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Wenn man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht – Detailwahrnehmung und Wahrnehmungsfilter

Die Theorie, dass Menschen mit Autismus etliche Situationen eher in Fragmenten, anstelle des vollen Umfangs wahrnehmen, dürfte allen Menschen weitläufig bekannt sein, die sich in irgendeiner Form mit dem Thema Autismus konfrontiert sehen. Doch wie sich das im praktischen Lebensalltag äußert, wird womöglich nur den von Autismus selbst betroffenen Personen mit allen Sinnen präsent sein.

Doch ich würde das nicht grundsätzlich als problematisch betrachten. Wenn mein Mann und ich beispielsweise von einer Feier im Familien- oder Freundeskreis zurückkehren und uns anschließend zu Hause über das dort Erlebte unterhalten, ist es jedes Mal ein reger Austausch von Informationen. Mein Mann hat die wesentliche und wichtige Konversation mitbekommen, die mir des öfteren entgeht, während ich ihm von einzelnen Details berichten kann, die nicht weniger interessant sind. Daher wäre das meines Erachtens als gegenseitige Ergänzung zu bezeichnen, die bei behördlichen oder ärztlichen Gesprächen und dergleichen ebenfalls von hoher Bedeutung sein kann. Denn gerade auch bei Arztterminen können einzelne Details von enormer Wichtigkeit sein.

Aber ich denke, hier geht es nicht nur verbal betrachtet um eine veränderte Wahrnehmung. Ich habe beispielsweise eine Körperbehinderung, dass heißt, eine Erkrankung des Skelettsystems, die aktuell vier Gelenke mit chronischen Schmerzen umfasst. Bei einem dieser Gelenke steht wahrscheinlich eine Operation zur Debatte. Doch die diagnostischen Einzelheiten sollen an dieser Stelle nicht Gegenstand der Erörterung sein. Vielmehr geht es hier jetzt um das autistische Denken: „Was soll es mir persönlich an Erleichterung bringen, wenn von vier schmerzhaften Gelenken eines operativ eventuell gelindert werden könnte? Was habe ich praktisch gesehen überhaupt davon?“

Rein medizinisch betrachtet verhält sich das natürlich ganz anders und ich weiß, dass hier voraussichtlich in irgendeiner Form Handlungsbedarf besteht. Aber das lasse ich hier jetzt mal außen vor. In meinem Kopf ging jedenfalls sofort der ganze Film ab: Eine Operation heißt unter anderem, ausgeliefert zu sein, fremdbestimmte Hantierungen am eigenen Körper gezwungenermaßen zu erdulden, längerfristige gravierende Bewegungseinschränkungen, postoperative Schmerzen und den Anordnungen des medizinischen Personals Folge leisten zu müssen. Nicht zu vergessen, eine anschließende Rehamaßnahme, wo es erneut darum geht, von anderen Menschen genau festgelegte Therapieziele in einem vorgegebenen Zeitrahmen explizit zu erreichen.

Ich denke hier greift auch das Thema Wahrnehmungsfilter. Selbstverständlich wird es auch einem neurotypischen Menschen mit Sicherheit absolut nicht gefallen, von fremdem Pflegepersonal Körperbezogen versorgt zu werden. Doch anhand langjähriger vielfacher Operationserfahrungen habe ich mitbekommen, dass es nicht-autistischen Menschen offensichtlich weniger auszumachen scheint. Denn in der Vergangenheit wurde immer wieder bemängelt, wie unkooperativ im pflegerischen Bereich ich doch immer wiederkehrend gewesen sei, bis ich mich eines Tages unauffällig anzupassen und meine Abwehrhaltung weitgehend zu unterdrücken wusste.

Das heißt aber nicht, dass ich es gegenwärtig besser ertragen kann, wenn andere Leute an mir Hand anlegen. Ich empfinde es mitunter sogar als schmerzhaft, vor allem an der Haut, zum Beispiel auch bei Injektionen. Doch wenn ich mich selbst spritze, wovon ich die ein oder andere Krankenschwester schon zu überzeugen wusste, macht es mir absolut nichts aus, oder wenn ich zumindest die Einstichstelle selbst bestimmen kann.

Auf der einen Seite ist man hochempfindlich und auf der anderen Seite ziemlich resistent gegen Schmerzen, sofern es nicht die Haut betrifft. Das heißt, bis man wegen irgendwelcher Symptome zum Arzt geht, dauert es zumeist wesentlich länger, als es bei nicht-autistischen Menschen gehandhabt wird.

