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Soziales Mittagessen und das ewige Thema Tarnungsversuche

Oh ja. Ich kriegs immer noch nicht hin. Nachdem ich Erfahrungen mit Tarnungsversuchen im letzten Jahr bereits im Praktikum ausführlich durchleben durfte, hieß es auch dieses Jahr: Willkommen in einem neuen Arbeitsumfeld!

Ich arbeite nun als wissenschaftliche Hilfskraft an der Universität, mit geringer Stundenzahl, einer Aufgabe, die meinen Interessen entspricht und einer vorerst kurzen Vertragslaufzeit. Sollte ich mich wirklich nützlich machen, soll ich aber ggf. für länger bleiben können.
Alles in allem ein absoluter Glücksgriff! Ich habe rein von meinen Aufgaben her auch nicht so viel mit anderen Kollegen zu tun und verbringe meine Arbeitszeit alleine vor dem Computer.

Man verkauft übrigens sprichwörtlich seine Seele, wenn man anfängt, an der Uni zu arbeiten. Ich habe dermaßen viele Formulare ausfüllen und Informationen über mich preisgeben müssen, das hatte ich so nicht erwartet. Unter anderem musste ich explizit angeben, ob eine anerkannte Schwerbehinderung vorliegt oder nicht, und in dem Formular auch rechtsgültig unterschreiben, dass ich keine Falschangaben gemacht habe.
Laut Internet darf man direkt nicht danach fragen (Es sei denn die Behinderung wirkt sich auf den Job aus), genauso wie nicht nach Vorstrafen gefragt werden darf, die nichts mit dem Job zu tun haben (aber auch das haben sie getan). Deswegen war ich ziemlich überrumpelt. Da ich nicht lügen durfte musste ich mich ja offenbaren. Denn hätte ich es nicht unterschrieben, hätte ich ja den Job nicht bekommen. Glück für mich: Nur die Personalabteilung und die Sekretärin wissen von meiner Schwerbehinderung (aber nicht, um welche es sich handelt), da der „Papierkram“ nicht von den direkten Kollegen/Vorgesetzten geregelt wird, sondern zentral.

Naja… ich frage mich nun zunehmend, ist es wirklich Glück, dass es niemand weiß, mit dem ich unmittelbar zusammenarbeite? Ich habe das Gefühl, dass ich anfange, es sozial zu versauen. Die Arbeitseinheit geht mittags zusammen in die Mensa, und man fragt mich, ob ich mitkommen möchte, und ich gehe mit, um Teil des Teams zu werden. Es wäre einfach nur großartig, wenn ich mich dort etablieren könnte und wenn ich den Job länger behalten könnte auch über die kurze Befristung hinaus. Also muss ich gut sein. Und Soziales ist ein wichtiger Teil.

Inzwischen kommt mir jedoch der Gedanke, ob es nicht sinniger wäre, nicht zum Mittagessen mitzukommen, weil ich dann auch nicht gezwungen bin, Smalltalk zu halten und mich dann auch nicht so trottelig anstellen kann. Die Kosten-Nutzen-Abwägung fällt wirklich schwer. Ich selber finde es furchtbar anstrengend, nicht alleine Mittag zu essen sondern im Rudel und es stresst mich erheblich, aber wenn am Ende eine Vertragsverlängerung rausspringt war es das wert. Wenn ich mich aber weiterhin eher mies präsentiere, würde das meine Chancen allerdings sogar senken, obwohl ich mich ja bewusst sozial verhalte (…es versuche…).

