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Der Tod gehört zum Leben – Und plötzlich ist jemand verschwunden…

An dieser Stelle sei zuerst zu erwähnen, dass das Thema „Sterben“ und alles was damit zusammen hängt, sehr befremdlich für mich ist. Doch es ist nun mal genauso Bestandteil des Lebens, wie die Geburt eines Menschen. Die Vorstellung eines Tages versterben zu müssen, macht bekanntlich vielen Menschen Angst. Auch mir selbst ist es heutzutage äußerst suspekt, dass es irgendwann einmal vorbei sein wird. Aber es hat auch mal eine Phase gegeben, wo ich mich nicht vor dem Sterben gefürchtet habe und zwar nach einer Nahtod-Erfahrung in meiner Jugend, während einer schweren Erkrankung.

Auf Grund der zu jener Zeit unerträglichen institutionellen Lebensumstände, war ich sogar enttäuscht gewesen, als ich im Krankenhaus plötzlich wieder zu mir kam und das Bewusstsein zugegen war, dass mein Leben nach meiner Genesung dort weitergehen würde, wo es zuvor aufgehört hatte. Doch ich sah hierin zunächst auch meine Chance, es ja selbsttätig einfach irgendwann beenden zu können. Auch um ein Zeichen zu setzen, als Resultat der drakonischen Heimerziehung. Denn nach dem Freitod eines Insassen, würden die unhaltbaren Zustände möglicherweise nach außen dringen…

Aber es gab auch irgendeine undefinierbare Empfindung, die mich davon abgehalten hat, mein Leben zu beenden, obwohl es auf Grund der schönen Erinnerung an diese Leichtigkeit schon sehr verlockend war. Ich hatte keine Schmerzen mehr und die Bilder, die ich wie aus weiter Ferne sah, zogen in einer angenehmen Distanz an mir vorüber, ohne dass sie Emotionen auslösten. Ich fühlte eine unbeschreiblich angenehme Schwerelosigkeit, die von einem leichten Rauschen und gedämmten Licht begleitet wurde. Doch plötzlich hatte ich das Gefühl zu fallen. Ich sah eine grelle Beleuchtung und hörte eine Stimme sagen: „Die Krise ist überstanden, sie war zum Glück noch stark genug.“

Aus gegenwärtiger Sicht bin ich allerdings hoch erleichtert, dass ich weiterleben konnte und hoffentlich noch lange diese Möglichkeit habe. Denn wenn ich damals gestorben wäre, hätte ich ja nie die schöne Erfahrung machen können, dass sich das Leben auch verändern, vor allem zum Guten entwickeln kann und zwar definitiv ab dem Zeitpunkt, wo die Fremdbestimmung vorüber war. Ich realisierte, dass auch mein eigenes Leben den gleichen Stellenwert besitzt, wie das eines jeden anderen Menschen und das ich jetzt selbst in der Verantwortung stehe, was künftig daraus wird.

Und aus meinem Leben ist in der Tat etwas positives geworden, dass ich nicht mehr missen möchte. Vor allem habe ich seit 22 Jahren einen liebenswerten Partner, mit dem ich jetzt seit sechs Jahren verheiratet bin und schon viel schönes erlebt, aber auch schwieriges durchgestanden habe, vor allem gesundheitlich. Meine gegenwärtigen Lebensumstände sind, insgesamt betrachtet natürlich nicht immer einfach. Aber nichts ist so furchtbar, als dass man sich dafür von seinem Leben selbsttätig trennen möchte.

Seit einiger Zeit sehe ich das Thema „Tod“ allerdings noch zusätzlich aus einer ganz anderen Perspektive. Es ist nämlich so, dass ich normalerweise keine tiefgreifenden emotionalen Probleme damit habe, wenn jemand aus meiner näheren Umgebung verstirbt.
Zum Beispiel hatte ich ein gutes Verhältnis zu meiner Schwiegermutter. Doch neben ihrem Tod, war dann eher das grundsätzlich folgende Zeremoniell, das befremdliche für mich. Denn während die ganze Familie trauerte und im Trauerraum des Bestattungsinstituts von ihr Abschied nahm, fragte ich mich, ähnlich wie bei anderen Todesfällen, wie es möglich sein soll, von jemandem Abschied zu nehmen, der doch gar nicht mehr unter uns weilt.

Ich betrachtete die Arbeit des Bestatters, die bestimmt nicht einfach war, einen Leichnam kosmetisch so herzurichten, als würde eine Person einfach nur friedlich schlafen. Ich fand das alles schon sehr beeindruckend. Zum Beispiel waren wir im Vorfeld gebeten worden, die Lieblingsbekleidung der Schwiegermutter beim Bestattungsinstitut abzugeben, die sie dann im Sarg anhatte. Es sah also aus, als wäre sie bei Kerzenschein einfach nur eingeschlafen.

