Archiv des Autors: π-rat

Weltspartag: Petition zum Teilhabegesetz

Da ich weder facebook noch twitter habe, gebe ich den Aufruf gerne an dieser an dieser Stelle weiter:

Hallo π-rat,

hier sind Constantin und Raul, die Starter der Petition »Für ein Recht auf Sparen und ein gutes Teilhabegesetz«.

Wir möchten Ihnen zunächst ein mal herzlich danken. Mit Ihnen haben über 285.000 Menschen aus ganz Deutschland für mehr Teilhabe unterschrieben – vielleicht sind es schon bald 300.000?

Heute ist Weltspartag. Eine gute Gelegenheit, zu zeigen, dass Menschen mit Behinderung kaum sparen dürfen. Ihr Kontostand darf höchstens 2.600 Euro betragen. Der Weltspartag ist daher für viele Menschen nicht mehr als ein „Hashtag“.

Bitte teilen Sie unser Bild auf Facebook damit noch mehr Menschen von dieser ungerechten Regelung erfahren!

Mit unserer Aktion erinnern wir Bundesministerin Andrea Nahles an ihr Versprechen. Bei der Petitionsübergabe vor einigen Tagen in Berlin sicherte sie uns zu: „Das Bundesteilhabegesetz kommt!“

Sie twittern lieber? Dann geht’s hier entlang.

Vielen Dank und herzliche Grüße,

Constantin Grosch und Raul Krauthausen

Petition zum Teilhabegesetz

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Zahnarztblues oder wie man sich selber eine Grube gräbt und hineinfällt

Meine alte Zahnärztin ist frecherweise in Rente gegangen. Also musste ich mich für die diesjährige Kontrolle umorientieren.

Ich bekam eine Zahnärztin empfohlen, zu welcher auch andere autistische Klienten gehen. Da ich regelmäßig zur Kontrolle ging und meine alte Zahnärztin mir versicherte, dass an meinen Zähnen lange Zeit nichts zu machen wäre, nahm ich an, dass man mir kurz in den Mund schaut, ich meinen Stempel bekomme und die Sache erledigt ist. Doch weit gefehlt. Vernünftigerweise wurde mein Kiefer geröntgt, etwas, das meine alte Zahnärztin nie gemacht hatte (Hatte sie überhaupt ein Röntgengerät?!).

Ich saß im Behandlungsraum, ahnte nichts Böses, als mir die Zahnärztin das Ergebnis mitteilte: Drei Zähne seien von innen kaputt, einer wahrscheinlich sehr heftig, deswegen hätte ich ja sicher auch Schmerzen (Welche Schmerzen? Nein, habe ich nicht!). Sofort wollte sie mehrere Termine für die Behandlung ausmachen, während ich noch um Fassung rang und komplett überrascht und schockiert war. Ich fragte sie nach einer Behandlung an nur einem Termin unter Vollnarkose, doch sie deklarierte dies generell als nicht möglich.
Ich hätte ja schon Füllungen, und die hätte ich schließlich ja auch irgendwie so überstanden. Ich solle dringend jetzt Termine mit ihr ausmachen, das würde sonst ja immer schlimmer.

Da ich in letzter Zeit durch verschiedene Dinge sehr mit den Nerven am Ende bin, konnte ich auch dort nicht richtig reagieren, und sah dann sehr schnell zu, dass ich mich aus der Situation entfernen konnte, peinlicherweise war ich schon am Heulen aus spontaner Überforderung. Ich ließ mich noch zu einem Termin zur professionellen Zahnreinigung motivieren, und flüchtete.

