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Kein Baum im Wald lässt sich freiwillig Abforsten – Bedürfnisse von Menschen mit Autismus

Wie sich an der an der Überschrift womöglich unschwer erkennen lässt, knüpft dieser Text an den vorherigen inhaltlich zunächst erst kurz an, zumindest was den medizinische Aspekt vom zuletzt verfassten Bericht betrifft.

Aus ärztlicher Sicht hatte man also nach abgeschlossener, orthopädischer Diagnostik eine Operation zur Debatte gestellt. Jedoch mit äußerst fraglichen Erfolgsaussichten und einem erheblich erhöhten Komplikationsrisiko. Doch auch an dieser Stelle geht es jetzt nicht um die genaue medizinische Erörterung, sondern vorrangig um die Reaktionen des sozialen Umfeldes und meine Autismus typische, daraus resultierende Umgangsweise.

Auf Grund der orthopädischen Komplexität wurde jedenfalls eine überaus detaillierte Diagnostik durchgeführt, die mich ohnehin schon bis zur obersten Belastungsgrenze gebracht hatte, was den Autismus betrifft. Zuzüglich folgte die herbe Enttäuschung meines sozialen Umfeldes wegen der letztendlich nicht zielführenden, also nicht statt gefundenen Operation.
Das hatte wiederum zur Folge, dass die Untersuchungsergebnisse plötzlich im vollen Umfang angezweifelt wurden. Man versuchte mich daher eindringlich davon zu überzeugen, doch unbedingt eine weitere ärztliche Koryphäe, in mehreren hundert Kilometern Entfernung, in Anspruch zu nehmen, was ich jedoch vehement verweigerte.
Zudem wurde mir darüber hinaus noch vermittelt, ich müsste doch an das höhere Lebensalter denken, anstatt es einfach so hinzunehmen, dass man orthopädisch nichts für mich tun könnte. Das kann doch unmöglich so sein, bei dem hierzulande hochentwickelten medizinischen Fortschritt, wie man mir sagte.

Meine hierzu folgende Antwort scheint anderen Menschen offensichtlich die Sprache zu verschlagen: „Später brauche ich ohnehin irgendwelche Hilfsmittel. Trotzdem ist ein eventuelles Leben mit Rollator oder Rollstuhl doch keine Katastrophe. Der alltägliche Ablauf wäre folglich natürlich in vielen Details erheblich kompliziert. Aber davon mal abgesehen, man sollte doch unbedingt von der gegenwärtig aktuellen Situation ausgehen und demnach bin ich zwar sichtlich gehbehindert, aber dennoch in der Lage kürzere Wege ohne Hilfsmittel zu laufen. Das allein zählt doch jetzt erst mal!“

Bei nicht-autistische Menschen sorgt eine solche Äußerung anscheinend für sprachloses Entsetzen. Ich hingegen nenne das schlicht und einfach: „Rationaler Realitätsblick mit zukunftsorientierter Lebensplanung.“ Unsere Wohnung ist ohnehin rollstuhlgerecht, abgesehen von Kleinigkeiten, die sich im eventuellen Bedarfsfall problemlos baulich nachrüsten ließen. Also falls es eines Tages tatsächlich zu besagter Beeinträchtigung kommt, so ist es halt nicht zu ändern. Doch wenn sich zukünftig eine Möglichkeit der hochtechnisierten, orthopädischen Versorgung ergeben sollte, so ist es natürlich um so vorteilhafter und dann werde ich mich auch damit befassen.

Was ich mit diesem Beispiel zum Ausdruck bringen möchte ist, das ich mir einfach mehr Akzeptanz für unsere Art des Denkens, sowie unserer Sicht- und Handlungsweise wünsche! Und damit komme ich gleich zum nächsten Punkt. Wir leben immer mehr in einer Gesellschaft mit perfektionistischen Ansprüchen. Ob es um Leistungsfähigkeit, ums äußere Erscheinungsbild oder Verhaltensweisen geht. Die pränatale Selektion bei der Diagnose Trisomie 21, sei hier mal als ein äußerst extremes Beispiel aufgeführt.

Als es in einem kürzlichen Autismus Vortrag darum ging, für mehr Toleranz und Akzeptanz unserer Persönlichkeit zu plädieren und den Fokus mehr auf die individuellen Stärken zu richten, anstatt unsere Defizite hervorzuheben, fragte ein Teilnehmer aus dem Publikum doch tatsächlich nach zukünftigen Methoden der vorgeburtlichen Autismus-Diagnostik.

