Schlagwort-Archive: Kindheit

Spezialinteresse Pädagogik – Von der Entstehung bis zum Wegbegleiter im Erwachsenenalter

Das Thema Spezialinteressen hört sich vom Prinzip her so einfach an, wie fast kein anderes. Doch für mich stellt die Entstehungsgeschichte eine immense Herausforderung dar und deswegen habe ich lange überlegt, ob ich mich überhaupt zu dieser Thematik näher äußern sollte. Denn Spezialinteressen begleiten uns bekanntlich oft durch ein ganzes Leben und die Zeit, aus dem das besagte Interesse entsprungen ist, war meine zweifelhafte Unterbringung in diversen Institutionen für nicht gesellschaftskonforme Kinder und Jugendliche, an denen eine normale Erziehung zur Leistungsfähigkeit, angeblich gänzlich gescheitert war.

So jung wie ich derzeitig auch gewesen bin, hatte ich jedenfalls sehr schnell begriffen, dass ein Mensch unter derartig dubiosen Lebensbedingungen, nicht zu einem psychisch gesunden Erwachsenen heran reifen konnte. Und um das, zunächst erst Mal für mich selbst beweisen zu können, machte ich mich nach entsprechenden Indizien auf die Suche und wurde auch relativ schnell fündig. Im Keller der Einrichtung fand ich eines Tages tatsächlich einen ganzen Stapel pädagogischer Bücher und so verstaubt, wie diese Schriftstücke aussahen, waren sie offensichtlich auch niemals gelesen worden.

Jedenfalls hatte ich erst Mal eine hoch interessante, lehrreiche und vor allem heimliche Lektüre, die mir deutliche Einblicke darin verschaffte, wie Erziehung normalerweise auszusehen hat. Es war zum Beispiel davon die Rede, dass man verständnisvoll mit Verhaltensauffälligkeiten und Lernproblemen umgehen sollte, anstatt mit Erniedrigungen und rigiden Strafmaßnahmen im Kollektiv zu agieren. Ich begriff jedenfalls umgehend, dass der Umgang mit uns absolut der sogenannten schwarzen Pädagogik entsprach und rein gar nichts mit qualifizierter Erziehung zu tun hatte. Und als ich dann noch mitbekam, dass ein Heimerzieher als Voraussetzung, um dort tätig sein zu können, beim Militär gewesen sein musste, lag der Fall für mich klar auf der Hand. So konnte das mit uns nichts werden! Wie soll man denn bei dieser Art von Erziehung zu einem sozial-emotional stabilen Erwachsenen werden.

Und somit wurde das Thema „Pädagogik“ bereits in der Kindheit zu meinem Spezialinteresse. Das heißt, neben der heimlichen Lektüre, begann ich alles um mich herum genau zu registrieren und unbemerkt schriftlich festzuhalten. Ich beobachtete genau, wie sich die Verhaltensstörungen, oder die Renitenz der anderen Kinder entwickelten. Doch vor allem, wie permanent darauf reagiert wurde, mit dem nun erworbenen Wissen, dass die drakonische Sanktionierung zu nichts führen wird, eher im Gegenteil und genauso war es stets verlaufen.

Doch ich analysierte an dieser Stelle nicht nur das Verhalten der anderen Kinder, sondern hinterfragte auch mein eigenes und damit wurde mir im Weiteren bewusst, dass ich selbst wohl nicht normal sein konnte. Aber diese Feststellung behielt ich allerdings wohlweislich für mich.
(Meine Autismus-Diagnose erfolgte erst mit 38 Jahren.)

Doch als ich wieder einmal wegen Gegenständen am Mund, vor der ganzen Gruppe auf das übelste denunziert wurde, konnte ich den Erzieher sogar eines besseren belehren, als er dabei die Begriffe „Oralphase“ mit „Analphase“ verwechselte:
„Das heißt Oralphase und um entwicklungsverzögerte Kinder soll man sich kümmern, anstatt sie zu beschimpfen! Sie sind doch ein Erzieher, warum wissen Sie das nicht?“
Als ich anschließend zur Strafe in einer vorgeschriebenen Zwangshaltung absolut bewegungslos auf einem Stuhl sitzen musste, wurde mir jedenfalls klar, dass man so etwas ja auch nicht wissen kann, wenn das Militär womöglich die einzige Bildung war.

Jedenfalls versuchte ich, die psychischen Folgen dieser Erziehung für meine eigene Person möglichst gering zu halten, so weit das überhaupt zu realisieren war. Zum Beispiel war es eine Form der Verarbeitung, die schrecklichen Szenen heimlich zu notieren und den grundverkehrten Erziehungsstil nicht in mein Bewusstsein eindringen zu lassen. Mit anderen Worten, ich zog mich bei jeder Gelegenheit mental in mich selbst zurück, jedoch ohne meinen sogenannten Beobachtungsposten aufzugeben. Diese waren zwar oft sehr belastend, aber je mehr ich dokumentieren würde, desto mehr könnte ich nach meiner Heimentlassung beweisen, dass derartig über-griffige Erziehungsmethoden keinerlei Hilfe darstellen und unbedingt abgeschafft werden müssen!