Zur Zahnreinigung nahm ich dann eine Mitarbeiterin vom ambulant betreuten Wohnen mit, da ich zu diesem Termin die Optionen der weiteren Behandlung durchsprechen wollte. Die Zahnärztin war dann sofort total kooperativ, und verwies mich ohne weiteres Nachfragen sogleich an eine Kollegin, die Eingriffe unter Vollnarkose oder Lachgas durchführt.
Ich stellte mich also bei der Kollegin vor (nette Anekdote: In deren Anamnesebogen, den man als Neupatient ja bekommt wollte sie tatsächlich Facebookdaten von ihren Patienten wissen und die Einwilligung, dass man Newsletter bekommt, und am besten sollte man bitte die Facebook Seite der Praxis liken!).
Es wurde besprochen, was gemacht werden muss, und kurze Zeit später erhielt ich zwei Kostenvoranschläge (einmal mit Lachgas, einmal mit Vollnarkose), die nicht ohne waren.
Ich informierte mich über die üblichen Gebühren bei Kunststofffüllungen und bemerkte, dass unabhängig von den hohen Kosten für Lachgas oder Vollnarkose, diese Zahnärztin nicht weniger als die höchsten Gebühren, die sie verlangen darf, verlangte. Von meiner alten Zahnärztin war ich Zuzahlungen von ca. 20-30 Euro gewohnt, diese hier veranschlagte pro Zahn über 100 Euro. Ich hörte mich also bei verschiedenen Bekannten um, und informierte mich über die Gebührenordnung der Zahnärzte. Erkenntnisse, die ich gewann: ich fand zwei Zahnärzte die für die selbe Leistung (ohne Narkose und Lachgas) deutlich günstiger waren, und die Zahnärztin, bei der ich ursprünglich war, lag mit ihren Preisen voll im fairen Bereich.

So überlegte ich hin und her, bis die Mitarbeiterin vom ambulant betreuten Wohnen vorschlug, ich könne doch unter ärztlicher Absprache vielleicht ein Beruhigungsmittel vor dem Eingriff nehmen, das hätte ein anderer Klient auch schon gemacht, und das wäre dann ja kostengünstiger. Ich fand das eine gute Idee, und machte sogleich einen Termin bei der ursprünglichen Zahnärztin, um das genaue Vorgehen zu besprechen und die Behandlung bei ihr durchzuführen.

Zu diesem Termin erschien ich mit der Mitarbeiterin vom ambulant betreuten Wohnen. Die Zahnärztin lehnte es allerdings ab, mich unter Beruhigungsmitteln zu behandeln, egal ob ärztlich abgesprochen oder nicht, da sie im Zweifelsfalle dafür verantwortlich gemacht werden könne, wenn etwas passiert. Das verstand ich. Ich informierte mich bei ihr noch genauer darüber, was gemacht werden muss, und war dann tatsächlich so weit zu sagen, ok, ich mache die Behandlung bei Ihnen auch ohne Narkose, Lachgas oder ähnliches. Ich war schon so erschöpft von der ganzen Zahnarztsuche und tatsächlich dazu bereit, das zu versuchen, denn man würde ja mit dem „harmlosesten“ Zahn anfangen, und ich traute mir dann zu, das auszutesten. Wäre es schlimm, könnte ich mir für die anderen Zähne immer noch was überlegen.

Doch ich hatte die Rechnung ohne die Zahnärztin gemacht, die sich nun ebenso vehement weigerte, mich zu behandeln, wie sie am ersten Termin wollte, DASS ich mich gefälligst von ihr behandeln ließe! Als Begründung nannte sie mein „Schmerzgedächtnis“(???), und dass sie das bei solchen (was für „solche“?!) Patienten nicht machen würde.
Ich müsse erstmal von meinem Schmerzgedächtnis befreit werden. Ich habe allerdings keine besonders schmerzhaften Erfahrungen beim Zahnarzt gemacht, ich bin momentan nur generell so überlastet, dass ich vor dem Eingriff Angst habe, und die ganze Situation für mich extrem stressig ist, zumal auch eine Wurzelbehandlung im Raum steht, was ich noch nie hatte.
Ich habe mich aus Überlastung und Verzweiflung zu sehr angestellt, ja, und Vollnarkose wäre schön, ja, aber ich kann dafür nunmal nicht mehr Geld ausgeben, als ich überhaupt im Monat zur Verfügung habe, so dass ich mich dann wohl dem Mist stellen muss. Jetzt lässt man mich aber nicht.
Ich versuchte noch mehrfach, ihr zu erklären, dass ich früher nie Angst vor dem Zahnarzt hatte, und dass es erst in letzter Zeit so ist, und dass ich keine negativen Erfahrungen hatte, aber sie blieb dabei und erklärte mir ihr „Schmerzgedächtnis“ wieder und wieder. Ich sollte also bitte zum Kollegen gehen, der Hypnose anbietet. Ich fragte sie dann, warum sie ja beim ersten Mal als ich da war dann wollte, dass ich die Behandlung bei ihr mache, da sagte sie, da hätte sie mich ja noch nicht gekannt (Tut sie das jetzt? Äh…nein, sie lässt mich ja nicht erklären und drückt mir Sachen auf, die nicht korrekt sind?). Ich fragte sie dann direkt, ob es an meiner Asperger-Diagnose liegt. Da sagte sie „Nein! Sie hören mir nicht zu! Es ist wegen Ihres Schmerzgedächtnisses!“ Argh. Wie genau diese Ärztin zu ihrer Theorie mit meinem Schmerzgedächtnis gekommen ist, und warum sie glaubt, mich ja jetzt besser zu „kennen“, und was dann ein „solcher“ Patient wie ich ist, wenn es nichts mit dem Autismus zu tun hat, weswegen sie sich jetzt querstellt, entzieht sich weiterhin meiner Kenntnis und wurde mir nicht erklärt.