Das daraus resultierende Entsetzen im Saal zeigte jedenfalls, das die Vertretung solcher Ansichten zum Glück noch Einzelfälle darstellt. Aber wenn ich die gesellschaftliche Entwicklung betrachte, frage ich mich, wie lange das womöglich noch so sein wird. Es geht doch immer mehr um unsere Anpassung an vorgegebene Rahmenbedingungen und in dieses Klischee gehört beispielsweise nichts aus dem autistischen Spektrum.

Alles wird heute als selbstverständlich betrachtet. Angefangen von leistungsfähigen und unauffällig, funktionierenden Kindern, bis hin zu körperlichen Unversehrtheit. Im Zweifelsfall wird dann so lange nachgebessert, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist. Zum Beispiel ist die Präsentation des äußeren Erscheinungsbildes noch nie so relevant gewesen wie heutzutage.

Eine junge Frau aus meiner Heimatstadt hat sich kürzlich auf Grund der Problematik mit ihrem Selbstbewusstsein die Brüste vergrößern lassen. Als ich mit meinem Behinderten-Dreirad an dem Straßencafé vorbei kam, wo die Dame gerade saß, hielt sie sich plötzlich die Speisekarte vor das Gesicht. An ihrer Stelle wäre mir das in Gegenwart eines körperbehinderten Menschen ebenfalls peinlich gewesen. Andererseits wirft es die Frage auf, ob es trotz korrigierter Brust um das Selbstbewusstsein der besagten Frau nun tatsächlich besser bestellt ist…

Wie unterschiedlich die jeweiligen Normvorstellungen doch erscheinen. Auf der einen Seite ist es normal sich die Brüste vergrößern zu lassen, aber auf der anderen Seite wird es als auffällig deklariert, wenn man auf Grund der autistischen Besonderheiten beispielsweise nicht in der Lage ist zum Friseur zu gehen, Kosmetik zu betreiben, körpernahe Kleidung zu tragen, beziehungsweise überhaupt ein Desinteresse an aktueller Mode zeigt. Oder auch Hobbys nachgeht, die nicht dem allgemein üblichen Bild einer Frau zuzuordnen sind.
Wegen einer Aktivität galt ich sogar als psychisch behandlungsbedürftig und der Kontakt wurde von der Betreffenden abgebrochen. Das hat mich natürlich zunächst nachdenklich werden und an mir selbst zweifeln lassen, aber letztendlich habe ich diese Tätigkeit unauffällig fortgeführt.

Fast bis heute ging es in meinem Leben permanent darum mich den Vorstellungen anderer Leute entziehen zu müssen, um nicht meine eigene Persönlichkeit zu verlieren. Denn schon vor mehreren Jahrzehnten hatte ich festgestellt, es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder um die Erhaltung der eigenen Individualität zu kämpfen, oder sich von anderen verbiegen zu lassen. Da zuerst genanntes lange Zeit nicht zu realisieren war, habe ich zunächst zu der Notlösung der scheinbaren Anpassung gegriffen. Aber ich habe nie vergessen, was mir wichtig ist und eines Tages konnte ich mein Selbstbild nach eigenen Vorstellungen nach und nach umsetzen. Denn ich selbst hatte nie das Bedürfnis mich zu verändern. Diese Forderung wurde immer von Außen an mich heran getragen.

Doch dabei ist mir ein prägnanter Trugschluss unterlaufen. Denn ich hatte in den letzten Jahren tatsächlich geglaubt, die Gesellschaft sei nun endlich toleranter geworden und hätte inzwischen mehr Verständnis für Menschen erlangt, die ein wenig anders erscheinen. Denn auch im Autismus Bereich ist ja in den letzten Jahren einiges an Transparenz entstanden, was natürlich als sehr positiv zu bezeichnen ist!

Aber andererseits gibt es seit geraumer Zeit zweifelhafte Therapieangebote, die sämtliche autistische Symptome angeblich vollständig unsichtbar machen können und das Thema mit der pränatalen Autismus Diagnostik ist leider auch nicht so ganz in Vergessenheit geraten…

Oder der Bereich der Inklusion. Ein Lehrer musste beispielsweise noch Jahre nach dessen Einführung darüber aufgeklärt werden, dass sich nicht der autistische Inklusionsschüler dem System anzupassen habe, sondern die Inklusion dazu da ist, auf die Besonderheiten des autistischen Kindes einzugehen. Bei einem anderen Schüler hingegen musste die Autismus-Diagnose aus Furcht vor einer Benachteiligung des Kindes in der Schule verschwiegen werden. Während bei einem Erwachsenen mit Autismus bei Offenlegung der Autismus-Diagnose der Verlust des Arbeitsplatzes zu befürchten stand.

