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Von Gedanken, Eindrücken und Fremdbestimmung – Autismus, Depressionen und Selbsthilfe

Theorien wodurch Depressionen entstehen können, gibt es viele, medizinische und psychologische. Doch ich bin mir sicher, dass dieses Thema im autistischen Spektrum eine explizite Besonderheit darstellt. Alleine schon durch unsere veränderte Gehirnstruktur. Man neigt beispielsweise eher dazu, sich über gewisse Gegebenheiten Gedanken zu machen, die nicht so verlaufen sind, wie man das vorausberechnet hat, sich also völlig anders zugetragen haben. Uns fehlt eben oft die Flexibilität, um uns dann einfach auf die veränderte Situation spontan umzustellen und schon folgt ein Gedankenkarussell mit Fragen wie: Warum, weshalb, wieso, was ist hier los?

Nach meinem Empfinden scheint unser Gehirn, im Gegensatz zum neurotypischen Menschen, ohnehin in permanentem Aktivitäts- und hab Acht Modus zu sein, sobald man aus der eigenen geschützten Umgebung heraustritt. Durch all unsere Gedanken verbinden sich allerdings auch die Synapsen im Gehirn, so dass langfristig sozusagen dickere Kabelstränge entstehen, um das jetzt mal bildlich auszudrücken.

Und wenn uns immer wieder irgendetwas belastet, uns durcheinander bringt, unsere negativen, oder ängstlichen Gedankengänge forciert, könnten diese Verbindungen immer mehr Raum im Gehirn einnehmen. Folglich werden die übrig gebliebenen Kapazitäten, um unter anderem die schönen Eindrücke aufnehmen zu können, auf Dauer möglicherweise zunehmend kleiner.
Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass durch ständig belastende Gedanken, Eindrücke und Erlebnisse die Fähigkeit der Wahrnehmung von positiven Elementen tatsächlich schleichend zu schwinden scheint. Hieraus resultierend könnte womöglich der Weg in eine Depression entstehen.

So viel zu dieser Theorie. Ich kann aus eigener Erfahrung jedoch sagen, wie bedeutsam sie wahrlich ist, aber das man auch an diversen Veränderungen seiner Gedankengänge produktiv arbeiten kann.
So haben viele autistische Menschen beispielsweise oft Schwierigkeiten im sozialen Kontext. Auch mir machen viele soziale Situationen, oder womöglich drohende zwischenmenschliche Konflikte erhebliche Angst und die Gedanken fangen im Nachhinein an zu rotieren. In diesen Phasen fällt es mir jedenfalls wesentlich schwerer, die gut funktionierenden Anteile in meinem Leben wahr zu nehmen. Zuzüglich werden wichtige Lebensinhalte vernachlässigt und geraten mitunter auch in Vergessenheit.

Ich bin jedenfalls dabei, wann immer ich in offensichtlich oder scheinbar für mich belastende, soziale Situationen gerate, mir bewusst zu machen, dass ich ja im zwischenmenschlichen Bereich nicht nur problematisch sein kann. Denn sonst hätte ich ja womöglich kein Sozialleben im gegebenen Umfang. Im Weiteren ist es auch kein Verschulden meinerseits ist, dass ich auf Grund des Autismus ein verändertes Verhalten, bzw. eine etwas andere Art der Kommunikation und Emotionalität lebe. Überdies fehlt mir leider auch des öfteren die Wahrnehmung für die Belange meiner Mitmenschen, woran ich allerdings auch versuche zu arbeiten.

Überhaupt ist Wahrnehmung ein Stichwort. Denn es ist auch schon oft vorgekommen, dass ich glaubte, mit irgendwem im Konflikt zu stehen und dem war überhaupt nicht so. Diese Erkenntnis hatte mein Mann glücklicherweise schon mehrfach im Vorfeld gehabt und es hat sich dann auch tatsächlich so bewahrheitet, wie ich beim nächsten Kontakt mit der betreffenden Person dann selbst feststellen konnte.

Doch neben der Erleichterung ist mir dann auch bewusst geworden, dass ich mir diesbezüglich nur selbst helfen kann, indem ich die Gedanken, wie ich auf andere Menschen wirken könnte, auf ein erträgliches Maß reduziere, um depressiven Denkprozessen entgegen steuern zu können.

Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ein funktionierendes und übersichtliches soziales Umfeld erheblich dazu beitragen kann, einer Depression bei autistischen Menschen vorzubeugen. Dazu kann es leider auch gehören, sich womöglich von sozialen Beziehungen zu trennen, die sich immer wiederkehrend kontraproduktiv auf das eigene Wohlbefinden auswirken. Zum Beispiel weil von ihrer Seite stets der unmissverständliche Eindruck vermittelt wird, dass nur ihr eigenes Verhalten und ihre Art zu sein von Bedeutung ist und den richtigen Lebensinhalt ausmache.