Meine ambulant betreuende Person war relativ still in dieser Diskussion, und meinte hinterher sinngemäß, dass ich selber schuld sei, da ich ja am Anfang unbedingt die Vollnarkose wollte, und die Zahnärztin jetzt ihre Einschätzung darauf baut oder so. Und so hab ich mir mit meiner blöden Überforderung und Angst selber die Grube gegraben. Einmal abgestempelt als… irgendwas… ist es offensichtlich unmöglich, das Bild, dass diese Zahnärztin sich von mir zusammengebastelt hat, in irgendeiner Form zu einem angemessenerem Bild zu verändern.
Was ich mich bei der ganzen Geschichte wieder frage ist auch: Was habe ich nur an mir, dass ich so abgelehnt werde? Warum ist bei mir alles so kompliziert? Warum kann ich es nicht besser machen?!

Bei dem Kollegen mit der Hypnose würde ich insgesamt übrigens mehr bezahlen als wenn ich das mit Lachgas bei der geschäftstüchtigen Konkurrenz machen würde, und auch sein Einzelpreis für die einzelnen Zähne wäre beinahe so hoch, so dass der auch ausscheidet. Tja. Und jetzt stehe ich wieder da. Und habe keine Ahnung. Die Zahnärztin, die mich ablehnt, schätze ich als fachlich kompetent und preislich fair ein, so dass sie meine erste Wahl wäre. Jetzt muss ich wieder jemand Neues suchen von dem ich keine Ahnung habe, wie kompetent er oder sie ist. Wie war das nochmal mit meiner Überlastung? Richtig.

Soziales Mittagessen und das ewige Thema Tarnungsversuche

Oh ja. Ich kriegs immer noch nicht hin. Nachdem ich Erfahrungen mit Tarnungsversuchen im letzten Jahr bereits im Praktikum ausführlich durchleben durfte, hieß es auch dieses Jahr: Willkommen in einem neuen Arbeitsumfeld!

Ich arbeite nun als wissenschaftliche Hilfskraft an der Universität, mit geringer Stundenzahl, einer Aufgabe, die meinen Interessen entspricht und einer vorerst kurzen Vertragslaufzeit. Sollte ich mich wirklich nützlich machen, soll ich aber ggf. für länger bleiben können.
Alles in allem ein absoluter Glücksgriff! Ich habe rein von meinen Aufgaben her auch nicht so viel mit anderen Kollegen zu tun und verbringe meine Arbeitszeit alleine vor dem Computer.

Man verkauft übrigens sprichwörtlich seine Seele, wenn man anfängt, an der Uni zu arbeiten. Ich habe dermaßen viele Formulare ausfüllen und Informationen über mich preisgeben müssen, das hatte ich so nicht erwartet. Unter anderem musste ich explizit angeben, ob eine anerkannte Schwerbehinderung vorliegt oder nicht, und in dem Formular auch rechtsgültig unterschreiben, dass ich keine Falschangaben gemacht habe.
Laut Internet darf man direkt nicht danach fragen (Es sei denn die Behinderung wirkt sich auf den Job aus), genauso wie nicht nach Vorstrafen gefragt werden darf, die nichts mit dem Job zu tun haben (aber auch das haben sie getan). Deswegen war ich ziemlich überrumpelt. Da ich nicht lügen durfte musste ich mich ja offenbaren. Denn hätte ich es nicht unterschrieben, hätte ich ja den Job nicht bekommen. Glück für mich: Nur die Personalabteilung und die Sekretärin wissen von meiner Schwerbehinderung (aber nicht, um welche es sich handelt), da der „Papierkram“ nicht von den direkten Kollegen/Vorgesetzten geregelt wird, sondern zentral.