Diese Fakten jetzt nur dazu, dass sich die Toleranz und Akzeptanz in dieser Gesellschaft in den letzten Jahren angeblich positiv verändert hat. Und genau das ist der Punkt, wo eine Verbesserung überaus wünschenswert wäre und offensichtlich noch viel Aufklärungsarbeit von Nöten ist.

Und was meinen eben genannten Trugschluss betrifft. Nicht das Verständnis der Gesellschaft hat es mir erleichtert, meine Eigenständigkeit besser bewahren zu können, sondern mein eigenes Selbstbewusstsein, dass sich über die letzten Jahre ein Stück weit verbessert hat.

Diese Entwicklung lag unter anderem auch daran, dass ich in den letzten Jahren mein soziales Umfeld ein wenig umstrukturiert und mich von den Menschen distanziert habe, die immer wieder versucht hatten, mich nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen und zu prägen. Im Weiteren habe ich mir meine, für andere Menschen recht seltsamen Interessen gegönnt. Wer damit nicht klar kam, den konnte ich nicht gebrauchen und letztendlich war ich erstaunt, dass es sich doch nur um recht wenige Menschen gehandelt hat, die sich von mir zurück gezogen haben.

Doch auch wenn sich das Selbstbewusstsein kontinuierlich weiter entwickelt. Was dennoch zurück bleibt, ist die immerzu währende Empfindung des Andersseins. Ob man zum Arzt muss, sich in seinem Wohngebiet bewegt, in der Stadt unterwegs ist oder Einkaufen geht, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Man hat immer wiederkehrend irgendwie das Gefühl nicht so recht in diese Welt zu gehören und ich glaube, das macht auch einen Teil der sozialen Ängste aus, mit denen sich viele autistische Menschen häufig konfrontiert sehen.

Ich würde mir sehr wünschen, dass es irgendwann zumindest ansatzweise zu einem Umdenken in der Gesellschaft kommt. Das Individualität und dem Menschen mit einer anderen Funktionsweise des Gehirns eine gleichberechtigte Bedeutung zu kommt.

Einzelne Idealisten auf diesem Gebiet gibt es ja inzwischen, wie zum Beispiel den Hirnforscher Gerald Hüter, der zum Beispiel sagt, wie wichtig es ist, die individuellen Stärken, Interessen und Fähigkeiten zu fördern. Denn nichts kann sich der Mensch so intensiv und nachhaltig einprägen und weiterentwickeln, wie das mit all seinen Sinnen Erlernte, woran er von Beginn an eine ausgeprägte Begeisterung gezeigt hat.

Das autistische Menschen gerade in den Gebieten ihres Spezialinteresses über ein enormes Wissen, eine hohe Motivation und explizite Fähigkeiten verfügen, haben ja inzwischen einzelne Arbeitgeber schon längst erkannt. Es wäre jedoch wahrhaft wünschenswert, wenn sich dieser Idealismus noch wesentlich weiträumiger forcieren und verbreiten ließe und zwar in vielerlei Hinsicht, einhergehend mit entsprechender Wertschätzung unserer Persönlichkeit!

Denn man kann es nicht oft genug betonen:
„Es ist normal, verschieden zu sein!“

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Von Gedanken, Eindrücken und Fremdbestimmung – Autismus, Depressionen und Selbsthilfe

Theorien wodurch Depressionen entstehen können, gibt es viele, medizinische und psychologische. Doch ich bin mir sicher, dass dieses Thema im autistischen Spektrum eine explizite Besonderheit darstellt. Alleine schon durch unsere veränderte Gehirnstruktur. Man neigt beispielsweise eher dazu, sich über gewisse Gegebenheiten Gedanken zu machen, die nicht so verlaufen sind, wie man das vorausberechnet hat, sich also völlig anders zugetragen haben. Uns fehlt eben oft die Flexibilität, um uns dann einfach auf die veränderte Situation spontan umzustellen und schon folgt ein Gedankenkarussell mit Fragen wie: Warum, weshalb, wieso, was ist hier los?

Nach meinem Empfinden scheint unser Gehirn, im Gegensatz zum neurotypischen Menschen, ohnehin in permanentem Aktivitäts- und hab Acht Modus zu sein, sobald man aus der eigenen geschützten Umgebung heraustritt. Durch all unsere Gedanken verbinden sich allerdings auch die Synapsen im Gehirn, so dass langfristig sozusagen dickere Kabelstränge entstehen, um das jetzt mal bildlich auszudrücken.