Doch was das Denken im Detail betrifft, so wäre es auch im medizinischen Bereich mehr als wünschenswert, anstatt gewohnheitsmäßig nur Gesamt bezogen mit den Patienten zu arbeiten.
Zum Beispiel rühmen sich Rehakliniken mit ihren Behandlungskonzepten, den Menschen stets als Ganzes zu betrachten und ganzheitlich zu behandeln. Das wird in der Regel sogar auch sehr wörtlich umgesetzt und man therapierte zum Beispiel im eigenen Fall ganzheitlich fokussiert mein betroffenes Gelenk mit der implantierten Prothese. Davon abgesehen, hätte hierbei lediglich „nur“ eine Operation im Vorfeld statt finden müssen, nämlich das einmalige operative Einsetzen der Endoprothese. Bei mir waren jedoch schon zwölf Knochenoperationen über viele Jahre vorausgegangen.

Unter einem ganzheitlichen Konzept verstehe ich an dieser Stelle auch mal ins Detail zu gehen. Das heißt, den Patienten wirklich als ganzen Menschen zu verstehen und den Behandlungsplan der individuellen körperlichen und gegebenenfalls auch psychischen Verfassung anzupassen. Das bedeutet meines Erachtens zu berücksichtigen, was laut Krankenakte im Vorbefund bereits schon an Operationen statt fand und die Rehabilitierung den Gegebenheiten entsprechend anzupassen. Genauer gesagt, dem Patienten, also in diesem Fall mir selbst, die benötigte Zeit zu gewähren, um die konzeptionell erstellten Behandlungsziele erreichen zu können. Doch in meiner letzten Reha war zuzüglich noch folgendes geschehen:

Mein Mann wurde bei einem seiner Besuche in der Klinik gebeten, meinen Rollator mit nach Hause zu nehmen. Beim psychologischen Dienst der Reha Einrichtung erklärte man mir dem zu Folge, dass ein Rollator ein Hilfsmittel des höheren Lebensalters sei und der behandelnde Arzt war ohnehin sowieso der Ansicht, dass ich mit Gehstützen hätte laufen können müssen. Meine Einwände zum praktischen Aspekt des Rollators wurden leider überhaupt nicht ernst genommen. Es sei in meinem Alter nun mal nicht üblich, einen Rollator zu benutzen, sondern statt dessen Gehstützen. Ich denke, das ist ein gutes Beispiel dafür, besser individuell zu entscheiden, was für den Patienten am besten ist. Denn wie heißt es doch immer: Der Behandlungsansatz ist ganzheitlich…

Das sehe ich doch sehr detailliert, nämlich, dass permanent nicht ins Detail gegangen wird, um die Menschen voll umfassend zu behandeln. Das betrifft natürlich nicht nur Rehakliniken, sondern auch Krankenhäuser und Arztpraxen. Auch für mich hätte ich mir mehr detailliertes Denken von ärztlicher Seite gewünscht. Nachdem ich das jahrelange Konzept einer sogenannten ganzheitlichen Schmerztherapie durchlaufen hatte, stellte sich plötzlich heraus, dass bei mir weiterhin tatsächlich ein hochgradig orthopädisches Problem vorliegt, mit keinerlei psychosomatischer Ursache. Zitat meines neuen Orthopäden: “Die schmerztherapeutische Medikation ist ja fast wie Doping!“
Auch dieses Beispiel zeigt eindeutig, wie wichtig es ist, ins Detail zu gehen und den sogenannten ganzheitlichen Behandlungsansatz, also das Ganze zu sehen, nicht allzu wörtlich zu nehmen.

Trotz meiner Kritik sei jetzt unbedingt aber noch anzumerken, dass es in sämtlichen ärztlichen Behandlungsbereichen diesbezüglich auch durchaus positives zu verzeichnen gibt! Zum Beispiel, dass die Probleme, die der Autismus mit sich bringt, sehr wohl im medizinischen Bereich entsprechend berücksichtigt werden! Diese Erfahrung habe ich glücklicherweise ebenfalls schon mehrfach machen können, beispielsweise beim Hausarzt und beim Zahnarzt. Dafür bin ich natürlich sehr dankbar! Obwohl es eigentlich selbstverständlich sein sollte!

Bevor ich hier nun zum Schluss komme, könnte man sich an dieser Stelle fragen, warum ich in einem Artikel über Autismus hauptsächlich von körperlichen und medizinischen Belangen und den damit verbundenen Erfahrungen berichte. Zum einen entspricht dieses Thema gerade meiner aktuellen Lage und zum anderen kann es jeden autistischen Menschen gleichermaßen treffen, eines Tages noch zusätzlich somatisch zu erkranken, oder eine Körperbehinderung zu entwickeln, so wie in meinem eigenen Fall.

Auch wenn das autistische Denken situationsbedingt immer mal wieder von der Gesellschaft problematisiert wird, empfinde ich es eigentlich eher als persönliche Stärke, Details fokussiert wahrnehmen zu können. Selbst wenn mir dadurch des öfteren die Zusammenhänge einer Situation als Ganzes verborgen bleiben. Ähnliches gilt für den Wahrnehmungsfilter.