Naja… ich frage mich nun zunehmend, ist es wirklich Glück, dass es niemand weiß, mit dem ich unmittelbar zusammenarbeite? Ich habe das Gefühl, dass ich anfange, es sozial zu versauen. Die Arbeitseinheit geht mittags zusammen in die Mensa, und man fragt mich, ob ich mitkommen möchte, und ich gehe mit, um Teil des Teams zu werden. Es wäre einfach nur großartig, wenn ich mich dort etablieren könnte und wenn ich den Job länger behalten könnte auch über die kurze Befristung hinaus. Also muss ich gut sein. Und Soziales ist ein wichtiger Teil.

Inzwischen kommt mir jedoch der Gedanke, ob es nicht sinniger wäre, nicht zum Mittagessen mitzukommen, weil ich dann auch nicht gezwungen bin, Smalltalk zu halten und mich dann auch nicht so trottelig anstellen kann. Die Kosten-Nutzen-Abwägung fällt wirklich schwer. Ich selber finde es furchtbar anstrengend, nicht alleine Mittag zu essen sondern im Rudel und es stresst mich erheblich, aber wenn am Ende eine Vertragsverlängerung rausspringt war es das wert. Wenn ich mich aber weiterhin eher mies präsentiere, würde das meine Chancen allerdings sogar senken, obwohl ich mich ja bewusst sozial verhalte (…es versuche…).

Und eigentlich besteht das Problem doch auch zumindest teilweise darin, dass niemand von meiner Diagnose weiß!? Ich habe aber tatsächlich irrationale Angst davor, dass es jemand rausfinden könnte. Wie sollte ich auch plötzlich damit ankommen, wo doch niemand von Anfang an etwas wusste? Und wie kann es sein, dass eine blöde Diagnose, ein paar lächerliche Sätze auf einem Blatt Papier so viel Macht haben? Ich glaube nicht daran, dass ich plötzlich besser akzeptiert oder was-auch-immer werde, nur weil ich mit dem Autismusschild wedel. Und ich kann nicht einschätzen, ob sie mich dann nicht erst recht lieber schnell wieder loswerden wollen, um sich keinen offiziell „schwierigen Fall“ ans Bein zu binden. Und ich kann ja schlecht fragen ohne mich schon reinzureiten.

Ich beneide momentan grad jene Autisten, die in ihren Job eingestellt wurden obwohl man schon im Vorfeld von der Diagnose wusste, und die dadurch eine offizielle Begründung dafür haben, dass sie vielleicht ein bisschen „komisch“ sind.

Der infantile Wunsch nach Absolution, danach, die eigenen Defizite auf ein Konstrukt zu schieben welches man um Personen wie mich gebastelt hat. Kollegen, die einem verständnisvoll zunicken und einen ganz furchtbar toll finden, weil sie ja wissen, dass man nichts für seine eigene Unfähigkeit kann und eigentlich wahnsinnig intelligent und sympathisch ist. Die sich nicht von blöden Antworten, verpeilten Fragen und verwirrten oder pseudocoolen (und damit eher lächerlichen) Kommentaren darüber hinwegtäuschen lassen wie unglaublich geeignet man für den Job ist. Und dann hüpfen alle gemeinsam glücklich lachend auf einer bunten Blumenwiese in den strahlenden Sonnenuntergang und haben sich lieb, während sich potenzielle Probleme einfach in einen Hauch Elfenstaub auflösen und sanft vom Wind hinweggetragen werden…

Ernsthaft: Ich sorge mich, dass es schief geht.

Blockseminar

Im Rahmen meines Studiums musste ich letztes Wochenende wieder ein dreitägiges Blockseminar absolvieren. So etwas ist immer fürchterlich anstrengend, aber auch ziemlich interessant.