Und wenn uns immer wieder irgendetwas belastet, uns durcheinander bringt, unsere negativen, oder ängstlichen Gedankengänge forciert, könnten diese Verbindungen immer mehr Raum im Gehirn einnehmen. Folglich werden die übrig gebliebenen Kapazitäten, um unter anderem die schönen Eindrücke aufnehmen zu können, auf Dauer möglicherweise zunehmend kleiner.
Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass durch ständig belastende Gedanken, Eindrücke und Erlebnisse die Fähigkeit der Wahrnehmung von positiven Elementen tatsächlich schleichend zu schwinden scheint. Hieraus resultierend könnte womöglich der Weg in eine Depression entstehen.

So viel zu dieser Theorie. Ich kann aus eigener Erfahrung jedoch sagen, wie bedeutsam sie wahrlich ist, aber das man auch an diversen Veränderungen seiner Gedankengänge produktiv arbeiten kann.
So haben viele autistische Menschen beispielsweise oft Schwierigkeiten im sozialen Kontext. Auch mir machen viele soziale Situationen, oder womöglich drohende zwischenmenschliche Konflikte erhebliche Angst und die Gedanken fangen im Nachhinein an zu rotieren. In diesen Phasen fällt es mir jedenfalls wesentlich schwerer, die gut funktionierenden Anteile in meinem Leben wahr zu nehmen. Zuzüglich werden wichtige Lebensinhalte vernachlässigt und geraten mitunter auch in Vergessenheit.

Ich bin jedenfalls dabei, wann immer ich in offensichtlich oder scheinbar für mich belastende, soziale Situationen gerate, mir bewusst zu machen, dass ich ja im zwischenmenschlichen Bereich nicht nur problematisch sein kann. Denn sonst hätte ich ja womöglich kein Sozialleben im gegebenen Umfang. Im Weiteren ist es auch kein Verschulden meinerseits ist, dass ich auf Grund des Autismus ein verändertes Verhalten, bzw. eine etwas andere Art der Kommunikation und Emotionalität lebe. Überdies fehlt mir leider auch des öfteren die Wahrnehmung für die Belange meiner Mitmenschen, woran ich allerdings auch versuche zu arbeiten.

Überhaupt ist Wahrnehmung ein Stichwort. Denn es ist auch schon oft vorgekommen, dass ich glaubte, mit irgendwem im Konflikt zu stehen und dem war überhaupt nicht so. Diese Erkenntnis hatte mein Mann glücklicherweise schon mehrfach im Vorfeld gehabt und es hat sich dann auch tatsächlich so bewahrheitet, wie ich beim nächsten Kontakt mit der betreffenden Person dann selbst feststellen konnte.

Doch neben der Erleichterung ist mir dann auch bewusst geworden, dass ich mir diesbezüglich nur selbst helfen kann, indem ich die Gedanken, wie ich auf andere Menschen wirken könnte, auf ein erträgliches Maß reduziere, um depressiven Denkprozessen entgegen steuern zu können.

Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ein funktionierendes und übersichtliches soziales Umfeld erheblich dazu beitragen kann, einer Depression bei autistischen Menschen vorzubeugen. Dazu kann es leider auch gehören, sich womöglich von sozialen Beziehungen zu trennen, die sich immer wiederkehrend kontraproduktiv auf das eigene Wohlbefinden auswirken. Zum Beispiel weil von ihrer Seite stets der unmissverständliche Eindruck vermittelt wird, dass nur ihr eigenes Verhalten und ihre Art zu sein von Bedeutung ist und den richtigen Lebensinhalt ausmache.

Der Umgang mit solchen Menschen kostete jedenfalls eine unbeschreibliche Energie. Es war eine kontinuierliche soziale Überforderung, sich nicht von deren Sichtweise beeinflussen zu lassen, sondern seine eigene Persönlichkeit zu wahren. Es hat mich jedenfalls manche depressive Episode und auch einen übermäßig langen Zeitraum gekostet, bis ich zu der Erkenntnis kam, dass auch ich das Recht habe, über die Konstellation meines sozialen Umfeldes entscheiden zu dürfen.

Denn ich hatte ja über viele Jahre immer in dem Glauben gelebt, die Menschen mit dem sogenannten richtigen Verhalten besäßen einen höheren Stellenwert, im Gegensatz zu den angeblich minderwertig defizitären. Denn so lautete schließlich die jahrelange, alltägliche Botschaft meiner autoritären und drakonischen Heimerziehung der Kindheit, wo es darum gegangen war, uns das abnormale mit Gewalt auszutreiben. Und weil mich seinerzeit die schwarze Pädagogik so stark geprägt hatte, glaubte ich als Erwachsener noch immer über lange Zeit an diese höchst unqualifizierte und fragwürdige Praktik und meinte daher noch Jahre später, mich um jeden Preis anpassen zu müssen.