Und so ist die Pädagogik auch im Erwachsenenalter noch immer mein Spezialinteresse und wo es mir möglich erscheint, bzw. nach meinen Erfahrungen gefragt wird, stehe ich gerne mit Rat und Tat zur Seite. Meine eigene Kindheit ist der buchstäbliche Beweis dafür, wie sehr man durch Erziehungsfehler, die Seele eines Kindes beeinträchtigen und sogar krank machen kann, mitunter ein ganzes Leben lang. Daher plädiere ich grundsätzlich für eine verständnisvolle und individuelle Erziehung mit liebevoller Geduld und Förderung.

Verschiedenen Mitmenschen, die selbst, aus was für Gründen auch immer, eine furchtbare Kindheit erdulden mussten, gebe ich an dieser Stelle erfahrungsgemäß die Empfehlung, im Hier und Jetzt zu leben, so weit das möglich ist, versteht sich. Aber hier sollte natürlich die Voraussetzung bestehen, dass gegenwärtig lebenswerte Umstände vorhanden sind und auch in der Zukunft, einigermaßen gewährleistet werden können.

Ich bin jedenfalls in der glücklichen Lage, dass sich meine Lebensbedingungen grundlegend zum positiven gewandelt haben. Ich habe einen wunderbaren Mann und ein kleines, aber stabiles, soziales Umfeld, dass aus autistischen und nicht autistischen Kontakten besteht. Und wie kostbar all das ist, weiß ich überaus zu schätzen. Von einzelnen damaligen Mitinsassen, die im späteren Leben leider nicht von vergleichsweise glücklichen Umständen profitieren konnten, weiß ich, dass es unter anderem mit dem Werdegang in verschiedenen Einrichtungen weiter ging. Zum Beispiel der Psychiatrie, oder dem stationären Betreuten Wohnen. Manche von ihnen sind auch gänzlich im Leben abgestürzt, oder mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Das zuvor erwähnte im Hier und Jetzt zu leben, ist natürlich einfacher gesagt, als umgesetzt. Natürlich kommt es immer mal wieder zu einem Flashback, aber dann mache ich mir bewusst, wie positiv mein Leben heutzutage verläuft und dass es nichts weiter mehr zu befürchten gibt, außer den plötzlich präsenten Gedanken, die mich ganz sicher auch wieder los lassen werden. Vor allem, wenn ich sie bewusst gehen lasse! Doch diese Gedanken ziehen zu lassen, ist zunächst ein Lernprozess, aber ich halte ihn für sehr wichtig!

Ganz besonders bedeutsam ist jedoch, dass jeder Mensch für sich herausfindet, was gut für das eigene Selbst ist und es im Rahmen seiner Möglichkeiten, auch verwirklichen und leben kann!

Und bei mir gehört zu meinem pädagogischen Spezialinteresse ebenfalls dazu, mich auch gegen Erziehungssysteme zu wenden, die der autistischen Natur derart widersprechen, wie zum Beispiel ABA. Denn ich weiß nun mal aus eigener Erfahrung, wie sich die kontinuierliche und manipulative Steuerung durch andere Menschen anfühlt, die die jeweiligen Bedürfnisse komplett ignoriert und vor nichts zurück schreckt, um sie auszulöschen und durch „richtiges“ Verhalten ersetzen zu wollen.

Therapie sollte sich meines Erachtens hauptsächlich am Menschen orientieren und nicht am angestrebten Lernziel. Die Entscheidung der Aktion Mensch, die Fördermittel für die ABA Therapie einzustellen, scheint ein erster Schritt in die Richtung zu sein, uns autistische Menschen zu hören, zu sehen und auch ernst zu nehmen!

Mit Autismus älter werden – Teil II

Link zu Teil I

Berührungen und Handhabungen durch fremde Leute sind für Menschen wie uns ohnehin schon eine unerträgliche Belastung. Das habe ich anhand sämtlicher Operationen noch hautnah in Erinnerung, nach denen ich wochenlang, in Gipsschalen liegend, unfähig war, für meine Körperhygiene selbst sorgen zu können. Jedenfalls wurde es für das Pflegepersonal des öfteren zur Geduldsprobe, mich pflegerisch und auch medizinisch versorgen zu müssen, was sich erst im Laufe des jungen Erwachsenenalters von meiner Seite her langsam besserte, da ich inzwischen gelernt hatte, mein diesbezügliches Unbehagen einigermaßen verbergen zu können.