Der Umgang mit solchen Menschen kostete jedenfalls eine unbeschreibliche Energie. Es war eine kontinuierliche soziale Überforderung, sich nicht von deren Sichtweise beeinflussen zu lassen, sondern seine eigene Persönlichkeit zu wahren. Es hat mich jedenfalls manche depressive Episode und auch einen übermäßig langen Zeitraum gekostet, bis ich zu der Erkenntnis kam, dass auch ich das Recht habe, über die Konstellation meines sozialen Umfeldes entscheiden zu dürfen.

Denn ich hatte ja über viele Jahre immer in dem Glauben gelebt, die Menschen mit dem sogenannten richtigen Verhalten besäßen einen höheren Stellenwert, im Gegensatz zu den angeblich minderwertig defizitären. Denn so lautete schließlich die jahrelange, alltägliche Botschaft meiner autoritären und drakonischen Heimerziehung der Kindheit, wo es darum gegangen war, uns das abnormale mit Gewalt auszutreiben. Und weil mich seinerzeit die schwarze Pädagogik so stark geprägt hatte, glaubte ich als Erwachsener noch immer über lange Zeit an diese höchst unqualifizierte und fragwürdige Praktik und meinte daher noch Jahre später, mich um jeden Preis anpassen zu müssen.

Doch eines Tages schien das endlich überstanden zu sein und ich habe mich folglich von den oben genannten problematischen, sozialen Kontakten getrennt. Die eine Person hatte unter anderem ständig beklagt, dass Freundschaften mit mir nur auf Abstand funktionieren würden und die andere hatte beispielsweise stetig bemängelt, dass man mit mir nicht durch Lokale und Kneipen ziehen könnte.

Ich hatte zunächst versucht, mich auf ihre Wünsche einzustellen, aber irgendwann dann auch mal erwähnt, dass meine autistischen Eigenschaften zu ihrem Idealbild vom Leben nicht so gut passen. Das daraufhin folgende Unverständnis mit der Aussage, dass ich ja nur um meine Krankheit kreisen würde, hatte mich eine Weile später allerdings dazu veranlasst, diese Kontakte zunächst auszudünnen und dann auch für immer zu beenden. Denn ich war und bin ja nicht psychisch krank, sondern nur nicht mehr bereit, mich um jeden Preis für andere verbiegen zu müssen.

Anpassung an das vermeintlich normale ist ohnehin ein Thema, was mich auch noch in anderen Zusammenhängen bis weit ins Erwachsenenalter verfolgt und somit beschäftigt hatte. Denn vor meiner Autismus Diagnose war ich in mehreren, auch stationären Therapien gewesen, weil ich für meine Umwelt als nicht ausreichend anpassungs- und funktionsfähig galt.

Ich sollte also durch verschiedene, länger andauernde verhaltenstherapeutische Übungseinheiten lernen, mich dem Alter entsprechend zu verhalten, sowie auf die Menschen zuzugehen, mein Äußeres als fraulich erscheinen zu lassen, leistungsfähiger zu sein, mit regelmäßigen sozialen Kontakten klar zu kommen, normalen Interessen nachzugehen, ausreichend und abwechslungsreich zu Essen, normale Konversation zu führen, verhaltensauffällige Angewohnheiten ablegen und noch einiges mehr…

Mir wurde also, ähnlich wie in alten Zeiten vermittelt, dass andere Menschen die Vorgaben machen und ich mich ihnen anzupassen habe, weil sie ja grundsätzlich im Recht sind und ich ja nun lernen müsste, mich wie ein alters entsprechender, normaler erwachsener Mensch zu benehmen.

Die Belohnung für meine Mitarbeit in der Klinik bestand jedenfalls darin, dass man freundlicher mit mir umgegangen war, also der scharfe Umgangston zurückgefahren und die Kontrolle über mich reduziert wurde. Also habe ich, um diese Annehmlichkeiten bekommen zu können, den nötigen Gehorsam geleistet, so gut ich konnte. Denn anderenfalls drohten höchst unangenehme Konsequenzen, wie zum Beispiel die Denunzierung und Bloßstellung vor der ganzen Gruppe.