Doch eines Tages schien das endlich überstanden zu sein und ich habe mich folglich von den oben genannten problematischen, sozialen Kontakten getrennt. Die eine Person hatte unter anderem ständig beklagt, dass Freundschaften mit mir nur auf Abstand funktionieren würden und die andere hatte beispielsweise stetig bemängelt, dass man mit mir nicht durch Lokale und Kneipen ziehen könnte.

Ich hatte zunächst versucht, mich auf ihre Wünsche einzustellen, aber irgendwann dann auch mal erwähnt, dass meine autistischen Eigenschaften zu ihrem Idealbild vom Leben nicht so gut passen. Das daraufhin folgende Unverständnis mit der Aussage, dass ich ja nur um meine Krankheit kreisen würde, hatte mich eine Weile später allerdings dazu veranlasst, diese Kontakte zunächst auszudünnen und dann auch für immer zu beenden. Denn ich war und bin ja nicht psychisch krank, sondern nur nicht mehr bereit, mich um jeden Preis für andere verbiegen zu müssen.

Anpassung an das vermeintlich normale ist ohnehin ein Thema, was mich auch noch in anderen Zusammenhängen bis weit ins Erwachsenenalter verfolgt und somit beschäftigt hatte. Denn vor meiner Autismus Diagnose war ich in mehreren, auch stationären Therapien gewesen, weil ich für meine Umwelt als nicht ausreichend anpassungs- und funktionsfähig galt.

Ich sollte also durch verschiedene, länger andauernde verhaltenstherapeutische Übungseinheiten lernen, mich dem Alter entsprechend zu verhalten, sowie auf die Menschen zuzugehen, mein Äußeres als fraulich erscheinen zu lassen, leistungsfähiger zu sein, mit regelmäßigen sozialen Kontakten klar zu kommen, normalen Interessen nachzugehen, ausreichend und abwechslungsreich zu Essen, normale Konversation zu führen, verhaltensauffällige Angewohnheiten ablegen und noch einiges mehr…

Mir wurde also, ähnlich wie in alten Zeiten vermittelt, dass andere Menschen die Vorgaben machen und ich mich ihnen anzupassen habe, weil sie ja grundsätzlich im Recht sind und ich ja nun lernen müsste, mich wie ein alters entsprechender, normaler erwachsener Mensch zu benehmen.

Die Belohnung für meine Mitarbeit in der Klinik bestand jedenfalls darin, dass man freundlicher mit mir umgegangen war, also der scharfe Umgangston zurückgefahren und die Kontrolle über mich reduziert wurde. Also habe ich, um diese Annehmlichkeiten bekommen zu können, den nötigen Gehorsam geleistet, so gut ich konnte. Denn anderenfalls drohten höchst unangenehme Konsequenzen, wie zum Beispiel die Denunzierung und Bloßstellung vor der ganzen Gruppe.

Ich kam mir jedenfalls erneut wie ein fremdgesteuertes Wesen vor, ohne ein Recht auf ein Eigenleben und lernte mal wieder, dass offensichtlich nichts so wichtig zu sein scheint, wie den Anweisungen der sogenannten normalen Menschen Folge zu leisten und sich ihnen unter zu ordnen. Doch irgendwie habe ich trotzdem Möglichkeiten gefunden, mir mein eigenes selbst einigermaßen zu bewahren. Dazu gehörte, mein Unwohlsein heimlich durch Stereotypen auszugleichen, wenn möglich in eine Traumwelt zu flüchten, sowie der beruhigende Gedanke, dass auch diese schreckliche Zeit irgendwann vorüber sein wird und ich eines Tages frei sein werde.

Ich glaube, wenn ich zu all den Selbsterhaltungsmechanismen nicht in der Lage gewesen wäre, hätte ich unter diesen Umständen womöglich eine schwere Depression davon getragen. Denn die Machtausübung durch andere Menschen führt meines Erachtens unweigerlich in diese Richtung. Das kann ich durch mehrfache und auch langjährige Erfahrungen nur bestätigen!