Nach dieser eingehenden Betrachtung habe ich dann jedoch leise den Raum verlassen, in der Hoffnung, dass keiner der Anwesenden bemerken würde, dass meine Trauer eine andere ist, als die der nicht autistischen Menschen. Denn ich hatte mich bereits schon bei der Todesnachricht mental von ihr verabschiedet. Sobald ich vom Tod eines Menschen erfahre, ist er einfach nicht mehr vorhanden, auch wenn mich der Verlust in dem einen oder anderen Fall zunächst mehr oder weniger belastet.

Und so geht es mir bei jedem Menschen, den der Tod ereilt, ob ganz plötzlich, oder nach einem langen Leidensweg. Doch eine Person stellt hier eindeutig eine Ausnahme dar und zwar mein Mann. Denn ein Leben ohne ihn zu führen, wäre für mich unvorstellbar. Doch dieses Thema ist mitunter auch schon Bestandteil unserer Beziehung gewesen, da mein Mann zum einen zwölf Jahre älter ist als ich und zum anderen ist er chronisch krank. Er ist derzeitig zwar medikamentös sehr gut eingestellt, aber eine lebenslange Garantie stellt das natürlich nicht dar.

Da Frauen statistisch gesehen ohnehin länger leben als Männer, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass ich ihn überleben werde. Und damit würden sich große Probleme anbahnen, da ich in manchen Lebensbereichen Hilfestellung benötige und das müsste dann jemand anderes übernehmen. Doch bei dem Gedanken an eine professionell arbeitende, ambulante Betreuungskraft, befällt mich sogleich eine panische Angst vor einer macht-übergreifenden Fremdbestimmung. Das sind Umstände, die sich auf keinen Fall in meinem Leben jemals wiederholen sollten!

Das heißt, es müsste eine Person sein, die nur die Lebensbereiche abdeckt, wo es sich als unbedingt notwendig erweist und die mir ansonsten meine uneingeschränkte Freiheit lässt. Denn nichts ist so kostbar, wie ein selbst-bestimmtes Leben, dass kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen!

Doch was diesen Sachverhalt betrifft, ist meinem Mann und mir jedoch noch keine adäquate Lösung für die Zukunft eingefallen. Wir möchten keinesfalls Freunde oder Familienangehörige für diese Aufgabe in Anspruch nehmen. Denn dann könnte aus der Freundschaft recht schnell ein Betreuungsverhältnis werden und damit wäre eine Begegnung auf Augenhöhe womöglich nicht mehr gewährleistet.

Wir können daher nur inständig hoffen, das das Thema „Todesfall“ noch sehr lange von unserer Beziehung verschont bleibt und wir noch viele schöne Jahre miteinander verbringen können! Denn es ist ja nicht so, dass ich meinen Mann nur als Unterstützungsperson betrachte. Es geht ja schließlich in der Hauptsache um eine intensive emotionale Bindung auf beiden Seiten! Also auch um Liebe und Empathie!

Zwei Fähigkeiten, die autistischen Menschen auch heutzutage noch permanent abgesprochen werden. Nur weil wir sie anders leben und vieles erst erlernen müssen, da uns die Intuition fehlt. Aber das soll ja nicht heißen, dass uns diese Fähigkeiten für immer verborgen bleiben! Denn auch autistische Menschen sind lernfähig! Es ist also normal, verschieden zu sein!

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Kleines Update für die Linkliste

Ich hab die Linkliste mal etwas erweitert. Neu hinzugekommen ist neben ein paar neuen Links jetzt auch eine Rubrik namens „Nicht-Autisten über Autisten“.
Eine sehr spannende Geschichte, wie ich finde. Ich bin nämlich der Meinung, dass beide Seiten viel von einander lernen können 😉

Falls ihr Fehlerkorrekturen, Anmerkungen und/oder Anregungen dazu loswerden wollt: Die Kommentarfunktion ist jederzeit für euch da.

Happy End

Ich weiß nicht, wie viele von euch den Artikel gelesen haben, mit dem ich diesen Blog eröffnet habe. Hier noch einmal der Link.

In dieser Geschichte hat sich nämlich etwas getan. Und da es eine schöne Wendung gegeben hat, möchte ich jetzt auch sagen, dass es sich bei dem Live-Hörspiel um Phonophobia von den drei ??? handelt.

Eine Freundin von mir hat sich jetzt mit einem der Sprecher über den abwertenden Spruch über Autisten unterhalten. Er hat sich dafür entschuldigt und versprochen, dass in den folgenden Aufführungen von Phonophobia dieser Spruch nicht mehr vorkommt. Ich freue mich darüber riesig, vielen Dank!

Artikelübersicht

Da unser Blog immer weiter wächst, hielten wir es für sinnvoll, eine Artikelübersicht zu erstellen. Zu finden ist sie oben im Menü. Dort sind alle bisherigen Artikel chronologisch aufgelistet.

Wir werden uns bemühen, diese Liste immer auf dem neuesten Stand zu halten. Viel Spaß beim Stöbern und Schmökern!

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