Blockseminar

Im Rahmen meines Studiums musste ich letztes Wochenende wieder ein dreitägiges Blockseminar absolvieren. So etwas ist immer fürchterlich anstrengend, aber auch ziemlich interessant.

Hier sind meine gewonnenen Erkenntnisse:

1.Ich könnte schwören, mindestens die Hälfte der Personen in diesem Seminar noch nie in meinem Leben gesehen zu haben, obwohl alle in meinem Semester sind. So etwas habe ich schon bei anderen Autisten gelesen, aber immer, wenn es mir selber passiert bin ich ernsthaft überrascht und es ist eine verblüffende Erkenntnis.

2. Ich war die einzige Person von den insgesamt 36 Menschen, welche alle drei Tage die selbe Kleidung trug. Die Mehrheit kleidete sich alle drei Tage verschieden, einzelne verwendeten an zwei von drei Tagen einzelne Kleidungsstücke doppelt.

3. Zwei unabhängige Quellen bestätigten später meine Vermutung, dass Menschen dies „für die anderen“ tun, weil sie nicht als jemand auffallen wollen, der an drei Tagen hintereinander das Selbe trägt. Es liegt in der Regel nicht daran, dass diese Menschen schneller schwitzen und stinken als ich und die Kleidung deshalb wechseln müssen.

4. Auch jemand, der auf mich glaubhaft selbstbewusst und „tough“ wirkt, kann dahinter große Versagensängste verstecken.

5. Die unvermeidliche Gruppenarbeit wird wesentlich angenehmer, wenn die Vorgabe ist, dass die Gruppen für jede einzelne Arbeit neu zusammengemischt werden und durch die Abzähltechnik so gut wie niemals jemand mit seinen engsten Freunden in einer Gruppe ist. Es verhindert, dass jemand wie ich allzu offensichtlich „die Person ohne Sozialkontakte“ ist.

6. Es ist tatsächlich angenehm, wenn man die Pausen nicht ganz alleine verbringt. Ich fand es vorher auch in Ordnung, Pausen bei solchen Veranstaltungen alleine zu verbringen und bildete mir ein, dass ich sowieso meine Ruhe vor Menschen brauchte, und genoss das auch. Aber ich habe mich doch gefreut, dass es sich irgendwie ergab, über eine Kommilitonin, mit der ich bereits in einer anderen Projektgruppe bin, einen losen Anschluss gehabt zu haben und nicht zum wiederholten Male meine Isolation zur Schau stellen zu müssen. Das Alleinsein hat mir nicht so gefehlt, wie ich dachte.

7. Keine neue Erkenntnis, aber Bestätigung einer älteren: Die meisten sozial integrierten und von den Kommilitonen anerkannten Personen, die sich der grundsätzlichen Sympathien sicher sein dürften, haben größere Ängste, vor der Gruppe Übungen vorzumachen, etc.. Ich hingegen melde mich für jegliche Art von Übungen freiwillig und nutze die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen ausgiebig, obwohl mir niemand besondere Sympathien entgegenbringt. Oder vielleicht gerade deshalb? Ich habe schließlich im Gegensatz zu den anderen nichts zu verlieren. Bloß, wenn man geringgeschätzt würde oder sich jemand über einen lustig macht, wenn man in einer Übung einen Fehler macht oder lächerlich wirkt, zeugt das nicht vom miesen Charakter der anderen? Jeder macht Fehler. Eigentlich müsste doch niemand Angst haben.

8. Der wahrgenommene soziale Druck ist in der Tat für manche Leute absurd mächtig. Sonntag bestellte der Kurs Essen bei einem Lieferservice. Folgender Dialog zwischen mir und der Kommilitonin, der ich mich in den Pausen anschließen konnte:

Kommilitonin: „Hast du auch Pizza bestellt?“
Ich: „Ja… warum?“
Kommilitonin (sichtlich erleichtert):“Gott sei Dank! Ich dachte schon, ich wäre die einzige!“
Ich: „Äh… na und?!“
Kommilitonin: „Ich habe eben auf der Liste gesehen, dass die alle Salat bestellt haben! Ich war schonmal in nem Kurs und da hatten dann auch alle Salat nur ich hatte da ne Pizza, das war voll unangenehm!“
Ich: „Öh. Ok?!“

Nach einer kleinen Weile Nachdenken fragte ich sie dann, ob es sein kann, dass sie ganz schön Angst hat aufzufallen und anders zu sein als die anderen. Sie stutzte, bejahte, und meinte am Ende zu mir, dass das eine Haupterkenntnis dieses Seminares für sie wäre. Es schien so, als hätte sie sich vorher wirklich nicht so die Gedanken darum gemacht. Krass.
Nach solchen Situationen möchte ich manchmal wissen, wie viele von den Mädels wohl in Gegenwart anderer Leute Salat etc. futtern, obwohl sie viel lieber was anderes essen würden, und allgemein, wie viele Leute irgendetwas nur tun, damit sie das Gleiche tun wie die Mehrheit und nicht aufffallen, obwohl das, was sie lieber tun würden etwas völlig belangloses und harmloses wäre.

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