Daher sehe ich auch gewisse Zweifel an diversen Autismus-Therapien wie ABA. Auch hier wird ganz klar definiert, wer das sagen hat, zuzüglich der langen Therapie Zeiten.
Wer das Konzept kennt, wird gemerkt haben, dass meine oben genannten Behandlungserfahrungen den Inhalten von ABA ziemlich ähnlich sind. Auch wenn bei ABA immer wieder betont wird, dass eine solche Therapie auch Spaß machen würde, kann ich daran nicht so wirklich glauben und fürchte, dass das Endresultat in dem einen oder anderen Fall möglicherweise in eine spätere depressive Erkrankung münden könnte.

Denn uns fehlt ja leider oft die Fähigkeit, uns über unser wahres Befinden und unsere Bedürfnisse adäquat zu äußern. Dadurch bekommt der Behandler natürlich nicht mit, was wirklich in uns vorgeht und was wir brauchen, sofern es ihm überhaupt für sein Therapieziel als relevant erscheint. Denn bei ABA steht bekanntlich der Erfolg im Vordergrund und weitaus weniger die Belange des autistischen Menschen.

Mir ist durchaus bewusst, dass ich hier gerade ziemlich kritische Worte verwendet habe und es tut mir auch unendlich leid für alle Ärzte und Therapeuten, denen nebst der Therapieziele auch die Wahrung unserer individuellen Persönlichkeit ein wichtiges Anliegen ist und entsprechende Beachtung findet.

Doch erst vor wenigen Wochen befand sich eine ganze Zeitungsseite in unserer Tagespresse zum Thema Autismus und Therapie. ABA wurde hier als die derzeit wirkungsvollste Therapieform angepriesen und die verstärkende Methode des Belohnungssystems mit der Erziehung von Hunden verglichen. Es wurde ferner beschrieben, wie aufwändig es für die gesamten Familienangehörigen ist, das täglich mehrstündige Therapieprogramm auszuarbeiten und mit zusätzlichen Assistenten durchzuführen.

Aber leider wurde in dem ganzen Artikel mit keinem einzigen Wort erwähnt, wie anstrengend es wohl für den autistischen Menschen sein muss, all das jeden Tag über mehrere Stunden durchstehen zu müssen. Denn während sich alle Beteiligten bei diesem Konzept abwechseln, lasten jegliche Anforderungen allein auf dem einzelnen Autisten. Die vorgegebenen Lernziele wird der Betreffende mitunter womöglich auch nur um der Belohnung wegen anstreben, oder auch um seine nötigen Ruhephasen und Pausen zu erhalten, die er sonst nicht, oder nur unzureichend bekommen würde. Meines Erachtens ein fragwürdiger Lerneffekt!

Ich kann daher nur jedem, der irgendwann einer solchen, oder ähnlichen Therapie ausgesetzt wurde, wünschen, dass er sie möglichst unbeschadet übersteht.

Überhaupt gibt es ja auch verschiedene qualifizierte Therapieangebote mit Behandlungskonzepten, die dem autistischen Menschen eine wertschätzende Haltung entgegenbringen und seine Besonderheiten berücksichtigen. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich diese positive Erfahrung in einem ATZ machen durfte! Ich habe dort viel gelernt und eine psychische Stabilität erlangt, wodurch sich mein Lebensalltag eindeutig erleichtert!

Denn jedem autistischen Menschen sei für sein Erwachsenenleben gewünscht, dass er, wenn auch mit guter therapeutischer Begleitung, eines Tages die Möglichkeit bekommt, ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen zu können. Denn das führt definitiv und auch langfristig mit Sicherheit zur eigenen Selbstzufriedenheit und das wäre meines Erachtens gewiss eine weitere, überaus wichtige Depressionsprophylaxe!

Spezialinteresse Pädagogik – Von der Entstehung bis zum Wegbegleiter im Erwachsenenalter

Das Thema Spezialinteressen hört sich vom Prinzip her so einfach an, wie fast kein anderes. Doch für mich stellt die Entstehungsgeschichte eine immense Herausforderung dar und deswegen habe ich lange überlegt, ob ich mich überhaupt zu dieser Thematik näher äußern sollte. Denn Spezialinteressen begleiten uns bekanntlich oft durch ein ganzes Leben und die Zeit, aus dem das besagte Interesse entsprungen ist, war meine zweifelhafte Unterbringung in diversen Institutionen für nicht gesellschaftskonforme Kinder und Jugendliche, an denen eine normale Erziehung zur Leistungsfähigkeit, angeblich gänzlich gescheitert war.

