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Sich für Autismus schämen

Ich bin derzeit auf Wohnungssuche. Eine Bekannte hat für mich einen Termin mit einer Maklerin für eine Wohnungsbesichtigung ausgemacht. Allerdings hatte sie der Maklerin erzählt, dass ich Autistin wäre, „allerdings nicht so wie Rainman“. Mir rutschte das Herz in die Hose (RW). Und als ich meiner Mutter davon erzählte, regte sie sich wahnsinnig auf. Unmöglich fand sie das, das ginge die Maklerin gar nichts an.
Nachdem ich mich von meinem Schrecken erholt hatte, kam ich zum Nachdenken. Was genau war eigentlich das Problem? Ich fürchtete ernsthaft, die Wohnung aufgrund meiner Diagnose nicht zu bekommen. Uff… Das war schon echt hart. Damit unterstellte ich der Maklerin, dass sie mich wegen meiner Behinderung diskriminiert.
All das machte mir klar, wie sehr ich mich oftmals leider noch für meine Diagnose schäme. Nicht, weil ich Autismus als etwas Schlechtes oder Mindwertiges empfinde. Sondern eher, weil ich vor dem Bild, das Menschen aus Unwissenheit über Autismus haben, Angst habe.
Natürlich ist es Schwachsinn, seine Diagnose überall um jeden Preis bekannt zu geben. Aber in Hinblick auf die Wohnungssuche würde ich es aber schon als hilfreich empfinden, da auch aufgrund meiner Wahrnehmung andere Dinge für mich wichtig sind als wohl bei den meisten Nicht-Autisten. Eine große Glasschiebetür mit Balkon im Wohnzimmer ist für mich beispielsweise ein Alptraum. Da komme ich mir eher vor wie in einem Aquarium, in das alle hineinschauen können. Auch trotz der Gardinen, die bieten mir keinen „Schutz“. Manchmal träume ich von Gardinen so dick wie Handtücher. Ich glaube, vor einigen Jahrzehnten war so etwas tatsächlich mal „in“.

Bei meinen Überlegen dazu kam ich langsam zu dem Schluss, dass meine Diagnose einen Großteil meines Tages für mich wie ein Tabu-Thema wirkt, obwohl ich offen damit umgehe. Weiterlesen

Autismus-Sprachmetapher – Ein Versuch

Ich überlege immer wieder, wie man erklären kann, wie das Leben mit Autismus so ist. Oftmals gelingt das nur mit Vergleichen. Ein Beispiel: „Autisten fühlen sich, als ob sie von einem anderen Planeten stammen. “
Vor kurzem ist mir folgende Geschichte eingefallen. Für den Alltag ist sie vielleicht etwas zu umständlich, aber niederschreiben wollte ich sie trotzdem:

Man stelle sich einen Deutschsprachigen vor, den in den Niederlanden lebt, ohne Niederländisch sprechen zu können. Zwar sind sich Deutsch und Niederländisch ähnlich, aber so wirklich klappt es nicht mit der Verständigung. Der Deutschsprachige bemüht sich zwar, die Sprache der Niederländer zu sprechen, aber so richtig klappt es nicht. Und das, obwohl er die ganze Zeit bemüht ist dazuzulernen. Aber die Niederländer merken, dass sein Niederländisch irgendwie anders ist.

Irgendwann kommt der Deutschsprachige nach Deutschland und ist baff: Hier wird er auf Anhieb verstanden und muss sich nicht verstellen. Allerdings nicht überall gleich gut. So hat er beispielsweise in manchen Gegenden im Süden Deutschlands Probleme, die anderen zu verstehen. Die Niederländer hingegen verstehen das Problem nicht: Deutsch ist doch Deutsch, oder?

Heilung in Sicht?

Heute beim Allgemeinmediziner.

Ärztin: „Sagen Sie mal, das mit Ihrem Autismus macht Ihnen zur Zeit keine Probleme, oder, das hat sich verbessert?“

Ich (konnte es mir nicht verkneifen): „Ja, stimmt, ich bin inzwischen geheilt.“

Danach habe ich aber noch eine vernünftigere Antwort gegeben. Die Ärztin war grundsätzlich interessiert, und hat dann auch weiter nachgefragt. Sie hat einfach keinerlei Erfahrung mit Autismus und tatsächlich wohl eher das klassische „Rainman“-Bild im Kopf („Sie können ja normal mit mir reden“).

Ich vermute auch, ich komme „besser“ rüber, weil ich mich langsam an sie gewöhne und damit besser mit ihr kommuniziere als am Anfang, wo ich sie kennenlernte (?)

Mit dieser kleinen Episode zeigt sich für mich wieder, dass es tatsächlich sinnvoll ist, meine Diagnose nur dann offenzulegen, wenn es absolut notwendig ist (war es bei der Ärztin vor einiger Zeit). Die Bilder in den Köpfen der Menschen sind teilweise recht seltsam, und aufklären kann man sie nur, wenn sie interessiert sind und nachfragen, und das tun die meisten nicht. So ist man in deren Köpfen entweder ein unfunktionales, schaukelndes Etwas, das zu nix richtig taugt (aber vielleicht toll Streichhölzer zählen kann), oder aber ein Simulant, weil man basale Kommunikation beherrscht und „normal“ aussieht.
Ich fand es gut, dass die Ärztin noch genauer nachgefragt hat und ich ein paar Worte erklären konnte. Am liebsten wäre mir aber einfach, ich müsste mich mit so etwas gar nicht auseinandersetzen.