Ich kam mir jedenfalls erneut wie ein fremdgesteuertes Wesen vor, ohne ein Recht auf ein Eigenleben und lernte mal wieder, dass offensichtlich nichts so wichtig zu sein scheint, wie den Anweisungen der sogenannten normalen Menschen Folge zu leisten und sich ihnen unter zu ordnen. Doch irgendwie habe ich trotzdem Möglichkeiten gefunden, mir mein eigenes selbst einigermaßen zu bewahren. Dazu gehörte, mein Unwohlsein heimlich durch Stereotypen auszugleichen, wenn möglich in eine Traumwelt zu flüchten, sowie der beruhigende Gedanke, dass auch diese schreckliche Zeit irgendwann vorüber sein wird und ich eines Tages frei sein werde.

Ich glaube, wenn ich zu all den Selbsterhaltungsmechanismen nicht in der Lage gewesen wäre, hätte ich unter diesen Umständen womöglich eine schwere Depression davon getragen. Denn die Machtausübung durch andere Menschen führt meines Erachtens unweigerlich in diese Richtung. Das kann ich durch mehrfache und auch langjährige Erfahrungen nur bestätigen!

Daher sehe ich auch gewisse Zweifel an diversen Autismus-Therapien wie ABA. Auch hier wird ganz klar definiert, wer das sagen hat, zuzüglich der langen Therapie Zeiten.
Wer das Konzept kennt, wird gemerkt haben, dass meine oben genannten Behandlungserfahrungen den Inhalten von ABA ziemlich ähnlich sind. Auch wenn bei ABA immer wieder betont wird, dass eine solche Therapie auch Spaß machen würde, kann ich daran nicht so wirklich glauben und fürchte, dass das Endresultat in dem einen oder anderen Fall möglicherweise in eine spätere depressive Erkrankung münden könnte.

Denn uns fehlt ja leider oft die Fähigkeit, uns über unser wahres Befinden und unsere Bedürfnisse adäquat zu äußern. Dadurch bekommt der Behandler natürlich nicht mit, was wirklich in uns vorgeht und was wir brauchen, sofern es ihm überhaupt für sein Therapieziel als relevant erscheint. Denn bei ABA steht bekanntlich der Erfolg im Vordergrund und weitaus weniger die Belange des autistischen Menschen.

Mir ist durchaus bewusst, dass ich hier gerade ziemlich kritische Worte verwendet habe und es tut mir auch unendlich leid für alle Ärzte und Therapeuten, denen nebst der Therapieziele auch die Wahrung unserer individuellen Persönlichkeit ein wichtiges Anliegen ist und entsprechende Beachtung findet.

Doch erst vor wenigen Wochen befand sich eine ganze Zeitungsseite in unserer Tagespresse zum Thema Autismus und Therapie. ABA wurde hier als die derzeit wirkungsvollste Therapieform angepriesen und die verstärkende Methode des Belohnungssystems mit der Erziehung von Hunden verglichen. Es wurde ferner beschrieben, wie aufwändig es für die gesamten Familienangehörigen ist, das täglich mehrstündige Therapieprogramm auszuarbeiten und mit zusätzlichen Assistenten durchzuführen.

Aber leider wurde in dem ganzen Artikel mit keinem einzigen Wort erwähnt, wie anstrengend es wohl für den autistischen Menschen sein muss, all das jeden Tag über mehrere Stunden durchstehen zu müssen. Denn während sich alle Beteiligten bei diesem Konzept abwechseln, lasten jegliche Anforderungen allein auf dem einzelnen Autisten. Die vorgegebenen Lernziele wird der Betreffende mitunter womöglich auch nur um der Belohnung wegen anstreben, oder auch um seine nötigen Ruhephasen und Pausen zu erhalten, die er sonst nicht, oder nur unzureichend bekommen würde. Meines Erachtens ein fragwürdiger Lerneffekt!

Ich kann daher nur jedem, der irgendwann einer solchen, oder ähnlichen Therapie ausgesetzt wurde, wünschen, dass er sie möglichst unbeschadet übersteht.

Überhaupt gibt es ja auch verschiedene qualifizierte Therapieangebote mit Behandlungskonzepten, die dem autistischen Menschen eine wertschätzende Haltung entgegenbringen und seine Besonderheiten berücksichtigen. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich diese positive Erfahrung in einem ATZ machen durfte! Ich habe dort viel gelernt und eine psychische Stabilität erlangt, wodurch sich mein Lebensalltag eindeutig erleichtert!

Denn jedem autistischen Menschen sei für sein Erwachsenenleben gewünscht, dass er, wenn auch mit guter therapeutischer Begleitung, eines Tages die Möglichkeit bekommt, ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen zu können. Denn das führt definitiv und auch langfristig mit Sicherheit zur eigenen Selbstzufriedenheit und das wäre meines Erachtens gewiss eine weitere, überaus wichtige Depressionsprophylaxe!

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