So jung wie ich derzeitig auch gewesen bin, hatte ich jedenfalls sehr schnell begriffen, dass ein Mensch unter derartig dubiosen Lebensbedingungen, nicht zu einem psychisch gesunden Erwachsenen heran reifen konnte. Und um das, zunächst erst Mal für mich selbst beweisen zu können, machte ich mich nach entsprechenden Indizien auf die Suche und wurde auch relativ schnell fündig. Im Keller der Einrichtung fand ich eines Tages tatsächlich einen ganzen Stapel pädagogischer Bücher und so verstaubt, wie diese Schriftstücke aussahen, waren sie offensichtlich auch niemals gelesen worden.

Jedenfalls hatte ich erst Mal eine hoch interessante, lehrreiche und vor allem heimliche Lektüre, die mir deutliche Einblicke darin verschaffte, wie Erziehung normalerweise auszusehen hat. Es war zum Beispiel davon die Rede, dass man verständnisvoll mit Verhaltensauffälligkeiten und Lernproblemen umgehen sollte, anstatt mit Erniedrigungen und rigiden Strafmaßnahmen im Kollektiv zu agieren. Ich begriff jedenfalls umgehend, dass der Umgang mit uns absolut der sogenannten schwarzen Pädagogik entsprach und rein gar nichts mit qualifizierter Erziehung zu tun hatte. Und als ich dann noch mitbekam, dass ein Heimerzieher als Voraussetzung, um dort tätig sein zu können, beim Militär gewesen sein musste, lag der Fall für mich klar auf der Hand. So konnte das mit uns nichts werden! Wie soll man denn bei dieser Art von Erziehung zu einem sozial-emotional stabilen Erwachsenen werden.

Und somit wurde das Thema „Pädagogik“ bereits in der Kindheit zu meinem Spezialinteresse. Das heißt, neben der heimlichen Lektüre, begann ich alles um mich herum genau zu registrieren und unbemerkt schriftlich festzuhalten. Ich beobachtete genau, wie sich die Verhaltensstörungen, oder die Renitenz der anderen Kinder entwickelten. Doch vor allem, wie permanent darauf reagiert wurde, mit dem nun erworbenen Wissen, dass die drakonische Sanktionierung zu nichts führen wird, eher im Gegenteil und genauso war es stets verlaufen.

Doch ich analysierte an dieser Stelle nicht nur das Verhalten der anderen Kinder, sondern hinterfragte auch mein eigenes und damit wurde mir im Weiteren bewusst, dass ich selbst wohl nicht normal sein konnte. Aber diese Feststellung behielt ich allerdings wohlweislich für mich.
(Meine Autismus-Diagnose erfolgte erst mit 38 Jahren.)

Doch als ich wieder einmal wegen Gegenständen am Mund, vor der ganzen Gruppe auf das übelste denunziert wurde, konnte ich den Erzieher sogar eines besseren belehren, als er dabei die Begriffe „Oralphase“ mit „Analphase“ verwechselte:
„Das heißt Oralphase und um entwicklungsverzögerte Kinder soll man sich kümmern, anstatt sie zu beschimpfen! Sie sind doch ein Erzieher, warum wissen Sie das nicht?“
Als ich anschließend zur Strafe in einer vorgeschriebenen Zwangshaltung absolut bewegungslos auf einem Stuhl sitzen musste, wurde mir jedenfalls klar, dass man so etwas ja auch nicht wissen kann, wenn das Militär womöglich die einzige Bildung war.

Jedenfalls versuchte ich, die psychischen Folgen dieser Erziehung für meine eigene Person möglichst gering zu halten, so weit das überhaupt zu realisieren war. Zum Beispiel war es eine Form der Verarbeitung, die schrecklichen Szenen heimlich zu notieren und den grundverkehrten Erziehungsstil nicht in mein Bewusstsein eindringen zu lassen. Mit anderen Worten, ich zog mich bei jeder Gelegenheit mental in mich selbst zurück, jedoch ohne meinen sogenannten Beobachtungsposten aufzugeben. Diese waren zwar oft sehr belastend, aber je mehr ich dokumentieren würde, desto mehr könnte ich nach meiner Heimentlassung beweisen, dass derartig über-griffige Erziehungsmethoden keinerlei Hilfe darstellen und unbedingt abgeschafft werden müssen!

Und so ist die Pädagogik auch im Erwachsenenalter noch immer mein Spezialinteresse und wo es mir möglich erscheint, bzw. nach meinen Erfahrungen gefragt wird, stehe ich gerne mit Rat und Tat zur Seite. Meine eigene Kindheit ist der buchstäbliche Beweis dafür, wie sehr man durch Erziehungsfehler, die Seele eines Kindes beeinträchtigen und sogar krank machen kann, mitunter ein ganzes Leben lang. Daher plädiere ich grundsätzlich für eine verständnisvolle und individuelle Erziehung mit liebevoller Geduld und Förderung.

