für diese „Phänomen“, um es mit seinen Worten auszudrücken, parat.

Er meinte, bezüglich des Verhaltens am Arbeitsplatz, dass alle, damit nicht im Zusammenhang stehenden Gesprächsinhalte, einem sozial-emotionalen „Nahrungsbedürfnis“ zuzuordnen wären. Dieser Bedarf stehe in der Hierarchie sogar noch vor der Erreichung der Arbeitsleistung. Man will von den Kollegen um jeden Preis gemocht werden und wünscht sich Anerkennung und Bestätigung, die weit über das eigentliche Betätigungsfeld hinausgingen. Doch für eine derartige Bedürfnisbefriedigung würde man schließlich nicht bezahlt, weder vom Betrieb, noch vom Kunden. Sozial-emotionale Unterstützung gehört in die Familie und den Freundeskreis, nicht an den Arbeitsplatz.

Er könnte sich allein schon von daher vorstellen, dass ein Unternehmen in der Tat von einem autistischen Mitarbeiter, für den dieses ganze „soziale Schwafeln“ überflüssig ist, durchaus profitieren könnte. Da bei diesem derartige Bedürfnisse nach emotionaler Nähe am Arbeitsplatz einfach nicht vorhanden seien und er daher rein auf die Arbeit konzentriert sei, sobald er den Betrieb betrete.

An dieser Stelle kamen mir Erinnerungen an meine eigenen vergangenen Arbeitsverhältnisse. An Kollegen, die eines Tages festgestellt hatten, dass sie selbst nach mehreren Jahren meiner Betriebszugehörigkeit, fast nichts aus meinem Privatleben wussten, da mir einfach nie der Gedanke gekommen war, im Betrieb irgendetwas von meiner Person näher bekannt zu geben, weil ich dort einfach kein Mitteilungsbedürfnis verspürt hatte. Meine dortige Konversation hatte sich lediglich auf dienstliche Inhalte beschränkt.

Jedenfalls appellierte der Referent zu mehr Toleranz auf beiden Seiten, sowie eine gegenseitige Achtung auf Augenhöhe, anstatt immer nur unsere Defizite hervorzuheben und von kontinuierlich umfangreicheren Therapiekonzepten, für uns angeblich ja so behandlungsbedürftige, zu sprechen. Statt permanent auf unsere Inkompetenz zu verweisen, sollten die neuro-typischen Mitmenschen lieber mal in sich gehen, um ihr eigenes Verhalten in vielen Situationen zu reflektieren. Denn das Thema Arbeitswelt sei nur ein einziges Beispiel von sämtlichen Bereichen des alltäglichen Lebens gewesen. Es gäbe an dieser Stelle noch etliches mehr zu verzeichnen, worauf er aus zeitlichen Gründen hier leider in seinem Vortrag jetzt verzichten müsste. Der Referent schloss seinen Appell mit den Worten: „Ihr neuro-typischen Menschen seid hier nicht allein auf der Welt!“

Also dieser Vortrag war jedenfalls sehr beeindruckend und bekanntlich nimmt jeder von den vielen Informationen und Eindrücken einer solchen Fachtagung vor allem das für sich mit, was ihm selbst am wichtigsten erscheint. Daher die anderen Infos jetzt nicht ganz so ausführlich.

Es wurde ein Projekt vorgestellt, das im Zusammenhang mit der Autismus-Ambulanz der Kölner Uni-Klinik, einem Kölner Integrationsunternehmen und dem Landschaftsverband Rheinland, sich zur Aufgabe gemacht hat, autistische Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Es werden Informationsgespräche über Autismus mit dem Betrieb geführt und erforderliche Besonderheiten, wie z. B. gegebenenfalls die Einrichtung eines Einzelarbeitsplatzes, den individuellen Bedürfnissen entsprechend, eingerichtet. Es gibt, je nach Notwendigkeit, mitunter auch eine Arbeitsassistenz. Davon abgesehen wird unter der Leitung des Integrationsunternehmens eine regelmäßige Unterweisung und Reflektion über einen gewissen Zeitrahmen, mit allen involvierten Vorgesetzten und Kollegen, einschließlich dem autistischen Mitarbeiter, im Betrieb durchgeführt. Zudem erhält der autistische Arbeitnehmer ein Therapieangebot über die Autismus-Ambulanz der Kölner Uni-Klinik und der Landschaftsverband Rheinland finanziert das ganze Projekt, zunächst erst mal für drei Jahre. Denn das muss sich, langfristig betrachtet, natürlich als wirtschaftlich rentabel erweisen.

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