Daher wäre es für mich ein Horrorszenario, wenn ich später mal wieder auf eine derartige Unterstützung angewiesen sein müsste. Doch da ich körperbehindert bin, ist diese Tatsache leider nicht so ganz von der Hand zu weisen. Daher könnte ich mir vorstellen, dass es diesbezüglich im Alter zu ähnlich gravierenden Problemen kommen wird, wie einst in meiner Jugend und ich kann auch mit diesem Hintergrund nur hoffen, dass mir das noch sehr lange Zeit erspart bleiben möge. Weiterlesen

Elternsein mit Autismus – Teil II

Link zu Teil I

Besonders im Zusammenleben mit Kindern ist es relevant, sich in verschiedenen Bereichen des Alltages, im Rahmen der individuell gegebenen Möglichkeiten, ein Stück weit umzustellen. Denn das eigene Leben ist ja halt sehr auf gleichbleibende Strukturen ausgerichtet und unvorhergesehene Ereignisse führen bekanntlich situationsbedingt zu einer hochgradigen Überforderung.

Doch mit Kindern werden solche Inhalte plötzlich zum Familienalltag. Bei einem autistischen Kind besteht natürlich der Vorteil, dass es ebenfalls auf mehr oder weniger stark strukturierte Tagesabläufe und Routinen angewiesen ist und eine möglichst geradlinige Übereinstimmung kommt hier natürlich beiden Seiten überaus entgegen. Zwischen autistischen Eltern und Kindern besteht oft eine innige Bindung der besonderen Art, weil einfach beide recht ähnliche Eigenschaften aufweisen und mit zunehmendem Alter des Kindes eine gegenseitige Wahrnehmung für die jeweiligen Bedürfnisse des anderen vorhanden ist. Weiterlesen

Elternsein mit Autismus – Teil I

Es gibt nur wenige Themen, die in der breiten Öffentlichkeit so vielschichtig diskutiert werden, wie die perfekte Erziehung von Kindern auszusehen hat. Und da ich, insbesondere mit dem Hintergrund meiner damaligen institutionellen Unterbringung, zweifelsohne belegen kann, welche Folgen jegliche Erziehungsfehler bis weit ins Erwachsenenalter nach sich ziehen, halte auch ich es für unumgänglich, eine grundsätzlich gewaltfreie, verständnisvolle und wertschätzende Pädagogik zu vertreten.

In diesem Zusammenhang frage ich mich allerdings, warum gerade Menschen mit der Diagnose Autismus immer wiederkehrend die Fähigkeit abgesprochen wird, ein Kind erziehen zu können. Insbesondere, wenn es sich hierbei um ein ebenfalls autistisches Kind handeln sollte, was ja rein genetisch betrachtet, nicht unwahrscheinlich ist, sind meines Erachtens besonders günstige Voraussetzungen dafür gegeben. Weiterlesen

Kindheitserinnerungen

Ich hatte meine Mutter überredet, mit mir zusammen in das Theaterstück „Supergute Tage“ zu gehen. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, dass wir endlich mal wieder zusammen etwas unternehmen. Meine Mutter war gerade umgezogen und wir hatten in den letzten Monaten sehr wenig Zeit miteinander. Wenn wir uns sahen, ging es meist um Organisation wegen des Umzugs, das war für uns beide sehr stressig.
Wegen des Theaterstücks machte ich mir aber auch Sorgen. Dort ging es um einen Autisten, der versuchte, einen Mordfall zu lösen (mehr möchte ich hier nicht verraten). Oft gab es Situationen, in denen er sich schreiend auf den Boden warf und um sich schlug. Hinzu kam, dass mithilfe von Soundeffekten versucht wurde, die autistische Wahrnehmung nachzuahmen, indem „unwichtige“ Geräusche wie Schritte oder Tastatur tippen unnatürlich laut über die Lautsprecher schallten. Ich fand das alles sehr gut dargestellt, aber was würde das alles für meine Mutter bedeuten?
Immer wieder warf ich im Theaterstück einen Blick auf sie. Wirklich viel konnte ich nicht aus ihr herauslesen. War sie überfordert? Ich beobachtete jede kleine Regung: Lachte sie an witzigen Stellen? Verzog sie das Gesicht? Das Problem war allerdings, dass sie sehr müde war. Das erfuhr ich aber erst in der Pause und interpretierte in ihre Haltungen und Bewegungen eher negatives in Bezug auf das Stück hinein.
In der Pause folgte dann die große Überraschung. Meine Mutter besorgte sich erst mal einen Kaffee, dann unterhielten wir uns. Sie kam mit der Darstellung gut zurecht, fand die Geschichte spannend und konnte trotz Geräuscheffekten alles gut verstehen. Ich war baff, das widersprach so ziemlich allem, was ich meinte, beobachtet zu haben. Weiterlesen