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Weltspartag: Petition zum Teilhabegesetz

Da ich weder facebook noch twitter habe, gebe ich den Aufruf gerne an dieser an dieser Stelle weiter:

Hallo π-rat,

hier sind Constantin und Raul, die Starter der Petition »Für ein Recht auf Sparen und ein gutes Teilhabegesetz«.

Wir möchten Ihnen zunächst ein mal herzlich danken. Mit Ihnen haben über 285.000 Menschen aus ganz Deutschland für mehr Teilhabe unterschrieben – vielleicht sind es schon bald 300.000?

Heute ist Weltspartag. Eine gute Gelegenheit, zu zeigen, dass Menschen mit Behinderung kaum sparen dürfen. Ihr Kontostand darf höchstens 2.600 Euro betragen. Der Weltspartag ist daher für viele Menschen nicht mehr als ein „Hashtag“.

Bitte teilen Sie unser Bild auf Facebook damit noch mehr Menschen von dieser ungerechten Regelung erfahren!

Mit unserer Aktion erinnern wir Bundesministerin Andrea Nahles an ihr Versprechen. Bei der Petitionsübergabe vor einigen Tagen in Berlin sicherte sie uns zu: „Das Bundesteilhabegesetz kommt!“

Sie twittern lieber? Dann geht’s hier entlang.

Vielen Dank und herzliche Grüße,

Constantin Grosch und Raul Krauthausen

Petition zum Teilhabegesetz

Irritierende Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln 2

Mir gefällt diese potenzielle „Serie“, darum nun ein Erlebnis, welches schon viele Jahre zurückliegt.

In der völlig überfüllten Straßenbahn saß damals in einem „Vierer“ ein hutzeliges, altes Männlein, Typ niedlicher Opi, mit kecken, strahlend blauen Äuglein unter buschigen weißen Augenbrauen, einem schlammig-karierten Altherrenhut und einem braunen Gehstock.
Es blickte sehr vergnügt in der Gegend umher und schien bester Laune.
Überall im Gang standen Menschen, und es war sehr eng. Unter anderem stand vor dem „Vierer“ des Opis eine Mutter mit ihrem Kleinkind, welches so ungefähr zwei bis drei Jahre alt gewesen sein könnte.
Das Kind hielt sich am Bein der Mutter fest.
Nun fing der Opi an, jedes Mal, wenn die Mutter nicht hinschaute, das Kind mit seinem Gehstock zu pieksen. Beim ersten Mal war das Kind nur verstört, beim zweiten Mal schon etwas mehr, und mit zunehmendem Gepiekse fing es dann an zu Heulen und klammerte sich immer fester an die Mama.
Der Opi hingegen hatte offensichtlich den Spass seines Lebens und lachte, und strahlte, und freute sich, während das Kind immer verstörter und verzweifelter wurde.
Alles, ohne dass die Mutter das auch nur im Ansatz mitbekommen hätte. Sie hat das Geplärre wohl als typisches Kleinkindverhalten gedeutet (volle Bahn, mitten im Gedränge, laut, stinkend, etc.) und geflissentlich ignoriert.

Ich werde nie die vor Vergnügen blitzenden Äuglein des alten Mannes vergessen und die Skurrilität der Situation!
Ob er wohl noch lebt?

Irritierende Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln

Eigentlich könnte man unter dieser Überschrift eine nette kleine Serie starten, denn irritierende Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln sind eine häufig gesehene Spezies.

Als ich heute mit der Straßenbahn fuhr, saß ich in der zunächst wenig gefüllten Bahn in einer Zweiersitzreihe, ich auf dem Platz am Fenster, mein Rucksack auf dem Platz daneben.

Mit zunehmender Fahrt erhöhte sich die Zahl der Passagiere. Plötzlich kam ein ca. 16 jähriges Mädchen, und platzierte kommentarlos seinen zarten Hintern auf den Platz, auf dem mein Rucksack lag, aber nur so ganz auf den Rand, ohne den Rucksack mit ihrem Körper zu belästigen, so dass sie völlig unbequem auf nur wenigen Zentimetern eine winzige Abstützmöglichkeit für ihren Hintern hatte.

So fuhr sie dann, bis sich an einer stärker frequentierten Haltestelle die Bahn wieder leerte, dann wechselte sie in die freie Zweierreihe nebenan.

Bis sie das tat, war ich echt hochgradig irritiert. Keinerlei Kommunikationsversuch von ihr zu mir, die ganze Zeit nicht. Möchte man so sitzen, wenn man es anders haben könnte? Und wenn ja, warum? Weiterlesen