Verschiedenen Mitmenschen, die selbst, aus was für Gründen auch immer, eine furchtbare Kindheit erdulden mussten, gebe ich an dieser Stelle erfahrungsgemäß die Empfehlung, im Hier und Jetzt zu leben, so weit das möglich ist, versteht sich. Aber hier sollte natürlich die Voraussetzung bestehen, dass gegenwärtig lebenswerte Umstände vorhanden sind und auch in der Zukunft, einigermaßen gewährleistet werden können.

Ich bin jedenfalls in der glücklichen Lage, dass sich meine Lebensbedingungen grundlegend zum positiven gewandelt haben. Ich habe einen wunderbaren Mann und ein kleines, aber stabiles, soziales Umfeld, dass aus autistischen und nicht autistischen Kontakten besteht. Und wie kostbar all das ist, weiß ich überaus zu schätzen. Von einzelnen damaligen Mitinsassen, die im späteren Leben leider nicht von vergleichsweise glücklichen Umständen profitieren konnten, weiß ich, dass es unter anderem mit dem Werdegang in verschiedenen Einrichtungen weiter ging. Zum Beispiel der Psychiatrie, oder dem stationären Betreuten Wohnen. Manche von ihnen sind auch gänzlich im Leben abgestürzt, oder mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Das zuvor erwähnte im Hier und Jetzt zu leben, ist natürlich einfacher gesagt, als umgesetzt. Natürlich kommt es immer mal wieder zu einem Flashback, aber dann mache ich mir bewusst, wie positiv mein Leben heutzutage verläuft und dass es nichts weiter mehr zu befürchten gibt, außer den plötzlich präsenten Gedanken, die mich ganz sicher auch wieder los lassen werden. Vor allem, wenn ich sie bewusst gehen lasse! Doch diese Gedanken ziehen zu lassen, ist zunächst ein Lernprozess, aber ich halte ihn für sehr wichtig!

Ganz besonders bedeutsam ist jedoch, dass jeder Mensch für sich herausfindet, was gut für das eigene Selbst ist und es im Rahmen seiner Möglichkeiten, auch verwirklichen und leben kann!

Und bei mir gehört zu meinem pädagogischen Spezialinteresse ebenfalls dazu, mich auch gegen Erziehungssysteme zu wenden, die der autistischen Natur derart widersprechen, wie zum Beispiel ABA. Denn ich weiß nun mal aus eigener Erfahrung, wie sich die kontinuierliche und manipulative Steuerung durch andere Menschen anfühlt, die die jeweiligen Bedürfnisse komplett ignoriert und vor nichts zurück schreckt, um sie auszulöschen und durch „richtiges“ Verhalten ersetzen zu wollen.

Therapie sollte sich meines Erachtens hauptsächlich am Menschen orientieren und nicht am angestrebten Lernziel. Die Entscheidung der Aktion Mensch, die Fördermittel für die ABA Therapie einzustellen, scheint ein erster Schritt in die Richtung zu sein, uns autistische Menschen zu hören, zu sehen und auch ernst zu nehmen!

Autismus und Lerntherapie nach ABA – Teil III

Link zu Teil I
Link zu Teil II

Da ich, wie gesagt, in meiner eigenen Vergangenheit im Grunde artverwandte Erfahrungen gemacht habe, glaube ich ziemlich sicher, das Leiden eines Kindes, dass mit ABA therapiert wird, reell einschätzen zu können. Dem Kind fehlt hier ja leider jegliche Ausdrucksmöglichkeit, da die Art seine Not zu signalisieren unter das unerwünschte, autistische Verhalten fällt, was vom Kind um jeden Preis unterdrückt werden soll.

Die Lernerziehung in meiner eigenen Kindheit hat jedenfalls über sämtliche Jahre die Wochenarbeitszeit eines erwachsenen Menschen haushoch übertroffen. In der verbliebenen Zeit war es kontinuierlich um Verhaltensanpassung, sowie einer steten sozialen Interaktion mit den furchtbaren Heimerziehern und vor allem den vielen Kindern gegangen. Es gab in der Einrichtung keinerlei Rückzugsmöglichkeiten. Die einzige Auszeit beschränkte sich lediglich auf die dortigen Nachtstunden. Und was hat diese, angeblich so anpassungs- und leistungsfördernde, disziplinarische und lückenlos kontrollierte „Erziehung“ eingebracht – ABSOLUT NICHTS! – Sondern das genaue Gegenteil, von dem was sie erreichen sollte! Weiterlesen