Und eigentlich besteht das Problem doch auch zumindest teilweise darin, dass niemand von meiner Diagnose weiß!? Ich habe aber tatsächlich irrationale Angst davor, dass es jemand rausfinden könnte. Wie sollte ich auch plötzlich damit ankommen, wo doch niemand von Anfang an etwas wusste? Und wie kann es sein, dass eine blöde Diagnose, ein paar lächerliche Sätze auf einem Blatt Papier so viel Macht haben? Ich glaube nicht daran, dass ich plötzlich besser akzeptiert oder was-auch-immer werde, nur weil ich mit dem Autismusschild wedel. Und ich kann nicht einschätzen, ob sie mich dann nicht erst recht lieber schnell wieder loswerden wollen, um sich keinen offiziell „schwierigen Fall“ ans Bein zu binden. Und ich kann ja schlecht fragen ohne mich schon reinzureiten.

Ich beneide momentan grad jene Autisten, die in ihren Job eingestellt wurden obwohl man schon im Vorfeld von der Diagnose wusste, und die dadurch eine offizielle Begründung dafür haben, dass sie vielleicht ein bisschen „komisch“ sind.

Der infantile Wunsch nach Absolution, danach, die eigenen Defizite auf ein Konstrukt zu schieben welches man um Personen wie mich gebastelt hat. Kollegen, die einem verständnisvoll zunicken und einen ganz furchtbar toll finden, weil sie ja wissen, dass man nichts für seine eigene Unfähigkeit kann und eigentlich wahnsinnig intelligent und sympathisch ist. Die sich nicht von blöden Antworten, verpeilten Fragen und verwirrten oder pseudocoolen (und damit eher lächerlichen) Kommentaren darüber hinwegtäuschen lassen wie unglaublich geeignet man für den Job ist. Und dann hüpfen alle gemeinsam glücklich lachend auf einer bunten Blumenwiese in den strahlenden Sonnenuntergang und haben sich lieb, während sich potenzielle Probleme einfach in einen Hauch Elfenstaub auflösen und sanft vom Wind hinweggetragen werden…

Ernsthaft: Ich sorge mich, dass es schief geht.

Herzlichen Glückwunsch zum Ausbildungsplatz?

Es ist soweit, in den kommenden Tagen werde ich meinen Ausbildungsvertrag unterschreiben. Eigentlich ein Grund zur Freude, oder? Ich muss nicht zur Berufsschule, darf mit reduzierter Stundenanzahl arbeiten und habe nette, verständnisvolle Kollegen. Aber irgendwie kann ich mich doch nicht richtig freuen. Im Gegenteil, ich habe panische Angst zu versagen.

Seit Jahren bin ich auf Arbeitssuche. Nach meinem Schulabschluss war ich erst mal total fertig. Nur mit großen Unterbrechungen habe ich Praktika machen können, in ganz verschiedenen Bereichen. Meine Eltern haben sehr darunter gelitten. Mein Vater wünschte sich, dass ich doch einfach endlich nur ein „wertschaffender Teil dieser Gesellschaft“ sollte. Meiner Mutter ging es bestimmt ähnlich. Und meiner Verwandtschaft ging alles nicht schnell genug: Ich war zu faul, nicht engagiert genug, müsste doch dieses und jenes probieren.

Für mich war es aber auch nicht leicht. In jedem Praktikum musste ich feststellen, dass etwas nicht stimmte. Irgendwie passte das alles nicht, funktionierte nicht. Und mir war klar, wenn ich das noch länger machen würde, würde ich das nicht lange durchhalten.
Und jedes Mal, wenn ich ein Praktikum beendete, hatte ich das Gefühl, versagt zu haben. Das war jedes Mal ein harter Schlag für mein sowieso schon geringes Selbstwertgefühl.
Und so stand ich bei jedem neuen Praktikum unter großen Druck. Dieses Mal musste es einfach klappen, ich wollte die Erwartungen meiner Eltern nicht wieder enttäuschen.
Aber innerlich hatte ich eigentlich die Hoffnung bereits aufgeben, mich einmal selbst finanzieren zu können. Nicht einmal ein Studium oder eine 40-Stunden-Woche schaffte ich. Beides hatte ich vergeblich versucht und war beide Male psychisch zusammengebrochen. Und das trotz Begleitung und Hilfsangeboten. Weiterlesen