Hier sind meine gewonnenen Erkenntnisse:

1.Ich könnte schwören, mindestens die Hälfte der Personen in diesem Seminar noch nie in meinem Leben gesehen zu haben, obwohl alle in meinem Semester sind. So etwas habe ich schon bei anderen Autisten gelesen, aber immer, wenn es mir selber passiert bin ich ernsthaft überrascht und es ist eine verblüffende Erkenntnis.

2. Ich war die einzige Person von den insgesamt 36 Menschen, welche alle drei Tage die selbe Kleidung trug. Die Mehrheit kleidete sich alle drei Tage verschieden, einzelne verwendeten an zwei von drei Tagen einzelne Kleidungsstücke doppelt.

3. Zwei unabhängige Quellen bestätigten später meine Vermutung, dass Menschen dies „für die anderen“ tun, weil sie nicht als jemand auffallen wollen, der an drei Tagen hintereinander das Selbe trägt. Es liegt in der Regel nicht daran, dass diese Menschen schneller schwitzen und stinken als ich und die Kleidung deshalb wechseln müssen.

4. Auch jemand, der auf mich glaubhaft selbstbewusst und „tough“ wirkt, kann dahinter große Versagensängste verstecken.

5. Die unvermeidliche Gruppenarbeit wird wesentlich angenehmer, wenn die Vorgabe ist, dass die Gruppen für jede einzelne Arbeit neu zusammengemischt werden und durch die Abzähltechnik so gut wie niemals jemand mit seinen engsten Freunden in einer Gruppe ist. Es verhindert, dass jemand wie ich allzu offensichtlich „die Person ohne Sozialkontakte“ ist.

6. Es ist tatsächlich angenehm, wenn man die Pausen nicht ganz alleine verbringt. Ich fand es vorher auch in Ordnung, Pausen bei solchen Veranstaltungen alleine zu verbringen und bildete mir ein, dass ich sowieso meine Ruhe vor Menschen brauchte, und genoss das auch. Aber ich habe mich doch gefreut, dass es sich irgendwie ergab, über eine Kommilitonin, mit der ich bereits in einer anderen Projektgruppe bin, einen losen Anschluss gehabt zu haben und nicht zum wiederholten Male meine Isolation zur Schau stellen zu müssen. Das Alleinsein hat mir nicht so gefehlt, wie ich dachte. Weiterlesen

Irritierende Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln 2

Mir gefällt diese potenzielle „Serie“, darum nun ein Erlebnis, welches schon viele Jahre zurückliegt.

In der völlig überfüllten Straßenbahn saß damals in einem „Vierer“ ein hutzeliges, altes Männlein, Typ niedlicher Opi, mit kecken, strahlend blauen Äuglein unter buschigen weißen Augenbrauen, einem schlammig-karierten Altherrenhut und einem braunen Gehstock.
Es blickte sehr vergnügt in der Gegend umher und schien bester Laune.
Überall im Gang standen Menschen, und es war sehr eng. Unter anderem stand vor dem „Vierer“ des Opis eine Mutter mit ihrem Kleinkind, welches so ungefähr zwei bis drei Jahre alt gewesen sein könnte.
Das Kind hielt sich am Bein der Mutter fest.
Nun fing der Opi an, jedes Mal, wenn die Mutter nicht hinschaute, das Kind mit seinem Gehstock zu pieksen. Beim ersten Mal war das Kind nur verstört, beim zweiten Mal schon etwas mehr, und mit zunehmendem Gepiekse fing es dann an zu Heulen und klammerte sich immer fester an die Mama.
Der Opi hingegen hatte offensichtlich den Spass seines Lebens und lachte, und strahlte, und freute sich, während das Kind immer verstörter und verzweifelter wurde.
Alles, ohne dass die Mutter das auch nur im Ansatz mitbekommen hätte. Sie hat das Geplärre wohl als typisches Kleinkindverhalten gedeutet (volle Bahn, mitten im Gedränge, laut, stinkend, etc.) und geflissentlich ignoriert.

Ich werde nie die vor Vergnügen blitzenden Äuglein des alten Mannes vergessen und die Skurrilität der Situation!
Ob er wohl noch lebt?