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Die kleinen Blockaden des Alltags

Immer wieder bin ich geschockt, was für Kleinigkeiten mich im Alltag komplett überfordern. Es sind Dinge, die an anderen Tagen kein Problem darstellen. An anderen Tagen bricht deswegen meine ganze Tagesplanung zusammen.

So war es auch heute. Ich wollte etwas in einem Online-Shop bestellen. Aber es gab kein Zusatzfeld in dem Formular, in dem die Adresse abgefragt wird.
Ich lasse mir Pakete am liebsten auf die Arbeit schicken, damit ich ihnen nicht hinterrennen muss. Außerdem ist es für mich furchtbar, wenn ich weiß, dass zu Hause theoretisch jederzeit der Paketbote klingeln könnte.
Deswegen brauche ich ein Zusatzfeld, in das ich den Namen der Firma eintragen kann.
Es gab zwar ein Zusatzfeld für Anmerkungen ganz unten. Aber wer weiß, ob das berücksichtigt wird.

Die Lösung ist ja jetzt vermeintlich einfach: Kundensupport anschreiben. Es gibt auch ein Kontaktformular.
Aber an diesem Punkt bin ich überfordert. Zum einen muss ich Kontakt zu fremden Menschen aufnehmen. Zum anderen weiß ich nie, wie ich solche Anfragen formulieren soll: umgangssprachlich, wie ein Geschäftsbrief, …? Was wird da erwartet.
Meist endet es damit, dass ich dann die Idee begrabe (rw), weil mir die Kraft dafür fehlt, mich damit auseinanderzusetzen.

Das schlägt natürlich auch auf die Stimmung – versagt. Und ich hatte mich ja eigentlich so darauf gefreut! Meist gebe ich ja nur Aufgaben auf, die für mich sind. Wenn sie für andere sind, habe ich ja meist keine Wahl. Ich bin es sowieso nicht wert, sagt dann eine Stimme in mir.
Heute hat das dazu geführt, dass ich tatsächlich in ein richtiges schwarzes Loch gefallen bin (rw). Ich bin ins Bett geflohen und habe mir wortwörtlich die Decke über den Kopf gezogen.
Ich hab nicht auf die Uhr geschaut, es waren wohl etwa ein bis zwei Stunden, die mir so verloren gingen. Ich hatte mit dem Tag schon abgeschlossen – das wird mit mir heute eh nichts mehr. Weiterlesen

Elementare Strukturen und Routinen im Arbeits- und Privatleben

Wohl fast jeder autistische Mensch kennt die Schwierigkeiten, wenn plötzlich auftretende Ereignisse die gewohnten Strukturen durcheinander bringen und zu welch gravierenden Problemen das mitunter führen kann. Doch es gibt auch viele Möglichkeiten, diesbezüglich für sich selbst zu sorgen, um den Lebensalltag bestmöglich bestehen zu können. So zum Beispiel auch am Arbeitsplatz und im häuslichen Umfeld. Doch im privaten Bereich lässt sich das natürlich wesentlich einfacher realisieren, als in der Arbeitswelt. Aber gerade dort ist es elementar, um seinen beruflichen Alltag bestmöglich bewerkstelligen zu können und sich eine gewohnt strukturierte Umgebung zu schaffen, so weit das außerhalb des eigenen Zuhauses überhaupt möglich ist.

Da ich beides erlebt habe, also zum einen, eine erfüllende, berufliche Tätigkeit mit zum Teil selbst errichteten Strukturen, sowie zum anderen, das genau gegensätzliche erfahren musste, weiß ich, welch hohe Priorität dahinter steckt. Unter anderem hatten die plötzlich fehlenden gewohnten Abläufe sogar zur Beendigung meiner Arbeitsfähigkeit geführt. Im Weiteren ist mir in diesem Zusammenhang ebenfalls bewusst geworden, wie viel von der Toleranz und dem Entgegenkommen der Kollegen tatsächlich abhängt, ob ein Arbeitsverhältnis mit Menschen wie uns gut funktioniert.

Eine hervorragende Chance kann sich diesbezüglich ergeben, wenn plötzlich im Kollegenkreis festgestellt wird, dass wir unter Einhaltung gewisser Rahmenbedingungen tatsächlich die erwartete Leistung erbringen können. Das kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen, obwohl zu dieser Zeit meine Autismus-Diagnose noch lange nicht bekannt war.
Bei einer späteren Reflektion mit meinem damaligen Chef, der heute pensioniert ist, kann ich mich noch genau an seine folgende Worte erinnern: „Wenn ich bestimmte Dinge, wie Telefongespräche und Kundenkontakte von dir fern hielt, konntest du gut und konzentriert arbeiten. Das hatte ich irgendwann raus. Ich habe von Anfang an gemerkt, dass du irgendwie anders warst, aber ich wusste intuitiv damit umzugehen, auch wenn es in manchen Situationen erst eine Weile gedauert hat, bis ich dahinter kam, was du brauchtest.“ Weiterlesen

„Sprechen Sie dich dort schon mit Vornamen an?“

Eigentlich hätte man denken können, dass ich viel zu Hause schaffte. Genug Zeit hatte ich ja. Aber die Wahrheit sah meistens anders aus. Ich hatte eine lange Liste im Kopf mit Dingen, die erledigt werden mussten: Aktenablage, Abwasch, Wäsche, Putzen und der übrige Haushalt. Aufraffen konnte ich mich aber zu nichts. Nicht einmal dazu, ein Buch zu lesen. Obwohl ich genug Bücher auf meinem Lesestapel hatte, die mich auch interessierten und die ich wirklich gerne lesen wollte.
Es ist sehr frustrierend, wenn man zu nichts kommt, obwohl man deutlich mehr Zeit als genug hat. Lange Zeit habe ich überlegt, ob mir ein Ortswechsel vielleicht helfen könnte. Immer wieder hielt ich die Augen auf nach Cafés, in denen ich mich wohl fühlte und vielleicht sogar WLAN hatte. Dort könnte ich in Ruhe am Computer arbeiten, Bücher lesen und mich erholen. Na ja, zumindest theoretisch. Praktisch ist es in Cafés sehr laut und ich hätte dauernd Angst, dass ich meinen PC bzw. die Bücher dreckig mache. Ich kippe nämlich oft Gläser um und stelle mich auch sonst sehr ungeschickt an. Außerdem würde ich wohl die ganze im Hinterkopf berechnen, wie lange noch das Austrinken meines derzeitigen Kakaos (Kaffee mag ich nicht) heraus zögern könne und wann es Zeit für die nächste Bestellung ist. Wenn ich nichts zu trinken mehr habe, muss ich doch das Café verlassen. Oder etwas neues bestellen, was Interaktion mit dem Kellner bedeutet. Würde man mich rausschmeißen, wenn ich zwei Stunden an einem Kakao sitze? Und wie berechne ich ein angemessenes Trinkgeld?! Würde man mich irgendwann dort wieder erkennen und mich jedes Mal entsprechend begrüßen?! Bitte nicht!!!
All das wäre mir wohl durch den Kopf gegangen und ich wäre permanent sehr angespannt gewesen. Lange würde ich es also nicht in einem Café aushalten. Das war also keine gute Idee. Weiterlesen